Schmerzresistenz: Nacktmulle trotzen der Säure

Nacktmulle bekommen keinen Krebs, werden steinalt und haben kein Problem damit, wenn sie mit ätzender Säure in Berührung kommen. Warum die Nager schmerzfrei sind, haben Forscher jetzt herausgefunden.

Nacktmull im Osnabrücker Zoo: Nagetier mit eingebautem Säureschutz Zur Großansicht
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Nacktmull im Osnabrücker Zoo: Nagetier mit eingebautem Säureschutz

Hamburg - Nacktmulle besitzen faszinierende Eigenschaften: Die Tiere werden im Vergleich zu anderen Nagern nicht nur steinalt, sie bekommen auch keinen Krebs, arbeiten emsig wie Bienen - und sie empfinden beim Kontakt mit Säure keinerlei Schmerz.

Warum das so ist, haben Berliner Forscher jetzt herausgefunden. Wie das Team um Gary Lewin vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) im Wissenschaftsjournal "Science" schreibt, besitzen die Tiere Schmerzrezeptoren mit einem speziellen Natriumkanal. Dieser werde aber von Protonen, also elektrisch positiv geladenen Teilchen, aus der Säure blockiert. In der Folge wird kein sogenanntes Aktionspotenzial ausgelöst. Das bedeutet: Die Nervenzelle "feuert" nicht, sie leitet kein Schmerzsignal weiter.

Nacktmulle sind fast blinde, kaum behaarte Nagetiere. Sie sind kaum größer als Mäuse und leben unterirdisch in den Halbwüstenregionen Ostafrikas. Die kleinen Säugetiere mit der faltigen, rosabraunen Haut leben dicht gedrängt in großen Kolonien mit bis zu 300 Individuen, die von einem Weibchen angeführt werden. Ihr Sozialsystem ähnelt dem von Bienen. Ihre großen Nagezähne nutzen Nacktmulle, die bis zu 30 Jahre alt werden können, auch zum Graben.

Doch warum verzichten die Tiere auf den wertvollen Warnreiz vor der Säure? Das könnte daran liegen, dass in ihren Tunneln und Höhlen der Sauerstoffgehalt gering ist, der Kohlendioxidgehalt hingegen hoch. Und das könnte zu einer Übersäuerung des Gewebes führen, schreiben die Forscher. Vermutlich hätten die Nacktmulle die Säuretoleranz entwickelt, um unter diesen Umständen überleben zu können.

Die aktuelle Untersuchung könne auch dazu beitragen, das Verständnis chronischer Schmerzen beim Menschen zu vertiefen, die durch Übersäuerung von Gewebe entstehen, erklären die Forscher. Hohe Kohlendioxid-Konzentrationen und Säure verursachen normalerweise bei Säugetieren - auch beim Menschen - sehr schmerzhafte Verätzungen und lösen Entzündungen aus, heißt es in einer MDC-Mitteilung. So sei das Gewebe von Patienten mit entzündlichen Gelenkerkrankungen wie Rheuma stark mit Säure angereichert. Der Säuregehalt des Gewebes aktiviere die Schmerzfühler.

Substanzen, die den Natriumkanal blockieren, werden in der Medizin eingesetzt - zum Beispiel zur lokalen Betäubung beim Zahnarzt. Menschen, bei denen der Kanal wegen genetischer Veränderungen beschädigt ist, fühlen dagegen keinen Schmerz.

cib/dpa

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Veraltet und sinnlos
Katzenpfote 19.12.2011
Genau diesen Mist von Säureverätzungen und Schmerzresistenz (Sauerstoffmangel durch unterirdische Lebensweise erhöht die Schmerzsensibilität und muss auf ein sinnvolles Maß ausgeglichen sein. Bei normalem Sauerstoffgehalt ist die Schmerzemfpindlichkeit aufgrund dieser Anpassung viel zu niedrig, um noch als Warnsignal zu funktionieren) habe ich schon vor Jahren gelesen, es ist absolut nichts Neues! Auch nicht neu ist der Versuch, diesen Blödsinn als Chance für die Humanmedizin zu verkaufen. Das ist nicht nur schlechte Wissenschaft, sondern auch gewohnt schlechter Wissenschaftsjournalismus.
2. Wie üblich werden Ursache und Wirkung vertauscht!
nereb 16.04.2013
Zitat: " Vermutlich hätten die Nacktmulle die Säuretoleranz entwickelt, um unter diesen Umständen überleben zu können." Falsch, falsch und nochmals falsch! Die Nacktmulle hatten nicht die Möglichkeit, sich die Entwicklung der Säuretoleranz auszusuchen, sondern die Säuretoleranz hat sich zufällig entwickelt und damit als Selektionsvorteil unter diesen Lebensbedingungen herausgestellt. Ist es wirklich so schwer zu begreifen, wie Evolution funktioniert?
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