Leben am Straßenrand Streusalz vergrößert Hirn und Muskeln von Schmetterlingen

Manche Schmetterlinge bekommen kräftigere Flugmuskeln und ein größeres Hirn, wenn sie an Straßen leben. Grund ist eine Erhöhte Aufnahme von Kochsalz aus Streugut. Doch das Doping hat seinen Preis.

Monarchfalter (Archivbild):  Bei Männchen stärkt Salz die Muskulatur, Weibchen bekommen große Augen
DPA

Monarchfalter (Archivbild): Bei Männchen stärkt Salz die Muskulatur, Weibchen bekommen große Augen


Streusalz kann das Wachstum von Insekten verändern. Bei Schmetterlingen werden Flugmuskulatur und Hirngröße beeinflusst, berichten Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". Das bessere Nährstoffangebot an Straßenrändern sei für die Raupen der Falter attraktiv - allerdings sei auch die Gefahr größer, zum Verkehrsopfer zu werden.

Streusalz enthält normales Kochsalz, Natriumchlorid. Auf Pflanzen mit erhöhtem Natriumgehalt bilden die männlichen Raupen der Monarchfalter größere Mengen eines Proteins, das für den Aufbau von Flugmuskulatur wichtig ist. Heranwachsende Weibchen entwickelten als Falter größere Augen als auf Pflanzen weit abseits der Straßen. Beide Merkmale haben für die Schmetterlinge große Bedeutung: Bei ihren Wanderungen in die Winterquartiere fliegen einige der Tiere mehr als 3500 Kilometer weit.

Von der Pflanze in den Schmetterling

Die Forscher um Emilie Snell-Rood von der University of Minnesota in St. Paul hatten im US-Staat Minnesota einen fünf Meter breiten Bereich neben einer Landstraße und ein etwa hundert Meter entfernt in einem Naturschutzgebiet liegendes Präriestück untersucht. Zunächst bestimmten sie den Natriumgehalt bei vier dort wachsenden Pflanzenarten: einer Grasart, der Graukresse, einer Eichenart und der Gewöhnlichen Seidenpflanze.

Bei entlang der Straße wachsenden Eichen und Seidenpflanzen sei der Natriumgehalt der Blätter 1,5- bis 30-mal höher gewesen als bei den Prärieexemplaren, heißt es in der Studie. Bei den beiden anderen Arten habe es keine deutlichen Unterschiede gegeben. Für ihren Vergleich berücksichtigten die Forscher Monarchfalter-Raupen, die auf Pflanzen mit 16-fach erhöhtem Natriumgehalt heranwuchsen.

Stärkere Muskeln, kürzeres Leben

Im Anschluss an den Feldversuch, testeten die Forscher im Labor die Wirkung von Natrium auf den Kleinen Kohlweißling - eine weitere Schmetterlingsart. Im Test bekamen die Tiere Futter mit unterschiedlichem Natriumgehalt. Bei größeren Mengen in der Nahrung bildeten auch diesmal die Männchen mehr Flugmuskel-Protein, Weibchen dagegen ein größeres Hirnvolumen.

Offenbar kann die Wirkung auf ein Merkmal aber auch komplett gegensätzlich sein: Bei beiden Schmetterlingsarten hätten die Männchen mit mehr verfügbarem Natrium mehr Flugmuskulatur gebildet - die Weibchen hingegen eher etwas weniger.

Entlang von Autobahnen und Hauptverkehrswegen, auf denen mehr Streusalz eingesetzt werde als auf der untersuchten Landstraße, seien noch deutlichere Effekte zu erwarten, schreiben die Forscher. Allein in der Region von Minneapolis und St. Paul würden jährlich rund 300.000 Tonnen Streusalz ausgebracht. Eine weitere Natriumquelle sei die Landwirtschaft. Natrium beeinflusst vor allem das Wachstum von Muskel- und Nervengewebe, in den meisten Ökosystemen ist es nur begrenzt vorhanden - und bei Organismen entsprechend begehrt.

Bestimmte Nährstoffe sind bei Wachstum und Entwicklung von Lebewesen ein wichtiger begrenzender Faktor. Für viele Substanzen wie Stickstoff und Phosphor, die vom Menschen über Düngemittel in die Umwelt gebracht werden, wurde das bereits deutlich gezeigt. Sogenannte Mikronährstoffe wie Natrium werden nur in geringen Mengen benötigt. Welche Folgen ein vom Menschen verändertes Angebot hat, ist vielfach weniger bekannt. Bei den Monarchfaltern sei die Überlebensrate bei den nahe der Straße aufwachsenden Raupen geringer, die Auswirkungen des größeren Natriumangebots auf die Fitness der Wanderfalter insgesamt müsse noch untersucht werden.

Quiz zu Naturrekorden

jme/dpa



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rewerb 10.06.2014
1. Witzig...
bei den Männchen wachsen die Muskeln und bei den Weibchen das Gehirn... Bezeichnend mal wieder.
herumnöler 10.06.2014
2. Na, da wird's ja auch Zeit, ...
... dass Weibchen ein groesseres Hirn entwickeln. Klar, dass sie auch grosse Augen machen, wenn sie Muskelprotze zu sehen bekommen: Das wussten wir eigentlich schon.
analyse 10.06.2014
3. Es lebe die Salzstreuung der Straßen im Winter !
Solange uns die Schmetterlinge keine Konkurrenz machen !
big t 10.06.2014
4. optional
also haben die Dinosaurier Salz ausgetreut auf ihren Trampelpfaden, den die Affen gefressen haben und so enstand der Urmensch
deemes 10.06.2014
5. Statistik
Ohne die Original-Studie gelesen zu haben: Interessanter als die *Korrelation* zwischen Salzgehalt und verstärkten Muskeln bzw. Hirn wäre der biochemische Zusammenhang, so er denn existiert. Da, wo ich Wissenschaft gelernt habe, war eine Korrelation immer nur ein Hinweis auf einen *möglichen* Zusammenhang und insofern bestenfalls ein Auftrag, mit der Erforschung zu beginnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.