Interaktive Karte Hier bedroht der Klimawandel Skigebiete

Klimaforscher prognostizieren: In den Alpen könnte in Zukunft deutlich weniger Schnee fallen. Eine interaktive Karte zeigt, welche Skigebiete besonders gefährdet sind.

Schneemangel in der Schweiz (Foto vom Januar 2017)
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Schneemangel in der Schweiz (Foto vom Januar 2017)

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103 Zentimeter Pulverschnee, davon 10 Zentimeter ganz frisch gefallen. Am Giggijoch in 2525 Metern Höhe im Skigebiet Sölden ist die Welt noch in Ordnung. Die Restaurants und Hotels sind voll, beim Aprés-Ski fließt der Jagatee.

Doch die Wintersportidylle in vielen Skigebieten der Alpen ist langfristig in Gefahr, berichten Forscher in einer Studie, die kürzlich im Fachblatt "The Cryosphere" erschienen ist. Infolge des Klimawandels drohe in den Alpen bis zum Ende des Jahrhunderts ein deutlicher Schneerückgang.

Christoph Marty und seine Kollegen vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos hatten die Schneemengen in verschiedenen Szenarien bis zum Jahr 2100 simuliert. Selbst falls es gelänge, die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, würde die Schneemenge um 30 Prozent sinken.

Macht die Menschheit beim CO2-Ausstoß jedoch weiter wie bisher, könnte bis zum Ende des Jahrhunderts in den Alpen sogar 70 Prozent weniger Schnee liegen. Heute aktive Skifahrer werden das kaum noch erleben, dafür aber ihre Enkel und Urenkel. "Die Schneebedeckung wird so oder so sinken", sagt Marthy, "doch unsere künftigen Emissionen entscheiden, wie stark der Rückgang ist."

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Klimawandel in den Alpen: Ski und Rodel nicht mehr so gut

Kaum noch Naturschnee unter 1200 Metern

Besonders stark betroffen von den prognostizierten Veränderungen seien Höhen unter 1200 Metern, schreiben die Forscher. Bis zum Ende des Jahrhunderts werde es in diesen Höhenlagen kaum noch eine geschlossene Schneedecke geben, sofern die Menschheit den CO2-Ausstoß nicht deutlich reduziert. Wintersport werde es in den betroffenen Skigebieten kaum mehr geben - zumindest nicht auf Naturschnee.

"Mit Kunstschnee kann es durchaus möglich sein, Gebiete unter 1200 Metern weiter zu betreiben", sagt der SLF-Forscher Sebastian Schlögl. Doch ob das tatsächlich gelinge, hänge von vielen Faktoren ab, etwa der Hangausrichtung. Ein Problem ist auch, dass gängige Schneekanonen erst bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt funktionieren.

Welche Skigebiete sind vom Klimawandel besonders bedroht? Das Datenteam des SPIEGEL hat Informationen von 988 Skigebieten aus dem Alpenraum ausgewertet. Die Daten stammen von der Grazer Firma Bergfex. 196 Resorts und damit ein Fünftel der Skigebiete liegen komplett unter 1200 Metern und müssten im Jahr 2100 ohne Naturschnee auskommen (rote Punkte). Diese liegen vor allem am Nordrand der Alpen, in Slowenien sowie in Ober- und Niederösterreich.

Grüne Punkte markieren die 389 Skiresorts, die sich vollständig über 1200 Metern befinden. Gelb kennzeichnet sind jene 400 Gebiete, die sowohl unterhalb als auch oberhalb von 1200 Metern liegen. Sie sind potenziell gefährdet, aber nicht unbedingt. Denn mitunter liegen nur die Talstation der Bergbahn und wenige Pisten unterhalb von 1200 Metern und das eigentliche Skigebiet mit Sesselliften deutlich höher. Beispiele dafür sind Chur in der Schweiz und Kappl in Tirol.

Sie können in die Karte hineinzoomen. Auf Openstreetmap markierte Skilifte sind eingezeichnet, wenn Sie weit genug zoomen. Der kritische Höhenbereich zwischen 1000 und 1200 Metern ist schraffiert dargestellt. Wenn Sie einen Punkt anklicken, werden Details zum Skigebiet angezeigt. Sie können auch noch mehr Details wie einen Pistenplan abrufen, wenn Sie dem Link zur Bergfex-Seite folgen.

CO2-Ausstoß der Menschheit halbiert

Wie stark ein gelb markiertes Skigebiet vom Schneemangel potenziell bedroht ist, lässt sich erst nach einer individuellen Betrachtung abschätzen. "Skigebiete, die komplett nach Süden ausgerichtet sind, sind stärker betroffen als Gebiete mit Nordhängen", sagt Sebastian Schlögl.

Die Prognosen beruhen auf Klimasimulationen und sind zwangsläufig mit Unsicherheiten behaftet. Schlögls Team hat die Schneemengen eigentlich nur für zwei Regionen in der Schweiz simuliert. "Die Entwicklung von Temperaturen und Niederschlägen wird im gesamten Alpenraum jedoch recht homogen sein", sagt der Forscher. Daher könne man die Ergebnisse für die Alpen verallgemeinern. Laut der Studie nehmen die Niederschläge zwar insgesamt zu. Weil es aber auch wärmer wird, sinkt die Schneemenge, weil es öfter regnet statt schneit.

Drei verschiedene Klimaszenarien haben die Wissenschaftler untersucht. Im optimistischen Szenario stabilisiert die Menschheit die CO2-Konzentration in der Atmosphäre bei 450 Parts per Million (ppm) - aktuell sind es etwas über 400 ppm. Dafür müsste der CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2050 halbiert werden. Die Erderwärmung würde dann auf maximal zwei Grad bis zum Jahr 2100 begrenzt bleiben und die Schneemenge in den Alpen um 30 Prozent sinken.

Aber wie realistisch ist ein solch drastischer Schnitt beim CO2-Ausstoß? Die Euphorie nach dem erfolgreichen Klimagipfel von Paris war groß. Inzwischen regiert in den USA ein Präsident, der am Klimawandel zweifelt. Und selbst Deutschland kommt beim Klimaschutz nur noch langsam voran.

In den beiden anderen untersuchten Szenarien steigt der CO2-Gehalt der Atmosphäre auf 720 oder gar 860 ppm. Mit den oben bereits beschriebenen Folgen: 60 bis 70 Prozent weniger Naturschnee in den Alpen, unterhalb von 1200 Metern fast gar keiner mehr.

Doch es droht nicht nur deutlich weniger Schnee, wenn die Menschheit im Kampf gegen den Klimawandel nicht vorankommt. Die Skisaison könnte sich vielerorts verkürzen - um ein, zwei Monate und mehr. Das wären große Einbußen für viele Dörfer in den Alpen, die fast ausschließlich vom Skitourismus leben.

Die folgende Grafik zeigt die Dauer der Schneesaison im Klimaszenario mit 860 ppm CO2 zum Ende des Jahrhunderts - also ohne wirksame Klimaschutzmaßnahmen.

Schneeforscher Marty will die Hoffnung aber noch nicht aufgeben. Es sei zwar traurig, dass die Schneemenge um 30 Prozent sinken könnte, selbst wenn die Menschheit das ambitionierte Zwei-Grad-Ziel erreiche. Aber dieser Wert sei zugleich auch ermutigend im Vergleich zu dem Minus von 70 Prozent, das drohe, wenn man so weitermache wie bisher.

Zusammengefasst: In den Alpen wird wegen des Klimawandels bis zum Jahr 2100 deutlich weniger Schnee fallen, prognostizieren Forscher. Sollte die Menschheit den CO2-Ausstoß nicht deutlich senken, könnte es unterhalb von 1200 Metern kaum noch eine geschlossene natürliche Schneedecke geben. Nach SPIEGEL-Berechnungen wäre jedes fünfte Skigebiet in den Alpen direkt betroffen. Nur 40 Prozent der Ressorts liegen vollständig oberhalb von 1200 Metern.



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