Schnelle Wanderung Magnetischer Nordpol in 50 Jahren in Sibirien

Nach Jahrhunderten relativer Stabilität wandert der magnetische Nordpol wieder - und zwar mit atemberaubender Geschwindigkeit. Sollte er sein jetziges Tempo beibehalten, könnte er in 50 Jahren in Sibirien angelangt sein.


Der magnetische Nordpol ist im Unterschied zu seinem geographischen Pendant ein unsteter Geselle: Ständig ist er auf Wanderschaft - mal langsamer, mal schneller, und manchmal wechselt er gar mit dem magnetischen Südpol die Positionen. Eine solche Umkehrung der Pole fand zuletzt vor rund 780.000 Jahren statt. Dass dies irgendwann wieder geschieht, gilt unter Experten als ausgemacht. Die Frage ist nur, wann.

Als Wissenschaftler feststellten, dass der 1838 entdeckte magnetische Nordpol mit derzeit rund 40 Kilometern pro Jahr unterwegs ist und zugleich die Stärke des Erdmagnetfelds abnimmt, sahen sie schon die Zeit einer erneuten Pol-Umkehrung gekommen. Denn immerhin ist der magnetische Nordpol allein im vergangenen Jahrhundert rund 1100 Kilometer von der kanadischen Halbinsel Boothia in Richtung Sibirien gerutscht.

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Geophysik: Wenn Nord- und Südpol die Plätze tauschen

Neue Erkenntnisse von US-Forschern scheinen diesen Eindruck auf den ersten Blick zu bestätigen. Nach rund 400 Jahren der relativen Stabilität hat der magnetische Nordpol wieder an Tempo zugelegt, berichtete Joseph Stoner von der Oregon State University auf dem Jahrestreffen der American Geophysical Union in San Francisco. Bei seiner derzeitigen Geschwindigkeit könne der Pol schon innerhalb der nächsten 50 Jahre in Sibirien ankommen.

Nordlichter wandern mit

Alaska könnte eines seiner spektakulärsten Naturschauspiele verlieren: die Nordlichter. Ansonsten aber dürfte recht wenig passieren, glaubt der Wissenschaftler. Denn das Eiltempo des magnetischen Nordpols müsse keineswegs einen Wechsel der Pole bedeuten, sondern liege im Bereich der ganz normalen Zuckungen des Erdmagnetfelds. Es gebe eine "große Variabilität" in den Bewegungen des magnetischen Nordpols, betonte Stoner. "Letztlich wird er wieder Richtung Kanada zurückwandern."

In den vergangenen 400 Millionen Jahren, so der bisherige Stand der Forschung, hat sich die Polarität des Magnetfelds bereits mehrere Hundert Mal umgekehrt. Die Umkehrungen sind das Ergebnis komplexer Veränderungen im äußeren Kern der Erde, der aus flüssigem Metall besteht und das Magnetfeld des Planeten aufrechterhält.

Bohrkerne verraten Wanderungen

Um die Geschichte des magnetischen Nordpols vor 1838 zu erforschen, müssen Wissenschaftler im Gestein nach Hinweisen suchen. Stoner und seine Kollegen haben Sedimente verschiedener arktischer Seen analysiert. Darin enthaltene Magnetit-Partikel haben den Zustand des Erdmagnetfelds zur Zeit ihrer Ablagerung gespeichert.

Nach den Bohrungen in den arktischen Seen konnte Stoners Team die Magnetfeld-Veränderungen der vergangenen 5000 Jahre rekonstruieren. "Eines der bisherigen Probleme bei der Verfolgung der Bewegungen des magnetischen Nordpols war, ihren Zeitpunkt zu bestimmen", erklärte Stoner. Doch die neuen Bohrkerne erlaubten eine präzise Datierung bis auf ein Jahrzehnt oder noch genauer.

Die Wissenschaftler fanden so heraus, dass der Nordpol in den vergangenen Jahrtausenden recht ziellos umhergewandert ist. Im Allgemeinen sei er zwischen Kanada und Sibirien hin- und hergehüpft. "Anscheinend zuckt das Magnetfeld etwa alle 500 Jahre", meinte Stoner. Dies zeige, dass "geomagnetische Veränderungen viel abrupter vor sich gehen können, als wir jemals geahnt haben".

Magnetfeld-Zusammenbruch wäre keine Katastrophe

Darüber hinaus aber gebe es kaum Grund zur Besorgnis. Zwar könne die Wanderung des magnetischen Nordpols mitbestimmen, welche Strahlungsmengen vom All in die Erdatmosphäre eindringen und möglicherweise Telekommunikation und Flugbetrieb stören.

Ansonsten wären da noch die schön anzuschauenden Nordlichter, die vom Teilchenstrom der Sonne ausgelöst werden. Mit dem magnetischen Nordpol wandern auch sie - und könnten in Zukunft verstärkt in Sibirien und Europa zu sehen sein.

Eine Katastrophe aber dürfte kaum stattfinden, selbst wenn das Magnetfeld der Erde nach einer Umkehrung der Pole vollständig zusammenbrechen würde. Simulationen von Münchner Forschern haben im Mai 2004 ergeben, dass die Sonne die Menschheit in einem solchen Fall nicht grillen, sondern schützen würde - indem der Sonnenwind in Minutenschnelle ein neues Magnetfeld um die Erde errichtet.



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