Skurrile Tiergeschichten Die tote Ente ist immer dabei

In seinem Buch "Der Entenmann" schreibt Kees Moeliker über verblüffendes Verhalten im Tierreich. Er gilt in diesem Bereich als Experte, seit er homosexuelle Nekrophilie bei Stockenten beobachtet hat

Naturhistorisches Museum Rotterdam

Von Lena Puttfarcken


Kees Moeliker hat ein Fach in seinem Kühlschrank, das für tote Tiere reserviert ist. Wenn er bei einem Spaziergang einen toten Vogel findet, dann landet der zunächst in diesem Fach. Seine Familie hat sich mittlerweile an den Anblick von Tierkadavern neben Milch und Käse gewöhnt. Immerhin nimmt Moeliker die Tiere am nächsten Tag mit zur Arbeit, lang bleiben sie nicht im Kühlfach.

Moeliker ist Biologe, Direktor des naturhistorischen Museums Rotterdam und Experte für tote Tiere mit einer Geschichte. So heißt auch eine der beliebtesten Ausstellungen im Museum. Dort ist zum Beispiel der Spatz zu finden, der 2005 beinahe den "Domino Day" ruiniert hätte - eine frühere TV-Show, bei der Zuschauer Millionen von Dominosteinen beim Umkippen zuschauen konnten.

Der Spatz war in die Halle eingedrungen, in der die Dominosteine aufgebaut waren, und hatte 23.000 Steine umgeworfen. Um die Show vor Schlimmerem zu bewahren, wurde der Spatz erschossen, was weltweit für Schlagzeilen sorgte.

Heute ist der Spatz konserviert und Teil der Ausstellung im Rotterdamer Museum. Genauso wie eine Fledermaus, die in einer Packung Frühstücksflocken in Stuttgart verhungerte. Oder der Marder, der den Teilchenbeschleuniger des Forschungszentrums Cern in Genf kurzschloss.

Eine tote Ente schreibt Geschichte

Das Ausstellungsstück "Nummer Eins", wie Moeliker es nennt, ist eine männliche Stockente. Mit ihr begann seine Leidenschaft für tote Tiere und ihre schrägen Geschichten, die er in seinem Buch "Der Entenmann" veröffentlicht hat.

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Kees Moeliker:
Der Entenmann

Von Spatzenklöten, aussterbenden Filzläusen und nekrophilen Enten. Mysteriöse Todesfälle aus dem Tierreich

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Die Geschichte der Stockente geht so: Am 5. Juni 1995 um 17.55 Uhr hörte Moeliker einen dumpfen Schlag gegen die Fensterscheibe des Rotterdamer Museums. Er war damals noch als Konservator beschäftigt und vermutete, dass gerade ein neues Exemplar für die Museumssammlung gegen das Gebäude geflogen war. Als Moeliker ins Erdgeschoss ging und nachsah, lag am Boden tatsächlich eine tote, männliche Stockente.

Daneben saß eine zweite, sehr lebendige Ente. Moeliker nahm sein Notizbuch zur Hand und fing an zu beobachten. Auch die zweite Ente war männlich und nachdem sie für einige Minuten auf dem toten Artgenossen herumgehackt hatte, begann sie sich mit ihm zu paaren. Moeliker wurde klar, dass er gerade vermutlich den ersten Fall von homosexueller Nekrophilie bei Stockenten beobachtete.

Normalerweise dauert der Geschlechtsverkehr bei Enten höchstens eine Minute. Dieser Erpel war allerdings auch nach 75 Minuten noch am Werk, er unterbrach den Akt nur für kurze Pausen. Da Moeliker Hunger bekam und das Alarmsystem des Museums noch aktivieren musste, unterbrach er das Schauspiel und brachte die tote Ente in eine Tiefkühltruhe.

Die Ente wurde konserviert, und sechs Jahre nach dem Vorfall publizierte Moeliker seine Beobachtungen schließlich in einer niederländischen Fachzeitschrift . Das brachte ihm den Ig-Nobelpreis ein - einen satirischen Nobelpreis für Forschung, die Menschen erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen soll.

Dead Duck Day

"Die Beobachtung der beiden Enten öffnet Menschen die Augen", sagt Moeliker. "Sie zeigt die sexuelle Diversität im Tierreich und auch den Einfluss, den Menschen auf Tiere haben." So würden auch heutzutage noch Menschen denken, Homosexualität sei etwas rein Menschliches. Beobachtungen aus der Tierwelt zeigen, dass das nicht der Fall ist.

Der Fund weise zudem auf eine häufige Todesursache von Vögeln hin: Glasscheiben. Wie die Ente sterben jährlich Milliarden Vögel, weil sie gegen Glas fliegen. Um daran zu erinnern, richtet Moeliker vor dem Rotterdamer Museum seit dem Enten-Vorfall jedes Jahr am 5. Juni den "Dead Duck Day" aus, den Tag der toten Ente.

Am Anfang kamen nur Museumsangestellte, doch von Jahr zu Jahr werden es mehr. In diesem Jahr gab es etwa 80 Zuschauer. "Wir brauchen mittlerweile eine Erlaubnis für die Veranstaltung", sagt Moeliker.

Den Zuschauern erzählt Moeliker zunächst von seiner Enten-Beobachtung. Danach diskutieren sie mit Museumsmitarbeitern über Lösungsstrategien, wie Vögel vor Fenstern geschützt werden könnten. Anschließend gehen die Besucher gemeinsam mit Moeliker in ein chinesisches Restaurant, um ein Sechs-Gang-Enten-Menü zu verspeisen. Die ausgestopfte Ente, die am 5. Juni 1995 starb, ist immer dabei.

Auch bei seinem TED-Talk "Wie eine tote Ente mein Leben veränderte" und bei anderen Vorträgen erscheint Moeliker mit einer Plastiktüte auf der Bühne, in der eine ausgestopfte Ente ist. Nicht immer ist es die Original-Ente. Aber Moeliker und tote Enten sind mittlerweile unzertrennlich.

Sammlung von kuriosen Geschichten

Entenmann, wie sein Buch heißt, ist auch ein Spitzname, mit dem der Biologe immer wieder angesprochen wird. Konsequenterweise ist das Buch der berühmten toten Ente gewidmet.

Neben dem Enten-Vorfall beschreibt Moeliker im Buch noch weitere Fälle von Nekrophilie im Tierreich, auf die er nach seiner Beobachtung gestoßen ist. Denn nicht nur Stockenten sind nekrophil. Auch Pinguine, Frösche und einige andere Tiere haben keine Hemmungen, mit toten Artgenossen zu kopulieren.

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Skurrile Tiergeschichten: Filzläuse und ausgestopfte Vögel

Wenn sich heute ein Tier auf diesem Planeten daneben benimmt, dann erfahre er davon, sagt Moeliker im TED-Talk. Deshalb umfasst sein Buch nicht nur Nekrophilie, sondern noch andere Beobachtungen, die sich um Fortpflanzung im Tierreich drehen. Mit bildlichen Beschreibungen und Fotos erzählt Moeliker von Tieren, die artübergreifend auf Partnersuche gehen oder sogar versuchen, sich mit Grasbüscheln oder Statuen zu paaren.

Aber der tierische Geschlechtsverkehr ist nicht das einzige Thema, dem sich der Biologe widmet - auch wenn es knapp die Hälfte des Buchs ausmacht. Moeliker berichtet beispielsweise von seinen Bemühungen, eine Ausstellung über weltberühmte Spatzen zu organisieren. Der Domino-Spatz ist dabei nur ein Exponat.

Und noch ein anderer Vogel hat Eingang in das Buch gefunden, auch wenn er nicht im Museum ausgestellt wird: der irre Ivo, eine niederländische Amsel. "Das war das Überraschendste, das ich je gesehen habe", sagt Moeliker. Ivo sei über Jahre hinweg gegen das Fenster eines Einfamilienhauses geflogen, um sein Spiegelbild zu bekämpfen. Zwar greifen Vögel öfter ihr Spiegelbild an, aber noch keiner war so ausdauernd wie Ivo. "Er ist mein Liebling", sagt Moeliker.

Ig-Nobelpreis fällt schon auseinander

Geschichten wie diese sollen aber nicht nur amüsieren, sondern zum Nachdenken bringen - ganz im Sinne des Ig-Nobelpreises. "Humorvollen Geschichten hören die Menschen eher zu und erinnern sich eher daran", sagt Moeliker. Der irre Ivo kann nur gegen sich selbst kämpfen, weil Menschen dort ein Haus mit Fenstern gebaut haben. "Das Verhalten von Tieren wird oft von Menschen beeinflusst", sagt Moeliker. Darauf wolle er aufmerksam machen.

Der Ig-Nobelpreis, den Moeliker bekommen hat, ist eine Badezimmerfliese mit der Aufschrift "Ig Nobel Prize 2003". Darauf befindet sich ein Plexiglaswürfel, in dem angeblich ein Goldbarren im Format eines Nanometers steckt. Heute ist der Preis an der Wand von Moelikers Toilette zu bewundern, allerdings fällt er schon auseinander.

Weil der Biologe an die Idee des Ig-Nobelpreises glaubt, gehört er inzwischen selbst zu dem Komitee, das den Preis vergibt. Seit einigen Jahren ist er offiziell der European Bureau Chief von Improbable Research, der Organisation hinter dem Preis. Er nimmt seine Aufgabe ernst - auch wenn dieses europäische Büro im Grunde nicht mehr als ein Fach in seinem Schreibtisch ist, mit einem Sticker von Improbable Research darauf.

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