Schrumpfende Reserven Ölkonzern mahnt zum Energiesparen

Schon lang warnen Wissenschaftler vor dem geologischen Phänomen "Peak Oil": Ist der Produktivitätsgipfel eines Fördergebietes erreicht, wird es wegen des sinkenden Drucks immer schwieriger, Öl aus dem Boden zu saugen. Selbst die Industrie warnt vor dem Ende der Reserven.

Von Silvia Liebermann


Ölförderung (Kuweit): Gipfel 2008 erreicht?
AP

Ölförderung (Kuweit): Gipfel 2008 erreicht?

"Die Zeiten, als wir uns auf billiges Öl und noch billigeres Erdgas verlassen konnten, sind eindeutig vorbei." Solche Aussagen sind nicht neu. Doch überraschend ist, dass dieses Zitat von David O'Reilly stammt, dem Chef von Chevron-Texaco. Während unabhängige Geologen schon länger vor dem baldigen Ende des billigen Erdöls warnen, beruhigten die Ölkonzerne die Öffentlichkeit gerne mit einem Verweis auf den technologischen Fortschritt, der die Erschließung neuer Vorkommen ermöglichen werde.

Jetzt warnt der zweitgrößte US-Ölkonzern in einer Anzeigenkampagne "Es hat 125 Jahre gedauert, bis wir die erste Billion Barrel Öl verbraucht haben. Die nächste Billion werden wir in 30 Jahren verbrauchen." Auf der Webseite www.willyoujoinus.com ruft das Unternehmen zum Energiesparen auf.

Seit langem schon verweisen Wissenschaftler auf das geologische Phänomen "Peak Oil". Es markiert die maximale Förderkapazität eines Ölfeldes - ist der Gipfel erreicht, sinkt die Produktivität stetig. Der Grund: Mit zunehmender Ausbeutung nimmt der Druck im Ölfeld ab und es wird immer schwieriger und energieaufwändiger, den Rohstoff zu pumpen. Doch nicht nur ein Ölfeld erreicht diesen Gipfelpunkt, sondern auch die landesweite und weltweite Erdölproduktion.

Als der Geologe M. King Hubbert 1956 das Phänomen Peak Oil zum ersten Mal anhand einer Glockenkurve beschrieb und die Förderspitze der US-Ölfelder für Anfang der siebziger Jahre voraussagte, wurde er ausgelacht. Doch er behielt recht: 1971 erreichte die Förderung in 48 US-Bundesstaaten ihren Höhepunkt.

Experte prophezeit Preis von 250 Dollar pro Barrel

Wann genau der weltweite Gipfel erreicht sein wird ist umstritten. Einige behaupten, dass wir bereits darauf stehen. Nach den Berechnungen der Geologen von der ASPO (Association for the Study of Peak Oil and Gas), ist es vermutlich im Jahr 2008 so weit. Erst hinterher lässt sich der Zeitpunkt mit Sicherheit bestimmen. Ist der weltweite Scheitelpunkt erreicht, sinkt das Angebot - bei ständig steigender Nachfrage.

Als Folge klettern die Preise steil nach oben. Der texanische Investmentbanker Matthew Simmons glaubt, dass der Rekordpreis von 70 Dollar pro Barrel Rohöl in Folge von Hurrikan 'Katrina' noch niedrig ist. "Wir müssen in den kommenden Jahren mit einem Ölpreis von 200 bis 250 Dollar pro Fass rechnen", sagte der Ölexperte, der die Bush-Regierung in Energiefragen berät, dem Schweizer "Tagesanzeiger".

Schönt Saudi-Arabien seine Förderprognose?

In seinem kürzlich erschienenen Buch "Twilight in the Desert" legt er dar, dass der weltweit größte Ölproduzent Saudi-Arabien über wesentlich geringere Reserven verfügt, als das Land vorgibt. Simmons vermutet, dass das Königreich die Ölspitze überschritten hat - und wir damit auch den weltweiten Scheitelpunkt bereits erreicht haben. Der Investmentbanker rät zum Umdenken. 70 Prozent des Öls werden weltweit im Straßenverkehr verbraucht. Um einer Krise entgegenzusteuern, müssten wir sofort Lastwagen von den Autobahnen nehmen und die Gütertransporte auf die Schiene und das Wasser verlagern, fordert er.

Auch Peter Gerling von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe empfiehlt, Energie zu sparen. "Wir werden auch in 100 oder 150 Jahren noch Öl haben. Doch wir werden es bestimmt nicht mehr dazu nutzen, Autos zu fahren oder Plastiktüten herzustellen." Stattdessen könnte der Rohstoff dann möglicherweise nur noch zur Herstellung von Medikamenten oder hochwertigen chemischen Produkten verwendet werden.

Ölförderung in Russland: Rekordpreis noch zu niedrig
AFP

Ölförderung in Russland: Rekordpreis noch zu niedrig

Gerlings Berechnungen zufolge werden wir den weltweiten Scheitelpunkt in 10 bis 15 Jahren erreichen. Die Angaben der Ölindustrie, nach denen die gesicherten Reserven noch mindestens 40 Jahre ausreichen, hält er für eine Irreführung. Denn diese Zahl geht von einem gleichbleibenden Verbrauch aus.

Doch der Durst auf Öl wächst gewaltig. Die Internationale Energieagentur rechnet im kommenden Jahr mit einem um gut zwei Prozent gestiegenen Verbrauch.

Schwer förderbare Reserven werden eingerechnet

Derzeit verbrauchen wir weltweit jeden Tag etwa 84 Millionen Barrel Öl. Im Jahr 2030 sollen es täglich 120 Millionen Fässer sein. Besonders in China und Indien wächst die Nachfrage zusammen mit dem Lebensstandard. Bei den Berechnungen der Ölindustrie sind außerdem unkonventionelle Reserven, wie die riesigen Ölsandvorkommen in Kanada, einkalkuliert. Doch die Förderung dieser Ressourcen ist äußerst problematisch - sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich. Der Abbau und die Verarbeitung sind extrem energieaufwändig und produzieren noch mehr klimaschädliches Kohlendioxid als konventionelles Erdöl.

Gerling sieht die Ölgewinnung aus den kanadischen Teersanden mittlerweile kritischer als noch vor einigen Jahren: "Ich bin skeptisch, ob die hohen Zahlen, die auch wir selber schon verkündet haben, noch zu halten sind." Falls sich die Ausbeutung dieser unkonventionellen Ressourcen langfristig doch lohnen sollte, hätte das fatale Folgen für die Umwelt: Die hohe CO2-Bilanz dieser Art der Ölgewinnung bedroht das Klima, und der Tagebau in der kanadischen Provinz Alberta reißt riesige Löcher in ein sensibles Ökosystem.

Ob sich das Ende des billigen Öls positiv oder negativ auf unser Klima auswirkt, hängt nach Ansicht des Energieexperten Manfred Fischedick davon ab, wie die Energiepolitik reagieren wird. "Wir müssen politisch die Lehren aus dem hohen Ölpreis und den häufigen Naturkatastrophen ziehen und die Wende von den fossilen Energieträgern auf erneuerbare Energien einleiten", fordert der Mitarbeiter vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Fischedick warnt davor, wegen der Ölknappheit auf das zurückzufallen, was am einfachsten scheint: Auf andere fossile Brennstoffe wie Kohle oder unkonventionelle Ölreserven. "Wenn man den Klimaschutz ernst nimmt, muss man den Verbrauch an fossilen Ressourcen eindämmen."



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