Knochensplitter

Knochensplitter Ausgrabungsort Schublade

Oliver Hampe, Fossil und digitale Rekonstruktion: Fund in der reichhaltigsten Fundstätte Zur Großansicht
Naturkundemuseum Berlin

Oliver Hampe, Fossil und digitale Rekonstruktion: Fund in der reichhaltigsten Fundstätte

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Der Berliner Paläontologe Oliver Hampe hat einen neuen "deutschen" Plesiosaurus entdeckt. Das ist ungewöhnlich - im Gegensatz zum Fundort: Er fand das Fossil in einer Münsteraner Museumsschublade. Ein fast schon normaler Vorgang.

137 Millionen Jahre lag Gronausaurus wegneri versteinert im Boden, bis er im Jahre 1912 Arbeitern der Ziegeleigrube Gerdemann in der Nähe des westfälischen Städtchens Gronau auffiel. Die hatten dort schon öfter Fossilien gefunden und wussten, dass diese Versteinerung eines offenbar größeren Tieres - die Gesamtlänge wird auf rund drei Meter geschätzt - ein Fall für die Forschung wäre.

Sie verständigten das Geologisch-Paläontologische Institut der Universität Münster, und der Privatdozent Theodor Wegner folgte dem Ruf: Er kannte die Grube, hatte dort zwei Jahre zuvor einen ebenfalls etwas über drei Meter langen Plesiosaurus ausgegraben und bestimmt, dem er die Bezeichnung Brancasaurus brancai gab. Als nun erneut in unmittelbarer Nähe des ersten Fundes ein Plesiosaurus ans Tageslicht kam, erklärte Wegner den schnell zum Artgenossen des inzwischen präparierten und in Münster ausgestellten Erstfundes.

Ein Irrtum, wie nun Oliver Hampe vom Naturkundemuseum Berlin nachwies. 101 Jahre nachdem Wegner die Knochen archivieren ließ, bestimmte Hampe diese als Fossil einer eigenen Art: Gronausaurus wegneri setzt dem verdienstvollen Paläontologen, der seinen Fund in diesem Fall einmal nicht als das erkannte, was er war, ein spätes Denkmal.

Hampe gelang der Fund im Archiv während eines Forschungsaufenthaltes in Münster. Bisher ist das nun erkannte Exemplar das einzige seiner Art: Der sogenannte Holotypus besteht aus einem Skelett, dem aber einige Schädelelemente, Halswirbel sowie Fuß- und Fingerglieder der Paddel fehlen.

Plesiosaurier-Puzzle: Selbst gut erhaltene Fossilien sind meist Stückwerk. Kein Wunder, dass es oft lange dauert, bis erkannt wird, was man da vorliegen hat Zur Großansicht
Naturkundemuseum Berlin

Plesiosaurier-Puzzle: Selbst gut erhaltene Fossilien sind meist Stückwerk. Kein Wunder, dass es oft lange dauert, bis erkannt wird, was man da vorliegen hat

Einzigartig für Gronausaurus wegneri, heißt es in einer Pressemitteilung des Naturkundemuseums Berlin, seien die "sich unterhalb der Querfortsätze der Brust- und vorderen Rückenwirbel befindlichen ausgeprägten Gruben, die wahrscheinlich eine höhere Stabilität gegen Zugkräfte der Rückenmuskulatur am lebenden Tier gewährleisteten. Als evolutiver Vorteil wäre eine verbesserte Manövrierfähigkeit dieser Art von Plesiosaurier anzunehmen."

Nicht einzigartig ist dagegen der Fundort des Plesiosauriers. Schubladen dürften die reichhaltigste Fossilienlagerstätte der Welt sein - mit weltweit Millionen von oft über Jahrzehnte eingelagerten, bisher unzureichend oder gar nicht analysierten Funden. Da ist es kaum überraschend, dass es immer wieder zu solchen spektakulären Archivfunden kommt, bei denen neue Arten entdeckt werden.

Hier ein paar Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit:

Kein Fisch: Erst nach 100 Jahren wurde dieses Fossil als früher Tetrapode erkannt Zur Großansicht
Naturkundemuseum Berlin

Kein Fisch: Erst nach 100 Jahren wurde dieses Fossil als früher Tetrapode erkannt

  • Im Oktober 2010 holten Florian Witzmann und Johannes Müller im Berliner Naturkundemuseum nach, was Otto Jaeckel 100 Jahre davor versäumt hatte: "Unbestimmter Quastenflosser" notierte er über das Fossil eines rund 340 Millionen Jahre alten Tieres. Die Berliner erkannten beim Durchstöbern der Archivschränke, dass Jaeckels Fossil gar nicht nach Fisch aussah, sondern vielmehr zu den Colosteiden gehörte, den Vorläufern von Amphibien und Reptilien: Das Fossil entpuppte sich als das bisher älteste Fundstück eines Tetrapoden - eines Vierfüßers. Ein extrem seltener Fund, der in der Presse als "missing link" gefeiert wurde. Nur Monate zuvor hatten polnische Paläontologen Fußspuren solcher im Randbereich, aber noch im Wasser lebender Vierfüßer nachgewiesen (siehe auch Bildergalerie).
  • Im Oktober 2012 beschrieb der Paläontologe Paul Sereno den Saurier Heterodontosaurus mit "Stacheln wie ein Stachelschwein", einer Art Papageienschnabel und "Zähnen wie ein Vampir". Er selbst kannte das Fossil da schon seit 1983, als er erstmals in einer Archivschublade darauf stieß. Dort lagerte das bis dahin noch immer unbenannte Fossil seit den sechziger Jahren. Sereno arbeitet nun an einer Analyse.

Paul Serenos Heterodontosaurus: Skurril-bizarres Fossil, das trotzdem Jahrzehnte auf seine Bestimmung wartete Zur Großansicht
DPA

Paul Serenos Heterodontosaurus: Skurril-bizarres Fossil, das trotzdem Jahrzehnte auf seine Bestimmung wartete

  • Im Mai 2009 beschrieb eine Paläontologengruppe um Jørn H. Hurum eines der heute berühmtesten Messel-Fossilien überhaupt: den kleinen Primaten "Ida" alias Darwinius masillae. Zunächst übertriebenerweise als "missing link" in der Entwicklung der Primaten hin zum Menschen gefeiert, gilt "Ida" heute als sensationell gut erhaltenes Fossil eines sehr frühen Primaten (47 Millionen Jahre). Das Licht der Öffentlichkeit erblickte der kleine Star, nachdem er 25 Jahre lang in der Schublade eines Privatsammlers gelegen hatte.
  • Im August 2012 besuchten Biologen der Uni Greifswald das Royal Ontario Museum (Toronto, Kanada) und stöberten in dessen Archivschränken. Heraus beförderten sie einen Lobopoden, einen langbeinigen Gliederwurm. Klingt nicht spektakulär, war es aber: Das Fossil war "nur" 300 Millionen Jahre alt - womit der Nachweis gelang, dass diese höchst urtümlichen Tiere, die ihre Hochzeit im Kambrium erlebten, rund 200 Millionen Jahre länger überlebten, als bis dahin angenommen.
  • Wissenschaftlich gesehen weniger brisant war der Fund, den der Paläontologe Howard Falcon-Lang im Januar 2012 bekanntgab - aber von erheblichem öffentlichen Interesse. Falcon-Lang hatte sich in einem Lagerraum des British Geological Survey bei Keyworth angesehen, wer da eigentlich all die netten Pflanzenfossilien für die Analyse präpariert hatte. Schon das erste Stück, das er - möglicherweise als erster Mensch seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten - in die Hand nahm, ließ daran keinen Zweifel: Charles Darwin. Falcon-Lang war über Teile der Sammlung Darwins gestoßen, die der 1834 im Laufe der legendären Reise mit der "Beagle" zusammen getragen hatte - der Reise, in deren Verlauf Darwin das Prinzip der Evolution erkannte. Die Aufschrift der Schublade: "Nicht bestimmte Pflanzenfossile".

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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wach hält.
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