Kiwis und Tiger: Gefangen im evolutionären Flaschenhals

Kiwi: Bedrohtes Wahrzeichen Fotos
Getty Images

Vor hundert Jahren war der Zwergkiwi beinahe ausgerottet. Heute gibt es wieder etwa 1200 Exemplare. Doch den Vögeln ist die genetische Vielfalt abhanden gekommen. Ähnliches passiert auch dem Tiger. Forscher fürchten um die langfristigen Überlebenschancen der Arten.

Für die Kiwis war Neuseeland lange eine Art Paradies. Die kleinen Laufvögel fanden in den Wäldern reichlich Nahrung - Insekten und Käfer, Beeren und Samen, die sie nachts sammeln konnten. Tagsüber versteckten sie sich in Unterschlüpfen. Kiwi-Pärchen zogen über Jahrzehnte jedes Jahr ein bis zwei Junge groß - die Vögel werden im Schnitt 45 Jahre alt.

Alles änderte sich, als Menschen die Insel besiedelten. Schon die Maori setzten den Vögeln zu. Doch richtig schlimm wurde es, als europäische Siedler verschiedene Tierarten nach Neuseeland einschleppten. Hermeline fressen die Eier der am Boden brütenden Kiwis, Frettchen, Katzen und Hunde erlegen Jungtiere - und zum Teil sogar ausgewachsene Vögel. Wie verheerend die Wild- und Haustiere für die Vögel sein können, zeigt schon eine Anekdote, die die Weltnaturschutzorganisation IUCN schildert: Binnen sechs Wochen tötete demnach ein einziger Hund etwa 500 Streifenkiwis. Heute gelten vier der fünf Kiwi-Unterarten als bedroht. Allein der Zwergkiwi (Apteryx owenii) wird von der IUCN lediglich als "potentiell gefährdet" eingestuft.

Auf mehreren vorgelagerten Inseln leben zwar nur rund 1600 Zwergkiwis - doch der Bestand ist in den vergangenen Jahrzehnten kräftig gewachsen. Ein Forscherteam um Kristina Ramstad von der Victoria University in Wellington warnt jedoch, dass der langfristige Fortbestand der Art dennoch gefährdet ist: Bei einer Erbgut-Analyse stellten sie fest, dass genetische Vielfalt unter den Zwergkiwis kaum noch vorhanden ist.

Nur fünf Gründer

Wie Ramstad und ihre Kollegen im Fachmagazin "Proceedings B" der Royal Society berichten, stammen alle heute lebenden Zwergkiwis von nur fünf Exemplaren ab, die 1912 auf Kapiti Island ausgesetzt wurden. Obwohl man in den achtziger Jahre noch zwei Zwergkiwis aus D'Urville Island entdeckt und mit Artgenossen zusammengebracht hatte, haben sich die beiden nicht fortgepflanzt - zeigt die Genanalyse.

Wenn eine Art in der Vergangenheit so weit dezimiert wurde, dass nur noch wenige Dutzend Tiere lebten, sprechen Forscher von einem genetischen Flaschenhals. Die Spuren eines solchen Ereignisses bleiben über lange Zeiträume erhalten.

Für die Zwergkiwis kann das in Zukunft ein großes Problem werden. Ihr Bestand hängt ohnehin von ständigen Schutzmaßnahmen ab, schreiben die Forscher um Ramstadt. Denn die Inseln, auf denen die Kiwis nun leben, müssen frei von ihren Fressfeinden bleiben.

Was aber passiert, wenn sich die Umweltbedingungen auf den Inseln auch nur leicht verändern? Dann schaffen es die Kiwis wegen der fehlenden Gen-Vielfalt möglicherweise nicht, sich anzupassen. Insbesondere neue Krankheiten können für die Vögel zum Problem werden, denn auch für die Immunabwehr wichtige Gene, deren Varianz besonders wichtig ist, sind bei den Zwergkiwis weitgehend ähnlich. Dass die Vögel bis jetzt überdauert haben, gebe aber auch Hoffnung - dass es auch andere Spezies schaffen können, den genetischen Flaschenhals zu überstehen.

Dazu zählen beispielsweise die Tiger, um die sich ein weiterer Fachartikel in derselben Ausgabe der "Proceedings B" dreht. Eine Gruppe um Samrat Mondol vom National Centre for Biological Sciences im indischen Bangalore berichtet über den Verlust genetischer Vielfalt bei den Großkatzen. Die Forscher verglichen das mitochondriale Erbgut heute in Indien lebender Tiger mit historischen Proben und stellten fest, dass die meisten der noch vor wenigen Jahrzehnten vorhandenen Varianten inzwischen verschwunden sind.

wbr

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Mit ein bisschen glück wird das schon wieder
EvilGenius 15.05.2013
Es wird vermuted, dass auch die Menscheit vor siebzig bis achtzigtausend Jahren durch so einen Flaschenhals gegangen ist. Hat uns wohl nicht geschadet.
2.
juleswdd 15.05.2013
Zitat von sysopGetty ImagesVor hundert Jahren war der Zwergkiwi beinahe ausgerottet. Heute gibt es wieder etwa 1200 Exemplare. Doch den Vögeln ist die genetische Vielfalt abhanden gekommen. Ähnliches passiert auch dem Tiger. Forscher fürchten um die langfristigen Überlebenschancen der Arten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/schutz-bedrohter-arten-forscher-fuerchten-evolutionaeren-flaschenhals-a-899917.html
Und wen interessieren ernstlich die "langfristigen Überlebenschancen" dieser Arten?
3. @EvilGenius
RD123 15.05.2013
hat uns nicht geschadet? man schaue einfach mal eine halbe Stunde RTL und erkenne, wie sehr dieser Flaschenhals uns geschadet hat... falls es ihn gegeben hätte.
4.
jules16v 15.05.2013
Zitat von EvilGeniusEs wird vermuted, dass auch die Menscheit vor siebzig bis achtzigtausend Jahren durch so einen Flaschenhals gegangen ist. Hat uns wohl nicht geschadet.
Wenn ich mir so manchen Erguß hier im Forum ansehe bin ich mir da nicht so sicher...
5. meine Erblinie...
Emil Peisker 15.05.2013
Zitat von RD123hat uns nicht geschadet? man schaue einfach mal eine halbe Stunde RTL und erkenne, wie sehr dieser Flaschenhals uns geschadet hat... falls es ihn gegeben hätte.
Waren die Homos aus der Zeit vor dem Flaschenhals gescheiter, oder denken Sie, dass wir heute gescheiter wären, falls es den Engpass nicht gegeben hätte. Da ich kein RTL schaue, ist wohl meine Erblinie vom Flaschenhals verschont worden.:-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Artenschutz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 25 Kommentare
Testen Sie Ihr Wissen!

Hintergrund
Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren...
Evolution
Die Veränderung des Erbguts und damit des Phänotyps von Individuen von Generation zu Generation.
Population
Eine Gruppe von Organismen einer Art oder auch verschiedener Arten (Mischpopulation) an einer bestimmten Örtlichkeit.
Phänotyp
Das Erscheinungsbild eines Individuums ist die Gesamtheit der durch die Erbanlagen (Genotyp) und die Einflüsse der Umwelt sich ausprägenden Merkmale eines Lebewesens.
genetische Variabilität
Die einzelnen Individuen einer Art besitzen genetische Unterschiede.
natürliche Selektion
Das Erbgut von Individuen einer Art wird nicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit weiter gegeben. Manche Individuen einer Population vermehren sich stärker als andere - je nachdem wie überlebenstüchtig sie in einer bestimmten Umwelt sind. Selektionsfaktoren der Umwelt üben eine natürliche Selektion aus.
sexuelle Selektion
Ein Individuum bevorzugt bei seiner Partnerwahl bestimmte Merkmale. Dadurch haben nicht alle potentiellen Sexualpartner die gleichen Chancen zur Fortpflanzung, es findet somit eine Selektion statt. Die Erbanlagen, die die Merkmale hervorbringen, die f?r die Partnerwahl entscheidend waren, werden dadurch weiter gegeben.
künstliche Selektion
Vom Mensch gewünschte Eigenschaften werden durch Selektion und Zucht einzelner Individuen gezielt vermehrt.
genetische Drift
Auch Gendrift genannt. Vorgang bei der Evolution, der zu einer Veränderung im Genbestand kleiner Teilpopulationen gegenüber der Ausgangspopulation führt. Je kleiner eine Population ist, umso leichter kann der Zufall eine vom allgemeinen Durchschnitt abweichende Kombination von Genen zusammenführen. Gelangen beispielsweise nur wenige Individuen einer Art in ein isoliertes Gebiet (Insel, abgeschnittenes Gebirgstal), so können sich nun von ihrem Selektionswert unabhängige Mutationen aufgrund des Zufalls durchsetzen oder verlorengehen. Dies kann zu Formen führen, die in einzelnen Merkmalen nicht angepasst sind (beispielsweise auffällige Färbung, die sie als Beutetiere mehr gefährdet). Der Wirkungsgrad der Gendrift kann durch die mathematische Statistik erfasst werden.