Schutz des Regenwalds Südamerika könnte Milliarden verdienen

Ein weltweiter Handel mit Luftverschmutzungsrechten könnte dabei helfen, den Amazonas zu retten. Für südamerikanische Länder wäre sein Erhalt ein Milliardengeschäft, wie eine aktuelle Studie zeigt. Allerdings sind dafür noch drei wichtige Hürden zu nehmen.


Oxford - Im Prinzip ist sich die Welt einig. In Zukunft sollen Entwicklungsländer auch dafür belohnt werden, wenn sie ihre wertvollen Regenwälder stehen lassen - zum Wohle des Weltklimas. Das Geld dafür soll auf globaler Ebene umverteilt werden, über einen weltweiten Emissionshandel: Reiche Länder, die ihren eigenen CO2-Ausstoß nicht mindern können oder wollen, zahlen an Staaten, die sich verpflichten, ihren Wald zu schützen. In den Abschlussdokumenten der Klimakonferenz von Bali gibt es eine Absichtserklärung, an genau so einem System zu arbeiten.

Brasilianischer Waldarbeiter im Amazonas (im Jahr 1999): "Entwaldung zu vermeiden, ist alles andere als Nichtstun"
REUTERS

Brasilianischer Waldarbeiter im Amazonas (im Jahr 1999): "Entwaldung zu vermeiden, ist alles andere als Nichtstun"

Wichtig ist die Frage, wofür es Belohnungen gibt: Bisher wird beim Emissionshandel nur das Pflanzen neuer Bäume positiv angerechnet, der Schutz bestehender Waldgebiete zählt hingegen nicht. Johannes Ebeling von der britischen Beratungsfirma Ecosecurities und Mai Yasue von der University of British Columbia im kanadischen Vancouver wollen das nun ändern. Sie haben dazu ein Konzept entwickelt, das sie in der Fachzeitschrift "Philosophical Transactions of the Royal Society B" vorstellen.

Vor allem für südamerikanische Länder stellt Ebeling eine attraktive Beispielrechnung auf: Abhängig vom Preis, der für den Ausstoß einer Tonne CO2 angesetzt wird, könnten die Staaten durch einen globalen Emissionshandel Milliardengewinne erzielen. Würden im Amazonas-Regenwald nur zehn Prozent weniger Urwald als derzeit abgeholzt, könnte die Region durch den Handel mit Emissionszertifikaten rund fünf Milliarden Euro verdienen. Diese Zahl kommt zustande, wenn man mit einem Preis von 30 Euro pro Tonne CO2-Ausstoß rechnet. Selbst ein extrem konservatives Rechenexempel mit einem Preis von 5 Euro pro Tonne CO2 führt immer noch zu Einnahmen im Bereich von mehreren hundert Millionen Euro.

Das Geld, so sagt Ebeling, solle zum Schutz der existierenden Wälder eingesetzt werden. Der ist auch dringend nötig: Ein Fünftel des CO2-Ausstoßes weltweit geht auf die Abholzung der Tropenwälder zurück. Damit ist die Regenwaldzerstörung der zweitgrößte Faktor für die Erderwärmung - nach der Verbrennung fossiler Rohstoffe.

Doch wie könnte eine Rettungsprämie tatsächlich berechnet und ausgezahlt werden? Dazu muss die Frage beantwortet werden, wie viel Wald verschwunden wäre, wenn die Abholzung in dem Gebiet wie bisher weitergegangen wäre. Wenn die Waldmengen nach ein paar Jahren über den zu erwarteten Werten liegen, dann werden die Staaten dafür belohnt.

Auch dafür, dass der Waldschutz möglichst nachhaltig sein soll, haben Ebeling und Yasue eine Idee: "Man könnte einen Puffer von 20 bis 50 Prozent der Zertifikate zunächst zurückhalten und erst mit Verspätung auszahlen", sagt Johannes Ebeling im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nur wer sich langfristig für den Waldschutz engagiert, soll das volle Geld bekommen. Aber auch ein kurzfristiger Schutz von Waldgebieten sei bereits sehr hilfreich für das Klima.

Das Modell hat allerdings drei Knackpunkte: Erstens gibt es bis heute keinen globalen Handel für CO2-Verschmutzungsrechte. Lediglich in bestimmten Gebieten, wie etwa der EU, sind die Zertifikate flächendeckend etabliert - und auch hier nicht ohne Startprobleme. International dürften die Verhandlungen noch sehr langwierig und kompliziert werden.

Zweitens ist der Waldschutz in Ländern wie Brasilien nicht allzu einfach in die Praxis umzusetzen: Sich ausbreitende Siedlungen und neue Anbauflächen für die Landwirtschaft setzen den Regenwäldern mehr und mehr zu. Der Biosprit-Boom, für den zusätzliche Ackerflächen geschaffen werden, verschlimmert die Lage noch weiter. Brasilianische Forscher schätzen, dass illegale Rodungen und Bebauungen den Regenwald am Amazonas bis zum Jahr 2030 um weitere 20 Prozent verkleinern dürften. Die Regierungen sind in den seltensten Fällen Herren der Lage. "Entwaldung zu vermeiden, ist alles andere als Nichtstun. Hier sind politischer Willen und Geld nötig", sagt Johannes Ebeling.

Und noch einen dritten, entscheidenden Punkt gibt es: Das Anreizsystem zum Waldschutz kann nur funktionieren, wenn sich die Industriestaaten zu größeren CO2-Reduktionszielen verpflichten. Denn nur so werden die Klimazertifikate überhaupt zu einer gefragten Ware, mit deren Verkauf sich Geld für den Schutz des Regenwaldes erlösen ließe.

chs/AFP



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