Schweinegrippe Experten erhoffen Eindämmung der Mensch-zu-Mensch-Infektionen

Risiko Mexiko-Touristen: In Bayern könnte ein Mann zwei Menschen mit Schweinegrippe infiziert haben, in Spanien ist eine Mensch-zu-Mensch-Infektion schon bestätigt. Dennoch sieht das Robert-Koch-Institut momentan kein Risiko für die Allgemeinbevölkerung.

Isolierstation in Dorsten (im April 2009): "In Deutschland wird sich nichts ändern"
dpa

Isolierstation in Dorsten (im April 2009): "In Deutschland wird sich nichts ändern"

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Es ist ein fieser Club. Neben dem Aids-Erreger HIV reisen derzeit unter anderem Herpes-, Hepatitis-, Gelbfieber- und Hanta-Viren um die Welt. Der Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko hat nun in den vergangenen Tagen die Befürchtung genährt, dass die hochinfektiöse Bande schon bald ein neues Mitglied bekommen könnte: das Influenzavirus A/H1N1. In Spanien hat erstmals außerhalb von Nordamerika nachweislich eine Infektion von Mensch zu Mensch stattgefunden. Ein Mann hatte sich bei seiner aus Mexiko zurückgekehrten Lebensgefährtin angesteckt - und damit auch hierzulande Befürchtungen genährt, der Erreger könne sich in der Bevölkerung verbreiten.

"Wir sehen jetzt auch in Spanien den Anfang von Mensch-zu-Mensch-Übertragungen", sagte WHO-Sprecher Dick Thompson im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die entscheidende Frage lautet jetzt: Kann sich das Virus in der Bevölkerung etablieren und dort zu weiteren Infektionen führen?" Beim Pressegespräch im Hörsaal des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin legt Deutschlands oberster Seuchenschützer großen Wert darauf, dass darauf derzeit nichts hindeutet. Vor zahlreichen Fernsehkameras erklärt RKI-Chef Jörg Hacker, dass alle drei hierzulande zweifelsfrei nachgewiesenen Ansteckungen ebenso wie die Verdachtsfälle "einen Mexiko-Hintergrund" hätten.

"Kein Grund zum Aktionismus, kein Grund zur Panik"

Gemeint ist damit, dass entweder Mexiko-Reisende oder deren direkte Angehörige betroffen sind. Einen Nachweis für eine Mensch-zu-Mensch-Infektion in Deutschland, vergleichbar mit dem Fall in Spanien, gibt es bisher noch nicht - sehr wohl aber Verdachtsfälle: So könnte ein an Schweinegrippe erkrankter Mann, der aktuell im Regensburger Universitätsklinikum behandelt wird, zwei Menschen angesteckt haben. Der 37-Jährige war zunächst im Kreiskrankenhaus des niederbayerischen Ortes Mallersdorf betreut worden. Dort könnte er nach Angaben des Krankenhausbetreibers möglicherweise eine Krankenschwester und einen Zimmernachbarn angesteckt haben. Beiden gehe es aber gut.

"Wir sehen im Moment keinen Grund zum Aktionismus, keinen Grund zur Panik", sagt RKI-Chef Hacker. Der Erreger sei "momentan kein Risiko für die Allgemeinbevölkerung". Bisher seien die Fallzahlen relativ klein. "Aber es ist durchaus möglich, dass die Zahlen zunehmen", so Hacker. In jedem Fall sei es "sachgerecht", dass die Weltgesundheitsorganisation die Pandemie-Warnstufe auf fünf, den zweithöchsten Wert auf der Skala erhöht habe. WHO-Generaldirektorin Margaret Chan hatte die Maßnahme damit begründet, dass in mindestens zwei Ländern derselben Region Infektionen von Mensch zu Mensch aufgetreten seien.

Mit der neuen Warnstufe würden zahlreiche WHO-Mitgliedstaaten dazu angehalten, ihre Seuchenpläne in Kraft zu setzen, sagt RKI-Chef Hacker - und fügt an: "In Deutschland wird sich nichts ändern." Hier arbeite bereits alles nach Plan. Bereits seit mehreren Tagen gebe es im RKI ein Lagezentrum. Auch das Nationale Referenzlabor für Influenza am RKI sei in den vergangenen Tagen personell noch einmal aufgestockt worden. Am Mittwoch hatte es auch eine Schaltkonferenz zwischen dem Bundesgesundheitsministerium und den Fachministerien der Länder gegeben.

Denn die Bekämpfung der Grippe ist in Deutschland Ländersache. Die fehlende zentrale Steuerung erhöht - vorsichtig ausgedrückt - die Anforderung an alle Beteiligten, warnte der Virologe Alexander Kekulé von der Universität Halle im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Gesteigert wird der Koordinationsbedarf noch dadurch, dass auch auf europäischer Ebene Gespräche zu führen sind. Die Gesundheitsminister der EU-Staaten treffen sich dazu am Donnerstag in Luxemburg. Frankreich zum Beispiel will bei dem Treffen erreichen, dass Flüge nach Mexiko vorläufig verboten werden, während Flüge aus Mexiko nicht gestoppt werden sollen. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat sich bereits gegen den Plan ausgesprochen. "Im Moment ist die Situation nicht gegeben. Ob es das geben könnte, wird von der weiteren Entwicklung abhängen."

Italien will auf dem Treffen ein gemeinsames europäisches Lager für Grippemedikamente durchsetzen - ein Plan, der seinerzeit bei der Vogelgrippe gescheitert war. Auch die Bevorratung mit Medikamenten wollen die Italiener unionsweit lösen.

RKI-Chef Hacker riet unterdessen eindringlich von einer Selbstbehandlung bei Verdacht auf den neuen Grippeerreger ab. "Mit falscher Dosierung könnten resistente Varianten angereichert werden." Denn das ist ein Problem, über das niemand gern nachdenkt: Noch, so versichern die Forscher, spricht der neue Erreger gut auf die antiviralen Mittel an, die die Behörden - je nach Bundesland in verschieden großen Mengen - vorhalten. Doch was passiert, wenn sich Resistenzen bilden? Auf die Möglichkeit hatten US-Forscher bereits im März nach Analyse der saisonalen Grippeerkrankungen der vergangenen beiden Winter hingewiesen.

Diskussion über neue Medikamente

Auf den ersten Blick würde die Entwicklung neuer Medikamente konsequent erscheinen, wie sie etwa der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach fordert. Es sei ein Glück, dass das Grippevirus nach bisherigen Erkenntnissen nicht gegen herkömmliche Medikamente resistent sei, so Lauterbach. "Aber wir können uns darauf nicht verlassen. Wir brauchen mehr wirksame Wirkstoffe in Zukunft."

Doch RKI-Chef Hacker dämpft allzu große Erwartungen: "Das ist natürlich schwierig." Zwar laufe derzeit vielversprechende Grundlagenforschung für neue Grippemedikamente, doch sei die Entwicklung eine sehr langwierige Angelegenheit. Deswegen werde sich die "praktische Situation" auf die derzeitigen Medikamente konzentrieren.

Mit Material von dpa und AFP



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