Schweinegrippe Experten geben vorsichtig Entwarnung

Trotz steigender Zahlen sind die Seuchenexperten leicht optimistisch: Das neue Grippevirus ist offenbar weniger gefährlich als der Erreger der verheerenden Spanischen Grippe von 1918. Die Weltgesundheitsorganisation mahnt weiter zur Wachsamkeit. In Deutschland sind sechs Fälle bekannt.


Genf - Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommen einigermaßen beruhigende Signale: Die WHO hebt ihre Pandemiewarnstufe wegen der Schweinegrippe einstweilen nicht auf den Höchstwert sechs an. WHO-Abteilungsleiter Michael Ryan sagte am Samstagnachmittag, es gebe bisher keine Anzeichen für nachhaltige Ausbreitung außerhalb Nordamerikas. Deswegen werde man vorerst weiter mit der Warnstufe fünf arbeiten. Eine Anhebung auf die Stufe sechs sei aber weiterhin möglich, eine Pandemie stehe möglicherweise noch unmittelbar bevor.

H1N1-Test in Großbritannien: "Insgesamt verlaufen die bisherigen Infektionen relativ milde."
AFP

H1N1-Test in Großbritannien: "Insgesamt verlaufen die bisherigen Infektionen relativ milde."

Nach Einschätzung der WHO besteht aber kein Anlass für eine voreilige Entwarnung. "Diese Viren mutieren, sie ändern sich, sie können sich mit anderem genetischen Material neu gruppieren, mit anderen Viren", sagte Ryan. Es wäre deshalb unklug, sich zu diesem Zeitpunkt von Hinweisen beruhigen zu lassen, das neue Virus sei schwächer als zunächst befürchtet.

Tatsache ist: Die Erkrankung breitet sich derzeit zwar weltweit aus, aber vergleichsweise langsam. In den USA berichten die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) über 160 bestätigte Fälle in 21 Bundesstaaten. CDC-Mitarbeiter erklärten, das neue Virus sei offenbar weit weniger gefährlich als der Erreger der verheerenden Spanischen Grippe von 1918. Mit ihm ist A/H1N1 eng verwandt. An der spanischen Grippe waren vor 90 Jahren mehr als 25 Millionen Menschen gestorben.

Erste Fälle in Asien

In Mexiko, wo das Virus im April erstmals aufgetreten war, wurde der Erreger laut WHO inzwischen bei 397 Menschen festgestellt. 16 Menschen starben dort bisher nachweislich an A/H1N1. Die tatsächlichen Zahlen dürften aber um einiges höher liegen. In dem lateinamerikanischen Land steht das öffentliche Leben weiter still. Inzwischen sind auch die ersten Fälle aus Asien bekannt. In Hongkong und in Südkorea bestätigten die Behörden die ersten Infektionen mit dem Influenza-Virus vom Typ A/H1N1. In Hongkong wurde ein 25-jähriger Mexikaner am Freitag positiv auf das Virus getestet. Er war über Shanghai nach Hongkong gereist und am Donnerstagabend mit Fieber in ein Krankenhaus eingeliefert worden. In Südkorea bestätigte sich ein Verdachtsfall.

In Hongkong stellten die Behörden als Vorsichtsmaßnahme 300 Gäste und Angestellte eines Hotels unter Quarantäne, in dem sich der junge Mann aufgehalten hatte. Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden in weißen Schutzanzügen bewachten die Lobby des Hotels, vor dem Gebäude sind Polizisten im Einsatz. Das Hotel soll sieben Tage lang unter Quarantäne bleiben. Bislang zeigt niemand Krankheitssymptome.

Die Behörden verteidigten aber ihre scharfe Reaktion auf den Schweinegrippefall: "Weil dies der erste bestätigte Fall in Hongkong ist, entschieden wir uns für eine strikte Maßnahme, um die Verbreitungskette des Virus zu durchschlagen", erklärte Thomas Tsang vom Hongkonger Zentrum für Gesundheitsschutz. Nach dem Ausbruch der Lungenkrankheit Sars im Jahr 2003 wurde das chinesische Territorium wegen zu langsamer Reaktion und zu später Quarantänemaßnahmen kritisiert. Damals waren weltweit 800 Menschen gestorben, 650 von ihnen in China und in Hongkong.

In Hongkong versuchen die Behörden nun, weitere Insassen der Maschine ausfindig zu machen, in der der infizierte Mann nach Hongkong gereist war. Als Konsequenz aus dem Schweinegrippefall stoppte China sämtliche Flugverbindungen von Mexiko nach Shanghai. Es werde von der Entwicklung der Schweinegrippe-Pandemie abhängen, wann die Flüge wieder aufgenommen werden könnten, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Die Schweinegrippe wurde laut WHO bisher in mindestens 18 Ländern weltweit bei Menschen nachgewiesen. Am Samstagabend wurde ein erster Fall in Irland offiziell bestätigt. In Frankreich wurden zwei Fälle offiziell bestätigt. Einen ersten Fall gibt es auch in der italienischen Toskana. In Spanien stieg die Zahl der Verdachtsfälle auf 116. In Kanada wurden innerhalb eines Tages 17 Menschen behandelt, bei denen Verdacht auf die Infektion besteht. In Japan wurde ein vier Monate altes Baby aus den USA auf Schweinegrippe untersucht.

In Deutschland gibt es insgesamt sechs Infizierte. RKI-Präsident Jörg Hacker sagte: "Insgesamt verlaufen die bisherigen Infektionen in Deutschland relativ milde, ähnlich wie bei der saisonalen Influenza." Die Bundesbehörde sehe weiterhin keine allgemeine Gefährdung der Bevölkerung. Am Samstag wurde allerdings der zweite deutsche Fall bekannt, bei dem die Krankheit außerhalb Mexikos von Mensch zu Mensch übertragen wurde. Ein 38-jähriger Mann hatte sich in einem niederbayerischen Krankenhaus bei einem kürzlich aus Mexiko zurückgekehrten Zimmergenossen angesteckt, der auch eine Krankenschwester angesteckt hatte. "Einige weitere Verdachtsfälle" werden laut RKI noch untersucht. Ab Sonntag wird die Schweinegrippe meldepflichtig. Das Bundesgesundheitsministerium ordnete per Rechtsverordnung an, dass Ärzte Verdachtsfälle und Erkrankungsfälle an das Gesundheitsamt melden müssen.

Angst vor Medikamentenknappheit

Bei der Beschaffung von Grippemedikamenten wie Tamiflu wird nach SPIEGEL-Informationen auf Länderebene ein Lieferengpass befürchtet. Der Pharmakonzern Roche suche schon nach einer Sprachregelung, um den Ausdruck "nicht mehr lieferbar" zu umgehen, heißt es in einer E-Mail des thüringischen Gesundheitsministeriums, aus der das Nachrichtenmagazin zitierte. Der britische Arzneimittelhersteller GlaxoSmithKline, der mit dem Grippemedikament Relenza auf dem Markt vertreten ist, kündigte an, seine Produktion auszuweiten.

Die Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Virus vom Typus A/H1N1 könnte nach Ansicht von US-Experten sechs oder sieben Monate dauern. Es dauere allein mindestens einen Monat, um den "Keim" für den Impfstoff zu entwickeln, sagte die Direktorin der Pan-Amerikanischen Gesundheitsorganisation, Mirta Roses-Periago, in Washington.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

chs/ore/dpa/AFP/AP/Reuters

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Seite 1
IsArenas, 02.05.2009
1.
Nein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Crackerjack 02.05.2009
2.
Zitat von IsArenasNein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Hierzu ein von Herzen kommender Applaus.
descartes101, 02.05.2009
3.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Lächerlich. Das Grippevirus rekombiniert sich jede Saison neu, weshalb die Impfungen auch dann nicht mehr wirksam sind. Mal ist es virulenter, mal weniger. Jedenfalls sterben immer auch Menschen daran. Das ganze ist eine haltlose Hysterie, wahrscheinlich damit unsere tüchtigen Regierungen mal behaupten können, sie hätten eine Situation im Griff. Das ist natürlich besonders leicht bei einer Situation, die so oder so nicht eskaliert. Wenn ein hemorrhagisches Fieber wie Ebola durch die Ballungszentren zieht, dann lohnt es sich zuhause zu bleiben. Aber eine dämliche Papiermaske schützt niemanden vor Ansteckung. Das gleiche Prinzip wurde von den USA im kalten Krieg angewendet, wo man den Leuten erzählte, dass es helfe, sich im Falle eines Nuklearangriffs unter den Tisch zu hocken mit einer Zeitung über dem Kopf. Aua, aua. Seit damals hat sich wirklich nichts verändert.
Hans58 02.05.2009
4.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Nein, wir müssen keine Angst haben, selbst wenn hier zum x-ten Male eine Diskussion über das Thema eröffnet wird.
firefly 02.05.2009
5.
Sie können sich ja gleich mal mit dem Papst zusammentun. Für den ist HIV auch kein Problem und alles nur Panik mache. Und Medikamente im Falle einer HIV-Infektion würde ich ihnen auch nicht empfehlen. Die wirken nämlich garnicht und dienen nur zum Geldschäffeln der Pharmaindustrie. /Ironie
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