Schweinegrippe: Zweite Mensch-zu-Mensch-Infektion in Deutschland

In Deutschland ist der sechste Fall von Schweinegrippe bestätigt worden. Zum zweiten Mal ist ein Mensch betroffen, der nicht in Mexiko war. Zur besseren Kontrolle der Krankheit sollen Mediziner ab Sonntag gezwungen werden, Verdachtsfälle unter allen Umständen zu melden.

Berlin - Ärzte müssen ab Sonntag alle Fälle von Infektionen mit dem Influenza-Erreger A/H1N1 den Behörden melden. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums tritt dann eine Rechtsverordnung in Kraft, mit der die Arztmeldepflicht nach dem Infektionsschutzgesetz auf die neue Grippe ausgedehnt wird.

Isolierstation in Dorsten: Sechs bestätigte Fälle der neuen Grippe in Deutschland
DPA

Isolierstation in Dorsten: Sechs bestätigte Fälle der neuen Grippe in Deutschland

Die von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt bereits angekündigte Rechtsverordnung sei am Samstag in einer Sonderausgabe des Bundesanzeigers erschienen. Die Ärztinnen und Ärzte müssen nun Verdachts- und Erkrankungsfälle an das Gesundheitsamt melden. Zur Beurteilung von Verdachtsfällen werde das Robert-Koch-Institut eine Empfehlung für Ärztinnen und Ärzte herausgeben. Die Rechtsverordnung stärkt nach Ansicht des Ministeriums die Möglichkeiten des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Deutschland, dem neuen Erreger so früh wie möglich begegnen zu können.

Die Schweinegrippe greift unterdessen weltweit weiter um sich. Die Zahl der bestätigten Fälle stieg am Samstag in Europa auf 39. Neun Länder der EU und die Schweiz sind betroffen. In Deutschland gibt es bislang sechs bestätigte Fälle.

Ein mit dem H1N1-Virus infizierter Mexiko-Reisender habe nicht nur wie bereits bekannt eine Krankenschwester, sondern auch einen Zimmernachbarn in der Klinik im niederbayerischen Mallersdorf angesteckt, sagte der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker. Es handle sich um einen Mann aus Bayern, so Hacker. Er war bisher bereits als Verdachtsfall geführt worden. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit erklärte, der neu infizierte Patient zeige inzwischen keine Grippe-Symptome mehr.

Damit wurden bereits zwei Menschen in Deutschland mit dem Virus infiziert, die selbst nicht im Ursprungsland Mexiko waren. Die bisher bundesweit nachgewiesenen sechs Fälle, darunter fünf in Bayern und einer in Hamburg, verliefen milde, sagte Hacker. Insgesamt gebe es 30 weitere Verdachtsfälle.

Weltweit sind inzwischen mindestens 635 Menschen mit dem Erreger infiziert, teilte das Europäische Seuchenbekämpfungszentrum ECDC in Stockholm mit. Schwerpunkte bleiben Mexiko und die USA: In beiden Ländern zusammen starben bislang 17 Menschen an dem Virus. Von den Ansteckungen sind laut ECDC allein in Europa vier Menschen betroffen, die zuvor nicht in Mexiko gewesen sind. Eine Krankenschwester aus Niederbayern steckte sich bei einem Patienten an. Ein 24 Jahre alter Schotte holte sich das Virus von einem befreundeten Ehepaar, das seine Flitterwochen in Mexiko verbracht hatte.

Erste bestätigte Fälle in Frankreich

Unterdessen wurden auch in Frankreich am Freitag die ersten Schweinegrippe-Fälle bestätigt. Laut Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot wurden zwei Erkrankungen nachgewiesen. Auch in Italien gibt es nach Medienberichten inzwischen den ersten bestätigten Fall.

Die Gesundheitsbehörden warnen weiter vor Panik. Ein Sprecher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagte am Freitagabend in Genf, die Menschen hätten noch viele Möglichkeiten, sich selbst vor dem Erreger zu schützen. Die Mehrzahl der Fälle verlaufe sehr milde. RKI-Chef Jörg Hacker warnte allerdings vor einer möglichen zweiten Welle der Grippe. Das Virus könne mutieren und dadurch gefährlicher werden. So war es zum Beispiel im Fall der sogenannten Spanischen Grippe im Jahr 1918 geschehen, die erst bei ihrer zweiten Reise um den Globus ihre volle tödliche Wucht entfaltet hatte.

Bei der Beschaffung von Grippemedikamenten wie Tamiflu wird nach SPIEGEL-Informationen auf Länderebene ein Lieferengpass befürchtet. Der Pharmakonzern Roche habe "soeben telefonisch und per Fax mitgeteilt, dass sie noch über einen Bestand von 180.000 Packungen Tamiflu verfügen", heißt es etwa in einer E-Mail des thüringischen Gesundheitsministeriums. Roche suche schon nach einer Sprachregelung, um den Ausdruck "nicht mehr lieferbar" zu umgehen. In der Basler Zentrale von Roche hieß es lediglich, es sei "eine Erhöhung der Produktion eingeleitet" worden. Doch in erster Linie gehe es darum, die Krisenregion Lateinamerika mit Tabletten zu versorgen.

Die Seuchenbekämpfung ist hierzulande vor allem Ländersache: Der nationale Pandemieplan in Deutschland sieht vor, dass die Länder antivirale Medikamente ordern, die für etwa 20 Prozent der Bevölkerung ausreichen. Sie können die Symptome einer Influenza deutlich abmildern. Zugleich soll damit Zeit überbrückt werden, bis es einen wirksamen Impfstoff gegen das Virus gibt. Die ersten Schritte für die Impfstoffentwicklung laufen derzeit. Ein endgültiger Beschluss zur Massenherstellung des Vakzins ist noch nicht gefallen. Nachdem die Pharmakonzerne grünes Licht für die Impfstoffentwicklung erhalten haben, dürften nach Ansicht von Experten etwa drei Monate vergehen, bis die Substanz auf dem Markt ist.

300 Hotelgäste und -mitarbeiter in Hongkong in Quarantäne

Viele Länder treffen derzeit weitere Sicherheitsvorkehrungen, um die Ausbreitung des Influenzaerregers einzudämmen. In China wurden die 200 Gäste und hundert Mitarbeiter eines Hotels in Quarantäne genommen. In dem Haus in Hongkong hatte ein Mexikaner übernachtet, der an der Schweinegrippe erkrankt ist und derzeit behandelt wird.

China strich Samstag alle direkten Flüge aus Mexiko, um die Möglichkeiten von Infektionen einzudämmen. Auch in Singapur werden Ankömmlinge aus Mexiko in Quarantäne genommen. Der Stadtstaat führte zudem eine Visumpflicht für Mexikaner ein. In Südkorea wurde der zweite asiatische Fall von Schweinegrippe nach Hongkong nachgewiesen.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

Die Gesundheitsminister südostasiatischer Staaten wollen am kommenden Freitag in Bangkok Beratungen über den Kampf gegen die Schweinegrippe aufnehmen, teilte ein Sprecher des thailändischen Außenministeriums mit. Neben Vertretern der zehn ASEAN-Mitglieder seien auch Minister aus China, Japan und Südkorea eingeladen. Im Mittelpunkt der Beratungen stünden Möglichkeiten zur Aufstockung der Grippemittel in den einzelnen Ländern.

Im Kampf gegen eine weitere Ausbreitung der Grippe schloss Mexiko am Freitag für fünf Tage alle Behörden und privaten Betriebe, die keine lebenswichtigen Dienstleistungen verrichten. Die sonst so belebte Metropole Mexiko-Stadt wirkte daraufhin vielerorts wie ausgestorben. Als Vorsichtsmaßnahme wurden auch in den USA Dutzende weiterer Schulen geschlossen. Insgesamt ruht der Unterricht bereits in mehr als 400 Schulen in 18 US-Staaten.

Eine Maschine der US-Fluggesellschaft United Airlines legte am Freitag auf dem Flug von München nach Washington eine unplanmäßige Zwischenlandung in Boston ein, weil eine Passagierin über grippeähnliche Beschwerden geklagt hatte. Die 53-Jährige habe den Flugbegleitern von ihren Symptomen berichtet, sagte ein Sprecher des Flughafens von Boston. Das US-Zentrum für Seuchenkontrolle habe daraufhin vorsichtshalber zur nächstmöglichen Landung geraten. Die Frau verließ den Angaben zufolge das Flugzeug und wurde zur Untersuchung in ein Krankenhaus in Boston gebracht

chs/AP/dpa/AFP

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Forum - Schweinegrippe – Müssen wir Angst vor dem Virus haben?
insgesamt 6209 Beiträge
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1.
IsArenas, 02.05.2009
Nein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
2.
Crackerjack 02.05.2009
Zitat von IsArenasNein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Hierzu ein von Herzen kommender Applaus.
3.
descartes101, 02.05.2009
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Lächerlich. Das Grippevirus rekombiniert sich jede Saison neu, weshalb die Impfungen auch dann nicht mehr wirksam sind. Mal ist es virulenter, mal weniger. Jedenfalls sterben immer auch Menschen daran. Das ganze ist eine haltlose Hysterie, wahrscheinlich damit unsere tüchtigen Regierungen mal behaupten können, sie hätten eine Situation im Griff. Das ist natürlich besonders leicht bei einer Situation, die so oder so nicht eskaliert. Wenn ein hemorrhagisches Fieber wie Ebola durch die Ballungszentren zieht, dann lohnt es sich zuhause zu bleiben. Aber eine dämliche Papiermaske schützt niemanden vor Ansteckung. Das gleiche Prinzip wurde von den USA im kalten Krieg angewendet, wo man den Leuten erzählte, dass es helfe, sich im Falle eines Nuklearangriffs unter den Tisch zu hocken mit einer Zeitung über dem Kopf. Aua, aua. Seit damals hat sich wirklich nichts verändert.
4.
Hans58 02.05.2009
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Nein, wir müssen keine Angst haben, selbst wenn hier zum x-ten Male eine Diskussion über das Thema eröffnet wird.
5.
firefly 02.05.2009
Sie können sich ja gleich mal mit dem Papst zusammentun. Für den ist HIV auch kein Problem und alles nur Panik mache. Und Medikamente im Falle einer HIV-Infektion würde ich ihnen auch nicht empfehlen. Die wirken nämlich garnicht und dienen nur zum Geldschäffeln der Pharmaindustrie. /Ironie
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