Gletscher in der Schweiz Juchhu, ein richtig mieser Sommer

Schnee bis Mitte Juni - für die Schweizer Alpengletscher war der maue Sommer ein Segen. Im Interview verrät der Glaziologe Matthias Huss, was das für die Eiszungen langfristig bedeutet.

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Ein Interview von


Statt 5 Zentimetern am Tag schob sich der Gletscher auf einmal um 60 voran - doch zum Glück schlug das Frühwarnsystem oberhalb von Grindelwald wie vorgesehen Alarm. Am Eigergletscher sind in der vergangenen Woche ganze 20.000 Kubikmeter Eis abgebrochen, nachdem sich der Eisfluss zuvor massiv beschleunigt hatte. Verletzt wurde dabei niemand. Die betroffenen Bereiche waren zuvor abgesperrt worden.

Solch spektakuläre Abbrüche gibt es in der Region ungefähr einmal im Jahrzehnt. Im Jahr 1990 ging sogar das Fünffache der aktuellen Eismenge nieder. Der große Rums vom Eigergletscher ist also für sich genommen kein beunruhigendes Zeichen. Doch vielen Alpengletschern geht es seit Jahrzehnten schlecht. Schuld ist die vom Menschen verursachte Erderwärmung.

Gerade im vergangenen Sommer verloren viele der Eiszungen rekordverdächtige Mengen an Masse. Umso verblüffender waren die Signale, die Schweizer Glaziologen in diesem Sommer aussandten. Die große Schmelze, so schien es, könnte diesmal ausbleiben.

  • Matthias Huss, 36, ist Glaziologe an der ETH Zürich. Er leitet das Schweizerische Gletschermessnetz Glamos. In diesem Sommer war er unter anderem auf dem Plaine-Morte-Gletscher in den Berner Alpen unterwegs. Für September plant er weitere Expeditionen auf Gletscher im Engadin und in der Westschweiz.

SPIEGEL ONLINE: Der Sommer 2016 war an vielen Orten eher enttäuschend. Doch wie es scheint, profitieren zumindest die Schweizer Alpengletscher.

Matthias Huss: Zumindest sah es lange Zeit so aus. Wir sind mit viel Winterschnee in den Sommer gestartet, vor allem im Westen der Schweiz. Auf einigen Gletschern ist noch bis Mitte Juni Schnee dazugekommen, das ist außergewöhnlich. Deswegen haben wir das Maximum der Schneehöhe relativ spät im Jahr erreicht. Im August war es dann allerdings ziemlich warm.

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Rhonegletscher: Kampf gegen die Schmelze

SPIEGEL ONLINE: Jetzt kommt also doch noch die große Schmelze?

Huss: Zumindest zum Teil. Einige Gletscher, vor allem im Berner Oberland und in der Westschweiz, werden aber dieses Jahr nicht so viel Masse verlieren wie zum Beispiel letztes Jahr. Es ist auch möglich, dass wir landesweit unter den mittleren Eisverlusten der vergangenen zehn Jahre liegen. Die genauen Daten liegen aber erst vor, wenn wir Ende September unsere Messungen machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktionieren die genau?

Huss: Wir haben auf 10 bis 20 Gletschern Stangen ins Eis gebohrt. An denen können wir ablesen, wie viel Eis dort jeweils abschmilzt oder in höheren Bereichen als Schnee oder Firn dazukommt. Diese Daten werden dann auf den ganzen Gletscher hochgerechnet. So können wir die sogenannte Massebilanz bestimmen. Diese ist aber nicht zu verwechseln mit den Messungen der Gletscherlänge. Die Bewegungen der Gletscherzunge sind eine stark verzögerte Reaktion. Dort sieht man erst 20 oder gar 50 Jahre später, wie es dem Gletscher geht.

Rhonegletscher
Gesellschaft für ökologische Gesellschaft für ökologische Forschung/ Greenpeace
Gesellschaft für ökologische Gesellschaft für ökologische Forschung/ Greenpeace
Gesellschaft für ökologische Gesellschaft für ökologische Forschung/ Greenpeace

SPIEGEL ONLINE: Also sorgt selbst ein guter Gletschersommer nicht für wachsende Gletscherzungen.

Huss: Damit die Gletscherzungen wieder vorstoßen, bräuchten wir mehrere Jahrzehnte an kühlem und niederschlagreichem Wetter. Viele Gletscherzungen in der Schweiz sind längst aus dem Gleichgewicht. Wie die allermeisten Gletscher weltweit schwinden sie im Zuge der Erderwärmung - weil der Mensch so viele fossile Rohstoffe verbrennt. Selbst wenn wir das Klima sofort stabilisieren würden, würden sich die Gletscher noch lange zurückziehen. Nur langfristige Veränderungen könnten den Gletscherschwund aufhalten.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht hilft ja Technik. So wird etwa der Rhonegletscher im Sommer zum Teil eingepackt, um ihn vor der Sonne zu schützen. Was bringt das?

Huss: Das ist lokal sehr wirkungsvoll, zwischen 50 und 70 Prozent der Schmelze lassen sich so verhindern. Das kann sinnvoll sein, um Skipisten zu schützen, oder etwa die Eisgrotte auf dem Rhonegletscher. Die ganze Sache ist aber extrem teuer. Man darf nicht glauben, dass sich der Gletscherrückgang in den Alpen so aufhalten lässt. Wir können den Gletscherrückgang nicht mit technischen Maßnahmen stoppen.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit Schnee aus Schneekanonen, wie man ihn am Morteratschgletscher erwägt?

Huss: Das ist eine spannende Idee und wahrscheinlich wirtschaftlicher als das Abdecken mit Tüchern. Aber auch hier gilt: Diese Maßnahmen funktionieren, das bestreitet niemand. Aber sie sind sehr aufwändig. Man muss sich fragen, wie viel man investieren will, damit ein Gletscher in einem Jahr ein bisschen weniger abschmilzt. Man darf der Öffentlichkeit nicht vormachen, dass sich das Problem mit ein paar Schneekanonen lösen lässt. Wir müssen unsere Konsumgewohnheiten grundsätzlich verändern.

SPIEGEL ONLINE: Um welche Schweizer Gletscher haben Sie besonders Angst?

Huss: Alle Schweizer Gletscher sind in Gefahr. Die kleinsten werden als erstes verschwinden. In den vergangenen Jahren haben wir das auch schon gesehen. Der Große Aletschgletscher und der Rhonegletscher werden auch bis Ende des 21. Jahrhunderts noch da sein - aber viel kleiner und unscheinbarer als wir sie heute kennen.



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Seite 1
hartmannulrich 05.09.2016
1. Es war nicht der Sommer
Dieser Sommer war nicht besonders kühl. Die Durchschnittstemperaturen lagen deutlich über dem langjährigen Mittel. Wie aus dem Interview hervorgeht, war es das niederschlagsreiche Frühjahr, welches die Gletscher wachsen ließ.
MatthiasPetersbach 05.09.2016
2.
Was für ein mieser Sommer? Sorry, der Sommer "war" wärmer als normal - irgendwann sollte man von dieser Mär vom schlechten Sommer einfach mal abrücken. Er hat später angefangen - später in DEM Sinne, daß wir die letzten Jahre im Mai schon Hochsommer hatten - das ist alles. Die vielen Niederschläge haben den Gletschern gutgetan - das ist alles. Aber die Trockenheit kommt jetzt noch, keine Bange.
Putin-Troll 05.09.2016
3. .
---Zitat--- Statt 5 Zentimetern am Tag schob sich der Gletscher auf einmal um 60 voran - doch zum Glück schlug das Frühwarnsystem oberhalb von Grindelwald wie vorgesehen Alarm. [...] Verletzt wurde dabei niemand. Die betroffenen Bereiche waren zuvor abgesperrt worden. ---Zitatende--- Sprich: ein 60 Zentimeter breiter Streifen vor dem Gletscher wurde evakuiert?
Putin-Troll 05.09.2016
4. mies
Zitat von MatthiasPetersbachWas für ein mieser Sommer? Sorry, der Sommer "war" wärmer als normal - irgendwann sollte man von dieser Mär vom schlechten Sommer einfach mal abrücken. Er hat später angefangen - später in DEM Sinne, daß wir die letzten Jahre im Mai schon Hochsommer hatten - das ist alles. Die vielen Niederschläge haben den Gletschern gutgetan - das ist alles. Aber die Trockenheit kommt jetzt noch, keine Bange.
Global gesehen vielleicht, aber in Deutschland wohl kaum. Ein warmer August und ein paar heiße Tage zwischendurch. Der Rest war Regen. Habe vor zwei Wochen erst die kurzen Hosen ausgepackt...
hwdtrier 05.09.2016
5. Rückgehende
Alpengletscher legen Almen aus dem Mittelalter frei. Das heißt doch, dass die Gletscher vor der kleinen Eiszeit kleiner waren.
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