Fortpflanzungkonflikt Mutter-Tochter-Stress im Orca-Reich

Schwertwal-Weibchen werden uralt, können aber den Großteil ihres Lebens keinen Nachwuchs bekommen. Warum nicht? Forscher haben nun eine Antwort gefunden.

Walters/ Center for Whale Research/ AP

"Granny" war ein Phänomen. Auch als betagte Dame führte das Orca-Weibchen noch seine Gruppe an. Da war es vermutlich schon 105 Jahre alt - und galt als der älteste lebende Schwertwal überhaupt.

Das Tier mit dem auffälligen weißen Fleck und der Kerbe in der Rückenflosse, an der Forscher "J2" leicht identifizieren konnten, war offenbar auch in fortgeschrittenem Alter wichtig für die Gemeinschaft der knapp 25 Tiere, mit denen es in den pazifischen Gewässern zwischen der Küste Kaliforniens und Alaska lebte.

Schwertwal-Kühe sind aber nicht nur aufgrund ihres Alters ungewöhnlich, schließlich werden andere Tiere wie Schildkröten oder Hummer deutlich älter, sondern aus einem anderen Grund.

Denn üblicherweise ist es im Tierreich so: Hört ein Weibchen mit der Fortpflanzung auf, sind seine Tage gezählt. Im Fall der Schwertwale ist die Natur aber nicht so gnadenlos. Denn die Kühe pflanzen sich im Alter von 12 bis 40 Jahren fort, sie können aber etwa 80, 90 Jahre alt werden. Bullen werden dagegen nur etwa 30 Jahre alt.

"Dass es bei der Familie kaum ohne Oma läuft, hat gute Gründe, wie Forscher schon länger wissen. Denn die Alten geben ihre Erfahrung an die Jungen weiter, übernehmen in Zeiten knapper Nahrung sogar die Führung der Gruppen und zeigen, wo noch Lachse zu finden sind, hatte eine Studie gezeigt. Auf diese Weise sichern sie ihren eigenen Nachkommen das Überleben und sorgen für den Fortbestand ihrer Gene. Und die Gruppe profitiert andersrum von der Erfahrung der alten Damen.

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Schwertwale: Im Fortpflanzungswettkampf mit Oma

Doch warum haben Orca-Kühe im Laufe der Evolution überhaupt mit der Reproduktion aufgehört und zeugen die meiste Zeit ihres Lebens keinen Nachwuchs? Diese Frage war bisher nicht gelöst. Ein Forscherteam von den Universitäten aus Exeter, Cambridge und York hat nur eine Antwort darauf gefunden: Die älteren Säuger werden von ihren eigenen Töchtern ausgestochen, sobald diese Nachwuchs bekommen.

Schon bei Schwertwal-Weibchen im fortpflanzungsfähigen Alter, also unter 40 Jahren, zeigt sich: Sind Mutter und Tochter gleichzeitig trächtig, hat der Nachwuchs der Tochter eine 1,7 Mal höhere Überlebensrate. Das hat die Auswertung von Daten aus 43 Jahren von zwei Walpopulationen im Nordwestpazifik gezeigt, die die Forscher für ihre Studie vorgenommen hatten. Sie ist im Fachmagazin "Current Biology" erschienen.

Das schlechtere Abschneiden beim Reproduktionswettkampf ist laut den Forschern nicht alleine mit besseren physischen Voraussetzung der Jüngeren zu erklären. Denn ältere Orca-Kühe würden eben mehr ins Überleben der gesamten Gruppe investieren müssen. "Unsere Untersuchung legt nahe, dass ältere Weibchen in die Menopause gehen, weil sie im Reproduktionswettkampf ihren Töchtern unterliegen", sagt Studienleiter Darren Croft.

"Granny" inzwischen verstorben

Zu dem Konflikt trägt auch bei, dass Orcas in ihrem Familienverbund gemeinsam auf die Jagd gehen und auch die erbeuteten Fische häufig teilen. Das würde ältere Weibchen zumindest in Zeiten der Schwangerschaft vor die Wahl stellen, entweder sich selbst besser zu versorgen oder den trächtigen Töchtern mehr zu überlassen.

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Orca-Weibchen auf Futtersuche: Weise Wale

Die Daten für die Studie stammen vom Center for Whale Research in den USA und Fisheries and Oceans Canada, einer staatlichen Forschungseinrichtung in Kanada. Zur der untersuchten Population gehört auch die "J-Pod" - so haben Forscher die Familie von "Granny" genannt. Doch inzwischen ist die berühmte Schwertwal-Oma wohl gestorben.

Im Oktober führte sie ihre Gruppe in den Puget Sound, eine Meeresbucht im Nordwesten des US-Bundesstaates Washington. Die Gruppe tauchte später wieder auf, berichtete das Center for Whale Research kürzlich. Doch "Granny" blieb wohl für immer in der Bucht.

joe



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