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"Science"-Rangliste: Evolutionslehre ist "Durchbruch des Jahres"

Das renommierte "Science"-Magazin hat ausgerechnet die fast 150 Jahre alte Evolutionsforschung zum Durchbruch des Jahres gekürt. Eine späte Ehrung für Charles Darwin - und eine bewusste Kampfansage an religiöse Eiferer, die den Kreationismus predigen.

Das hätte sich Charles Darwin wohl kaum träumen lassen. Knapp 150 Jahre nach der Veröffentlichung seines Werks "Die Entstehung der Arten" wird seine Evolutionstheorie zur wissenschaftlichen Entdeckung des Jahres gekürt. Darwin sei nur der Anfang gewesen, heißt es im Wissenschaftsmagazin "Science", so sei das eben bei fundamentalen Entdeckungen. Jüngste Daten und Beobachtungen hätten seine Lehre untermauert und sich den Titel des "wissenschaftlichen Durchbruchs von 2005" verdient.

Charles Darwin: Späte Ehre
AFP

Charles Darwin: Späte Ehre

Es geht jedoch nicht um Darwins Theorie allein. "Science" verweist ausdrücklich auf die jüngsten Bemühungen von Kreationisten, Darwins Lehre aus Lehrplänen zu verbannen oder zumindest ihrer Idee eines intelligenten Designers, der das Leben auf der Erde erschaffen habe, gleichzustellen. Ironischerweise würden die neuen Erkenntnisse zur Evolution mit den Aktivitäten "einiger Teile der amerikanischen Gesellschaft" zusammenfallen, Darwins Theorie zu verwässern.

Als einen der Meilensteine des Jahres 2005 bezeichnet "Science" die Entzifferung des Schimpansen-Genoms. Der nächste Verwandte des Menschen steht uns demnach genetisch sehr nah. Das Erbinformationen von Mensch und Schimpanse sind  je nach Berechnungsmodus zu 96 bis 99 Prozent identisch.

Was uns vom Schimpansen unterscheidet

"Wir haben jetzt eine Art Bauanleitung für unseren nächsten Verwandten", sagte Francis Collins, Direktor des National Human Genome Research Institute in den USA, über den Katalog von rund drei Milliarden Gensequenzen des Schimpansen.

Die wenigsten Unterschiede - zumindest im Aufbau und der Aktivität der Gene - fand man ausgerechnet beim Gehirn, obwohl sich der Mensch gerade durch Gehirnfunktionen wie Sprache und Gedächtnis vom Schimpansen unterscheidet. Die meisten Differenzen gibt es im Hoden: Dort sind 32 Prozent der Gene unterschiedlich aktiv, im übrigen Gewebe sind es durchschnittlich acht Prozent.

Der Vergleich der genetischen Blaupausen von Mensch und Schimpanse soll viele noch verbliebene Rätsel lösen helfen: die Evolution des Homo sapiens, die Entwicklung des Gehirns und des aufrechten Gangs sowie den Ursprung von Krankheiten. Die Erkenntnisse könnten bessere Pharmawaffen gegen Aids, Herzprobleme oder Hepatitis abwerfen. So hoffen Forscher die Ursache dafür zu finden, warum andere Primaten nicht an Aids erkranken, der Mensch hingegen schon.

Überraschend schnelle Artenbildung

Etliche Studien haben sich in diesem Jahr mit der Frage beschäftigt, die Darwin bis zu seinem Tod im Jahr 1882 quälte: Wie entstehen neue Arten? Eine Antwort lieferte die Mönchsgrasmücke, ein in Süddeutschland und Österreich lebender Singvogel.

Über Jahrzehnte untersuchten Ornithologen den Zug der Vögel, die den Sommer in Deutschland verbringen. Dabei stellten sie fest, dass ein Teil der Mönchsgrasmücken im Herbst gen Großbritannien fliegt, der andere Teil dagegen nach Spanien. Weil die Nordreisenden früher als die Südreisenden zurückkehren, paaren sich die beiden Fraktionen nur untereinander.

Auf diese Weise nehmen die Unterschiede im Erbgut der Tiere immer mehr zu, vermuten die Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie. Überraschend sei vor allem, wie schnell sich dieser Prozess der Artenbildung vollziehe, schreibt "Science".

Als bahnbrechend feiert das Journal die genetische Entschlüsselung des Erregers der Spanischen Grippe. Bei der Pandemie von 1918 starben bis zu 40 Millionen Menschen. Im Oktober vorgestellte Studien zeigen, dass der Erreger ein reines Vogelgrippevirus war, das nur wenige Mutationen brauchte, um unter Menschen eine katastrophale Seuche auszulösen.

Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin-Madison war es gelungen, mit einer Erbinformation aus dem Virus der Spanischen Grippe einem vergleichsweise harmlosen Influenza-Erreger tödliche Eigenschaften zu verleihen. Basierend auf diesem Wissen hoffen Forscher nun, der Vogelgrippe in Asien und Teilen Europas rechtzeitig die Spitze zu nehmen und die gefürchtete Pandemie zu verhindern.

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