Seebeben Forscher warnen vor Tsunami an US-Westküste

Teile Nordamerikas könnten ebenso wie Asien einer Riesenwelle zum Opfer fallen, glauben US-Geologen. Nur 80 Kilometer vor der US-Westküste liegt eine Verwerfung, die zuletzt vor 300 Jahren einen gewaltigen Tsunami ausgelöst hat. Das Frühwarnsystem im Pazifik wäre in einem solchen Fall nutzlos.




Satellitenbild von Sri Lanka nach dem Tsunami: Geologen warnen vor ähnlichem Szenario an US-Westküste
DigitalGlobe

Satellitenbild von Sri Lanka nach dem Tsunami: Geologen warnen vor ähnlichem Szenario an US-Westküste

Die gleichen geologischen Umstände, die zur Katastrophe in Asien führten, existieren auch unmittelbar vor der Pazifikküste der USA, warnen Wissenschaftler des US Geological Survey (USGS). Sollte es an der so genannten Cascadia-Subduktionszone zu einem schweren Seebeben kommen, würde der daraus resultierende Tsunami die US-Küste binnen weniger Minuten erreichen. Das im Pazifik existierende Warnsystem wäre nutzlos. "Die Menschen sollten wissen, dass so etwas passieren könnte", sagte Brian Atwater, Geologe der US-Bundesbehörde.

An der Cascadia-Subduktionszone, die 80 Kilometer vor der US-Küste liegt, hat es - nach geologischen Maßstäben - erst vor kurzem gerummst. Vor 300 Jahren hat ein Seebeben der Stärke 9 auf der Richterskala enorme Verwüstungen auf dem Gebiet der heutigen US-Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Washington sowie im kanadischen British Columbia angerichtet. Im Puget-Sund stießen Atwater und seine Kollegen im vergangenen Jahr auf die Spuren gewaltiger Überflutungen. Bäume etwa hätten ihr Wachstum nach einem Bad im Salzwasser eingestellt.

Ein erneutes Beben solcher Stärke könnte den Meeresboden um mehr als sechs Meter schwingen und gewaltige Flutwellen in Richtung Küste rollen lassen. Computermodellen zufolge könnten sie die ersten Siedlungen schon 30 Minuten nach dem Beben erreichen - zu kurz für eine Vorwarnung, geschweige denn eine Evakuierung. Metropolen wie Seattle oder Vancouver wären laut USGS zwar durch ihre Lage im Inland weitgehend geschützt, nicht aber die Menschen in küstennahen Gebieten.

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Selbst wenn das Beben weiter entfernt von der Küste stattfände, könnte das Warnsystem im Pazifik versagen, warnen die Wissenschaftler. Das Netz von Tiefsee-Sensoren, das Tsunamis aufspüren soll, besteht aus nur sechs Messgeräten in Alaska, Washington, Oregon, auf Hawaii und in Äquatornähe vor Peru. Aus Alaska träfen nicht einmal täglich Daten ein. Zudem könne der Einschlagsort eines Tsunami nicht mit der gleichen Präzision wie der Weg eines Hurrikans vorhergesagt werden.

Die sechs Tiefsee-Sensoren seien das "absolute Minimum" für ein angemessenes Warnsystem, sagte Eddie Bernard, der das Netzwerk für die National Oceanic and Atmospheric Administration der USA leitet. Erst in den kommenden fünf Jahren soll das System auf 20 Sensoren erweitert werden. Zehn von ihnen sollen auf den seismisch aktiven Aleuten stationiert werden.

Tsunami-Kandidat auf den Kanaren

Im Gegensatz zur US-Westküste gilt die Atlantikküste der USA als weitgehend ungefährdet durch Tsunamis. Allerdings besteht einer Theorie zufolge die Möglichkeit, dass es auf den Kanarischen Inseln zu einem großen Vulkanausbruch und einem Erdrutsch kommen könnte, der eine Riesenwelle über den Atlantik bis nach Nordamerika schicken würde.

Der Katastrophenforscher Bill McGuire, Direktor am Benfield Hazard Research Centre in London, sagte vor einigen Wochen, dass die Westflanke des Cumbre-Vieja-Vulkans auf La Palma wegzurutschen droht. Im schlimmsten Fall würden 500 Kubikkilometer ins Meer stürzen. Die Folge wäre eine angeblich 900 Meter hohe Welle, die zuerst die Nachbarinseln und nach einer Stunde Nordafrika erreichen würde. Südeuropa würde nach etwa vier Stunden von einer zehn Meter hohen Welle getroffen, über die Ostküste der USA könnte nach neun bis zwölf Stunden eine 20 Meter hohe Welle hereinbrechen.

Ein weiterer potenzieller Tsunami-Auslöser thront auf Teneriffa, der Nachbarinsel von La Palma. Am 3718 Meter hohen Teide, Spaniens höchstem Berg, könnten ebenfalls große Erdmassen abrutschen. "Der Teide hat schon gewaltige Flankenstürze erlebt und gehört deshalb zu den Tsunami-Kandidaten", sagte Birger Lühr vom Geoforschungszentrum Potsdam gegenüber SPIEGEL ONLINE. Regen und Wasser würden den Berg von einer Seite "anhobeln" und so die Flanken immer steiler machen. Wenn die Hänge 38 bis 40 Grad Neigung überschritten hätten, genüge ein leichtes Beben, um alles ins Rutschen zu bringen.

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