Seebeben im Indischen Ozean Warum die Katastrophe ausblieb

Zwei der stärksten Beben seit Beginn der Messungen haben den Grund des Indischen Ozeans erschüttert. Wissenschaftler sind erstaunt: Erstmals gab es bei solch heftigen Erschütterungen keine großen Schäden. Was sind die Gründe?

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dapd

Hamburg - Stundenlang herrschte höchste Alarmstufe am Indischen Ozean: Am Mittwoch erschütterten zwei extrem starke Beben den Meeresboden vor der Küste der indonesischen Insel Sumatra. Experten gaben Tsunami-Alarm für sämtliche Küsten. Kein Wunder: Das erste Beben war mit der Stärke 8,6 das neuntheftigste seit Beginn der Messungen. Es war, wie sich nun herausstellt, das stärkste je gemessene, das keinen Schaden angerichtet hat. Das zweite Beben mit der Stärke 8,2 gehört immerhin zu den schwersten der letzten Jahre. Beide waren stark genug, Tsunamis loszutreten. Doch es kam anders.

Zwar rollten tatsächlich Wellen übers Meer, von denen niemand wusste, wie groß sie sind. Gewarnt wurde vor meterhohen Tsunamis in Indien, Thailand und Indonesien. Selbst an der Ostküste Afrikas wurden Küstenbewohner alarmiert. Doch dann brandeten nur kleine Wellen an die Küsten.

Die Warnsysteme in der Region waren nach der Tsunamikatastrophe von 2004 aufgebaut worden, viele Zigmillionen Euro wurden am Indischen Ozean investiert; Deutsche Experten bauten ein Alarmsystem in Indonesien. Es habe gut funktioniert, behaupten die Verantwortlichen nun. Doch stimmt das auch?

SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten fünf Fragen zu einem der gewaltigsten Naturereignisse der vergangenen Jahre.

1. Wurden die Anwohner rechtzeitig gewarnt?

Behörden und Wissenschaftler sind nun voll des Lobes für ihre Tsunami-Warnsysteme. Wie gut der Alarm aber funktioniert hat, lässt sich noch nicht feststellen. Ob die Warnung die meisten Küstenbewohner erreicht hat, ist unbekannt. Der glimpfliche Verlauf des Naturereignisses erschwert es, den Erfolg der Tsunamiwarnung einzuschätzen.

Daten der indonesischen Behörden zeigen aber, dass Bebenmeldung und Tsunamiwarnung nach wenigen Minuten an die Medien gegeben wurden. Als Manko können jedoch die Internetauftritte gewertet werden - außer dem Warnsystem der USA waren sie während des Alarms nicht erreichbar.

Deutschland hatte nach der Katastrophe von 2004 in sechs Jahren mit 45 Millionen Euro ein Warnsystem für Indonesien aufgebaut. Dennoch kamen in den letzten Jahren mehrfach zahlreiche Menschen in Indonesien bei Tsunamis ums Leben, was Kritik aufkommen ließ.

Doch die Unglücke können nicht ohne weiteres dem Warnsystem angelastet werden. Denn das Übermitteln des Alarms fällt nicht in den Bereich der Ingenieure. Es ist eine hoheitliche Aufgabe der Behörden jedes Landes. Die Messungen der Seebeben indes funktionierten auch diesmal nachweislich in Minutenschnelle.

Deutsche Entwicklungshelfer haben in den vergangenen Jahren großen Aufwand betrieben, um exemplarisch an einigen Orten die Voraussetzungen für die Weiterleitung eines Tsunami-Alarms zu schaffen. Allerdings fehlte oftmals das Verständnis für deutsche Standards. Kabel wurden nicht entsprechend der Anleitung im Boden vergraben, sondern über Palmen gehängt; Lautsprecher wurden geklaut. Bis die Alarmübermittlung in jedem Dorf funktioniere, werde es noch Jahre dauern, schwante es den Experten.

2. Warum können Tsunami-Warnsysteme auch ohne Bojen funktionieren?

Bojen sind das Aushängeschild der Alarmsysteme, sie sollen die Wellen aufspüren. Doch immer wieder kommen die Messgeräte abhanden: Anker oder Algen reißen sie ab, oder Diebe klauen die wertvolle Technologie. Alle paar Monate skandalisieren Medien das Problem.

Dabei können Tsunami-Warnsysteme auch ohne die Bojen funktionieren. Bei starken Seebeben besteht auf jeden Fall höchste Alarmstufe; es wäre fahrlässig bei einem Beben wie am Mittwoch auf die Daten der Bojen zu warten. In vielen Regionen liegen zudem keine Bojen - dort würde man vergeblich auf Signale hoffen. Auch die Tsunamiwarnung am Mittwoch beruhte auf den Bebendaten. Lediglich das Tsunami-Warnsystem der USA übermittelte Daten von Warnbojen an die breite Öffentlichkeit - sie gaben schließlich Entwarnung.

3. Warum bebt es immer wieder vor Indonesien?

Südlich von Indonesien ist der Ozeangrund in ein Mosaik aus Millionen Tonnen schweren Gesteinspaketen zersprungen; manche sind kilometerdick und umfassen die Fläche mehrerer deutscher Bundesländer. Von Süden her geraten die Schollen unter Druck: Der Meeresboden schiebt sich etwa fünf Zentimeter pro Jahr gegen Indonesien. Stetig erhöht er den Druck auf die Reibungsflächen zwischen den Gesteinsschollen. Wird die Spannung zu groß, bricht das Gestein - es bebt.

4. Warum gab es trotz der extrem starken Beben keine Zerstörungen?

Zwei geologische Zufälle sorgten dafür, dass die Beben zwar extrem stark, aber dennoch harmlos waren: Zum einen ereigneten sie sich mehr als 400 Kilometer von der Küste entfernt, so dass die Erschütterungen nach bisherigen Informationen keine Siedlungen beschädigten.

Zudem verhinderte ein ungewöhnliches Geschehen am Meeresgrund eine Tsunami-Katastrophe: Der Meeresboden brach nicht wie beim desaströsen Tsunami-Beben von 2004, als ein Ruck dem Meer einen harten Stoß versetzte wie ein Stempel. Diesmal verschoben sich die Gesteinsschollen waagerecht, so dass weniger Wasser verdrängt wurde - nur kleine Wellen kamen in Schwung.

Das Ereignis ist geradezu eine geologische Sensation: Zwar gab es in der Nähe der aktuellen Beben seit 2006 drei ähnliche Beben mit Stärken von 6,2 bis 7,2. Doch dass waagerechte Gesteinsbrüche - sogenannte Blattverschiebungen - solch starke Stöße wie am Mittwoch erzeugen, ist äußerst selten. Normalerweise gerät der Boden nur dann so stark in Schwingung, wenn in sogenannten Subduktionszonen, wo sich Erdplatten übereinander schieben, eine Gesteinsscholle unter eine andere ruckt.

5. Wo bebt es als nächstes in der Region?

Erdbeben lassen sich nicht vorhersagen. Lediglich Regionen, in denen Starkbeben drohen, können Forscher eingrenzen. Dass die Methode allenfalls grob funktioniert, zeigten die Beben von Mittwoch. Sie ereigneten sich in einer Region, in der Experten solch starke Stöße nicht erwartet hatten: Seebeben stärker als 8 auf der Erdbebenskala ereignen sich der Theorie zufolge meist direkt an der Plattengrenze, wo sich der Meeresgrund unter Indonesien schiebt. Am Mittwoch jedoch bebte es hundert Kilometer südlich.

Eigentlich warten Seismologen seit langem auf Seebeben an einer anderen Stelle vor Sumatra: Südöstlich der Millionenstadt Padang stehe der Meeresgrund vermutlich unter Hochspannung, dort habe es entlang mancher Abschnitte der Erdplattengrenze seit Jahrhunderten nicht mehr gebebt, so dass der Druck im Gestein wohl immer weiter steige. Auch vor der Küste Javas in Indonesien liegt der letzte schwere Schlag an vielen Orten mehr als hundert Jahre zurück. Nach einem Starkbeben könnten Tsunamis die dicht besiedelten Küsten dort in einer Viertelstunde erreichen.



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