Nordosten der USA: Neue Grippeform tötet Seehundbabys

Ein neue Form von Grippeviren verbreitet sich im Nordosten der USA. Innerhalb von drei Monaten kosteten die Erreger 162 Seehunden das Leben, betroffen sind vor allem Jungtiere. Forscher warnen, das Virus könnte auch für den Menschen gefährlich werden.

Robbenbaby: In Neuengland starben über hundert Tiere an der Grippe Zur Großansicht
AP/ New England Aquarium

Robbenbaby: In Neuengland starben über hundert Tiere an der Grippe

New York - Im Nordosten der USA greift eine neue Form der Grippe um sich. Ein Virus hat sich so verändert, dass es von Vögeln auf Meeressäugetiere übertragbar ist. Innerhalb von drei Monaten starben an der Küste der Neuenglandstaaten über einhundert Seehunde an dem Erreger. Unter den Opfern befinden sich vor allem Jungtiere, berichten Forscher im Fachblatt "mBio" der American Society for Microbiology. Sie schließen nicht aus, dass der mutierte Erreger auch auf den Menschen übergehen könnte.

Aufmerksam auf infizierte Seehunde wurden die Forscher erstmals im September 2011, als sie entlang der Küste zwischen den US-Bundesstaaten Maine und Massachusetts mehrere Tiere mit Lungenentzündung und krankhaften Veränderungen an den Schleimhäuten der Atemwege fanden. Die meisten der Tiere waren jünger als ein halbes Jahr. In den folgenden drei Monaten entdeckten die Wissenschaftler insgesamt 162 tote oder fast tote Seehundjunge.

Um die Ursache des Massensterbens zu klären, suchten die Mediziner in den Geweben der Seehunde nach genetischen Spuren eines Erregers und wurden fündig. Bei dem Virus mit dem wissenschaftlichen Namen H3N8 handelt es sich demnach um einen Virenstamm mit einer völlig neuen Kombination von Merkmalen. Dass H3N8-Viren Säugetiere ebenso wie Vögel infizieren können, wurde allerdings schon vorher beobachtet. Solche Virenstämme haben bereits Grippewellen bei Pferden und Hunden ausgelöst.

Der neue Erreger H3N8 könnte auch auf den Menschen übergehen

Zwar stamme das nun bei Seehunden entdeckte Virus von einem in Vögeln entdeckten Grippevirus ab, habe aber zahlreiche neue Anpassungen. Eine davon befähige den Erreger dazu, ein Protein in den Zellen der menschlichen Atemwege anzugreifen, berichten die Forscher. Außerdem liege bei dem in den Seehunden gefundenen Erreger eine Genveränderung vor, durch die das Virus leicht zwischen Säugetieren verschiedener Arten wechseln könne.

"Das Auftreten von neuen Influenza-Stämmen ist immer ein Grund zur Sorge", schreiben Simon Anthony von der Columbia University in New York und seine Kollegen. Das gelte vor allem dann, wenn ein solches Virus neu auf ein Säugetier übergesprungen sei. Der jetzt in Seehunden entdeckte Influenza-Stamm H3N8 habe sich aus einem Virus entwickelt, das seit 2002 unter Vögeln in Nordamerika grassiere.

"Damit zeigt das H3N8-Virus ein ähnliches Bindungsmuster wie die bereits an den Menschen angepassten H3-Influenza-Stämme", schreiben die Wissenschaftler. Dieser Anpassungsschritt gelte als wichtige Triebkraft für Grippe-Pandemien. Die Existenz des neuen Influenza-Stamms sei daher potentiell besorgniserregend und müsse zukünftig genau überwacht werden. Dabei handelt es sich allerdings nur um eine Vorsichtsmaßnahme, bislang ist noch kein Fall beim Menschen nachgewiesen.

jme/dapd

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