Strandungen in Kalifornien Algengift raubt Seelöwen die Orientierung

Desorientiert und mit epileptischen Anfällen - Hunderte Seelöwen stranden jährlich an der Küste Kaliforniens. Jetzt kamen Forscher der Ursache auf die Spur: Ein Algengift schädigt das Erinnerungsvermögen der Tiere.

Desorientiert: Ein von Algen produziertes Nervengift beschädigt das Seelöwenhirn
The Marine Mammal Center

Desorientiert: Ein von Algen produziertes Nervengift beschädigt das Seelöwenhirn


Jedes Jahre stranden Hunderte Kalifornische Seelöwen (Zalophus californianus) an den Küsten des US-Bundesstaates, darunter oft zahlreiche Jungtiere. Die genaue Ursache war bislang unklar, nun wollen Forscher das Rätsel gelöst haben: Demnach raubt ein von Kieselalgen produziertes Nervengift den Raubtieren die Orientierung, berichten Forscher im Fachmagazin "Science".

Die sogenannte Domoinsäure schade nicht nur dem räumlichen Gedächtnis der Robben, sondern dem Erinnerungsvermögen insgesamt, so die Wissenschaftler. Meist sind die gestrandeten Tiere desorientiert oder haben epileptische Anfälle. In der Regel sind die Vergiftungen reversibel und die Tiere erholen sich wieder. Einige von ihnen werden in Auffangstationen aufgepäppelt.

Reha für Seelöwen: In Auffangstationen werden gestrandete Tiere behandelt
The Marine Mammal Center

Reha für Seelöwen: In Auffangstationen werden gestrandete Tiere behandelt

Peter Cook von der University of California in Santa Cruz und seine Kollegen haben nun 30 von ihnen genauer untersucht. Bereits zuvor hatten Forscher die Domoinsäure als Ursache für die Beschwerden im Verdacht. Der genaue Zusammenhang war bislang aber unklar.

Breite Gedächtnisstörung

Nun testeten die Forscher das Verhalten der Tiere in einem Labyrinth und untersuchten zudem die Gehirne im Magnetresonanztomografen (MRT) - insbesondere das Areal des Hippocampus, das maßgeblich am Gedächtnis beteiligt ist. "Wir konnten das Ausmaß der Schäden am Hippocampus mit bestimmten Verhaltensbeeinträchtigungen verbinden, die für das Überleben der Tiere in der Wildnis wichtig sind", so Cook.

Zudem zeigte die Untersuchung, dass bei den Tieren nicht nur der Hippocampus geschädigt war, sondern auch dessen Verbindungen zu anderen Hirnregionen wie etwa dem Thalamus. "Das ist der erste Beleg für Veränderungen im Hirnnetzwerk von Seelöwen und deutet darauf hin, dass diese Tiere an einer breiten Störung des Gedächtnisses leiden und nicht nur an Defiziten der räumlichen Orientierung", sagt Cook.

Immer mehr Algen, immer mehr Strandungen

Die Domoinsäure wird von Kieselalgen der Gattung Pseudo-nitzschia produziert. Diese blühen gewöhnlich im Frühjahr und im Herbst, allerdings nehmen Dauer und Ausdehnung seit Jahren zu - vermutlich wegen steigender Nährstoffkonzentrationen in Küstennähe. 2015 hielt die Blüte auch im Sommer an und reichte von Santa Barbara in Südkalifornien bis nach Alaska - dieses Ausmaß ist nach Angaben der Forscher bislang beispiellos und könne auch anderen Lebewesen gefährlich werden.

Das Gift wird im Wasser von Schalentieren und kleinen Fischen aufgenommen und kann sich so in Seelöwen und anderen Meeresbewohnern wie Seevögeln oder Walen anreichern. Auch Menschen können sich durch den Verzehr etwa von Muscheln Vergiftungen zuziehen.

Bei der Algenblüte 2015 entdeckten Forscher bei Stichprobenuntersuchungen an der US-Westküste zahlreiche Tiere, die Domoinsäure im Körper hatten. Das Nervengift wurde in drei Seevögeln und 36 Meeressäugern wie Walen und Seelöwen nachgewiesen. Exemplare mit einer potenziell tödlichen Giftmenge sind in Rot dargestellt, orangefarbene Symbole deuten auf eine geringe Giftmenge. Eingekreiste Tiere zeigten Krampfanfälle, als sie gefunden wurden.
Kathi Lefebvre/ Wildlife Algal Toxins Research/ Response Network/ WARRN West/ Northwest Fisheries Science Center

Bei der Algenblüte 2015 entdeckten Forscher bei Stichprobenuntersuchungen an der US-Westküste zahlreiche Tiere, die Domoinsäure im Körper hatten. Das Nervengift wurde in drei Seevögeln und 36 Meeressäugern wie Walen und Seelöwen nachgewiesen. Exemplare mit einer potenziell tödlichen Giftmenge sind in Rot dargestellt, orangefarbene Symbole deuten auf eine geringe Giftmenge. Eingekreiste Tiere zeigten Krampfanfälle, als sie gefunden wurden.

"Bisher wussten wir nicht genau, warum die Algen das Stranden verursachen", sagt Charan Ranganath, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Aber Seelöwen jagen dynamisch, und wenn so ein Tier nicht mehr weiß, wo es ist, hat es ein Riesenproblem." Dies kann auch die Beobachtung erklären, dass Seelöwen oft weit jenseits ihres eigentlichen Lebensraums auftreten - etwa auf offenem Meer oder in Binnengewässern.

Bei gestrandeten Seelöwen könne man nun anhand von Hippocampus-Messungen vorhersagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Tiere in der Wildnis überleben könnten, schreiben die Forscher. Das gelte vermutlich auch für andere durch das Gift beeinflusste Gruppen wie Seevögel oder Wale.

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jme/dpa



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