Seepocken-Klebstoff Forscher entschlüsseln biologischen Superleim

Seepocken können sich mit einem speziellen Kleber an alle möglichen Oberflächen heften - sogar an Schiffe oder Wale. Forscher haben nun herausgefunden, wie die Substanz wirkt. Offenbar machen die gleichen Mechanismen wie bei der Blutgerinnung den Bio-Leim so erfolgreich.

Seepocken auf einem Schiff: "Eine spezielle Form der Wundheilung"
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Seepocken auf einem Schiff: "Eine spezielle Form der Wundheilung"


Cambridge - Auf den ersten Blick sehen sie gar nicht aus wie Tiere: Doch Seepocken, die zum Beispiel auf Steinen, Felsen und Muscheln leben, gehören zu den Krebsen. Wenn sie erwachsen sind, können sie sich allerdings nicht mehr von der Stelle rühren.

Die kleinen Krebstiere kleben sich auch an Segelyachten und an riesige Frachter. Nicht einmal Wale bleiben verschont: Seepocken heften sich sogar an die Haut der Riesentiere und filtern dort Nahrungspartikel aus dem Wasser. Zu diesem Zweck sondern sie einen Leim ab, der so stark ist, dass sich die Tiere sogar in Gezeitenzonen an Felsen kleben und dort der ständigen Wasserströmung trotzen können.

US-Forscher um Dan Rittschof von der Duke-University in Durham (US-Bundesstaat North Carolina) haben den biologischen Klebstoff nun genauer untersucht. Dabei fanden sie heraus, dass - wie bei der Blutgerinnung - eine Flüssigkeit produziert wird, deren Einzelbestandteile sich nach der Ausscheidung zu langkettigen Molekülen verbinden. Dadurch entsteht ein sehr wirksamer Klebstoff, der immer zähflüssiger und schließlich fest wird.

Die Wissenschaftler stellen ihre Entdeckung im Fachjournal "Journal of Experimental Biology" vor (Bd. 212, S.3499). Demnach wirken im Blut und bei den Seepocken sogar die gleichen Schlüsselmoleküle: Die Forscher fanden im Seepockensekret sogenannte Proteasen. Diese Stoffe setzen auch im Blut Kettenreaktionen in Gang, an deren Ende die verklumpten Einzelteile stehen.

Die Wissenschaftler hatten Proben des Seepocken-Sekretes genommen und den Gerinnungsprozess im Kühlraum verfolgt. Doch selbst bei niedrigen Temperaturen blieben ihnen nur etwa fünf Minuten, bevor sich der Leim verfestigt hatte. Immerhin gelang es den Forschern, die wichtigsten Komponenten des Klebers zu isolieren.

Im Blut verbindet ein bestimmtes Protein, der sogenannte Human Factor XIII, winzige Gerinnsel und Fasern zu größeren Klümpchen, bis sich schließlich über einer Wunde der Schorf bildet. Die aus dem Seepocken-Leim isolierten Proteine gleichen dem Human Factor XIII laut den Forschern erheblich - einige Regionen sind bei beiden Proteinen sogar identisch.

Die Ähnlichkeit ist nach Ansicht der Wissenschaftler kein Zufall. "Wahrscheinlich ist die Polymerisierung im Seepockenklebstoff eine spezielle Form der Wundheilung", erklärt Rittschof. Er vermutet, dass auch der Klebstoff vieler anderer Meeresbewohner auf demselben Prinzip beruht.

chs/ddp



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