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Seltene Naturgefahr: Wenn Blitze in die Wohnung schießen

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Sintflutartiger Regen, Hagel, Donner: Teile Deutschlands wurden in den vergangenen 24 Stunden von heftigen Gewittern heimgesucht, Meteorologen sagen weitere starke Unwetter voraus. In Norddeutschland sollen zwei Menschen in ihren Häusern von Blitzen getroffen worden sein - bieten nicht mal Gebäude Schutz?

Gewitter über Deutschland: Todesgefahr unter Starkstromfackeln Fotos
dpa

Gewitterfronten jagen über Deutschland. Blitze leuchten, es donnert und hagelt, Regenschwalle ergießen sich über viele Regionen des Landes. Hamburg erlebte am Montag einen der heftigsten Regenfälle seit Beginn der Messungen. Nach Messungen des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation stürzten in der Innenstadt 80 Liter pro Quadratmeter hinab. Tiefgaragen, Keller und U-Bahn-Eingänge standen kniehoch unter Wasser. Auch am Dienstag und Mittwoch drohen in Deutschland Gewitter und Starkregen, warnt der Deutsche Wetterdienst ( mehr dazu hier).

Doch auch diese Nachrichten sorgten für Unruhe: In Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern wurde eine 65 Jahre alte Frau in ihrem Haus von einem Blitz getroffen und verletzt, wie sie der Polizei berichtete. In Hamburg sei ein Mann am Schreibtisch vom Blitz getroffen worden, meldete eine Hamburger Lokalzeitung.

Die Wirklichkeit war in diesem Fall aber etwas weniger dramatisch: Der Mitarbeiter der Firma Conergy im Zentrum Hamburgs spürte ein Kribbeln, nachdem der Blitz in den siebten Stock eingeschlagen war, wo der Mann am Fenster saß. Er wurde aus Sorge vor Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus gebracht, fuhr dann aber gesund nach Hause. Doch nicht nur seine Kollegen fragen sich nun: Bieten selbst Gebäude keinen Schutz vor Blitzen?

30.000 Grad heiße Starkstromfackeln

In Innenstädten mit ihren vielen Gebäuden gewittert es heftiger als über dem freien Land - die größere Hitze im Ballungsgebiet sorgt für größere Energie in der Luft. Mit Blitzen schießen Zigtausende Ampere Starkstrom zur Erde. Zum Vergleich: Elektrogeräte laufen mit rund zehn Ampere. Mehrere Millionen Volt Spannung entladen sich, wenn die rund 30.000 Grad heißen Starkstromfackeln in die Erde krachen und Sandkörner schmelzen lassen. Menschen sollten nicht in die Nähe geraten; jedes Jahr sterben in Deutschland etwa sechs Personen durch Blitze, Dutzende werden verletzt, viele bleiben geschädigt.

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Regen und Hagel: Land unter in Hamburg, Fahrstopp in Bayern
Die wichtigsten Regeln bei Gewitter lauten: Bäume meiden, keinen Regenschirm tragen, aus dem Wasser flüchten, im Auto bleiben oder in die Hocke gehen und dabei die Beine eng aneinanderstellen. Den besten Schutz bieten jedoch Gebäude. Allerdings haben viele Häuser keine Blitzableiter. Oft werden sie verschont, weil höhere Gebäude eher getroffen werden. Exponierte Gebäude wie Türme und Hochhäuser verfügen meist über Blitzschutz.

"Trifft jedoch ein Blitz ein Haus ohne Blitzableiter, besteht Gefahr, vor allem durch Feuer", sagt Thomas Raphael vom Ausschuss Blitzschutz des Verbands Deutscher Elektrotechniker. Aber auch Stromschlag droht: Leitungen können den Starkstrom ins Innere führen. Vor allem in der Nähe von gut leitenden Objekten besteht dann Gefahr: "Bei Gewitter sollte man sich in gefährdeten Gebäuden von Metallgegenständen fernhalten", rät Raphael. Oftmals wirken Stahlbetonstreben am Gebäude aber sogar unbeabsichtigt als Blitzableiter.

Telefonleitungen als Angriffspunkt

Doch immer wieder machen grausige Vorfälle Schlagzeilen: Im Sommer 2003 wurden zwei Büroangestellte in München am Schreibtisch vom Blitz getroffen. "Das Headset zersprang, die Brille flog weg, Schmerz durchzuckte die Glieder", meldete die "Abendzeitung".

"Für solche Unfälle müssen aber viele unglückliche Zufälle zusammenkommen", sagt der Hochspannungstechniker Alexander Kern von der Hochschule Aachen. Um einen Blitzschlag zu erhalten, muss ein Mensch quasi zum fehlenden Glied eines Stromkreises werden: Er muss den Strom des Blitzes auf einen gut leitenden Gegenstand übertragen.

Bei manchen Häusern sind Teile, die Strom leiten, am Blitzableiter angeschlossen, so dass der Strom abgeführt wird, bevor er ins Haus gelangt. In vielen Ländern jedoch bieten etwa Telefonkabel eine Schwachstelle: Werden sie überirdisch geführt, können sie Blitze ins Gebäude leiten. Wer dann gerade beim Telefonieren seine Hand an die Heizung hält, wäre in Lebensgefahr.

In Deutschland jedoch liegen Telefonleitungen meist unter der Erde. Dass sie den Strom eines Blitzes in ein Gebäude leiteten, komme "äußerst selten vor", sagt Kern. Handys hingegen stellen niemals eine Gefahr dar, weil sie nicht an ein Kabelnetz angeschlossen sind.

Gefahr für Elektrogeräte

Weit häufiger als lebensgefährliche Schläge gibt es im Haus leichten Stromschlag durch Blitze. Um "eine gewischt zu bekommen", muss der Blitz nicht direkt ins Haus laufen. Es reicht, wenn sein Magnetfeld Spannung auf einen geschlossenen Stromkreis im Gebäude überträgt, in dem ein Mensch steht. So werde es wohl auch im Fall des Büroangestellten in Hamburg am Montag gewesen sein, spekuliert Kern: Vermutlich sei der Mann mit zwei Leitungen verbunden gewesen, etwa mit der Computermaus und dem Telefon, so dass er einen Stromfluss gespürt habe - jenes Kribbeln eben.

Gefährlicher als für Menschen sind Gewitter für die Elektronik im Gebäude. Sie wird bereits durch extrem kurze Spannungsschwankungen geschädigt, die ein Mensch nicht bemerkt. Schlägt ein Blitz in eine Antenne oder in Elektrokabel ein, breitet sich entlang der Leitungen eine sogenannte Überspannungswelle aus, die alle Geräte kaputtmachen kann. Auch ein entferntes Gewitter kann mit seinem Magnetfeld hohe Spannungen auf Hausleitungen übertragen.

Schutz bietet der sogenannte "innere Blitzschutz" - Blitzableiter für die Elektronik: Dabei werden alle Leitungen des Hauses geerdet. Die plumpere Methode lautet: bei Gewitter Stecker ziehen, auch Antennen- und Telefonkabel. Danach kann man sich entspannt aufs Sofa legen und durchs Fenster den Naturgewalten zusehen.

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1. Blitzerlebnis
Samuel Hastrim Klepp V 07.06.2011
Zitat von sysopSintflutartiger Regen, Hagel, Donner: Teile Deutschlands wurden in den letzten 24 Stunden von heftigen Gewittern heimgesucht, Meteorologen sagen weitere starke Unwetter voraus. In Norddeutschland sollen zwei Menschen in ihren Häusern von Blitzen getroffen worden sein - bieten nicht mal Gebäude Schutz? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,767123,00.html
Mir ist einmal ein Blitz durch die Wohnung gegangen. Dem Donner nach zu urteilen, ist er im Umkreis von 1 km eingeschlagen und dann wohl durch das Stromnetz mich besuchen gekommen. Großes Kino - sollte man mal erlebt haben. Zum Glück saß ich am anderen Ende des Zimmers.
2. das
crocodil 07.06.2011
erinnert mich doch an die Aussage "soll dich doch der Blitz im Sch...haus treffen" Aber Spass beiseite, wie schon andere Forumsmitglieder geschrieben haben, wird das ganze heute total überbewertet. Hagel, Regen und Gewitter gibt es schon seit Millionen Jahren. Aber da die "Wetterfrösche" sich vor Jahren mal in ihren Vorhersagen geirrt haben, wird heute jeder kleine Regen zu einem Unwetter erklärt!!!
3. Überspannungs steigt!
DresdenSchnorchler 07.06.2011
Ich habe schon zweimal die Haussprechanlage, die Telefonanlage und die Fritz-Box wegen Blitzeinschlägen in der Umgebung verloren und auswechseln müssen, und zwar trotz einer neuen Blitzschutzanlage im Haus! Daraufhin habe ich einen Mittelschutz in den Sicherungskasten und einen Feinschutz vor jeden sensiblen Verbraucher, den ich bei Gewitter nicht abschalten kann, eingebaut. Bis jetzt gab es keinen Ärger mehr. Der Blitzableiter auf dem Dach schützt also nicht vor Überspannungen, die über Strom- und Telefonleitungen ins Haus gelangen können! Nach Aussage des zuständigen Elektrikers wurde in einigen Gebieten, darunter auch in Städten, eine deutliche Zunahme der Einschlaghäufigkeit in den letzten zehn Jahren festgestellt.
4. Subjektiv
mrblowfly 07.06.2011
Zitat von DresdenSchnorchlerIch habe schon zweimal die Haussprechanlage, die Telefonanlage und die Fritz-Box wegen Blitzeinschlägen in der Umgebung verloren und auswechseln müssen, und zwar trotz einer neuen Blitzschutzanlage im Haus! Daraufhin habe ich einen Mittelschutz in den Sicherungskasten und einen Feinschutz vor jeden sensiblen Verbraucher, den ich bei Gewitter nicht abschalten kann, eingebaut. Bis jetzt gab es keinen Ärger mehr. Der Blitzableiter auf dem Dach schützt also nicht vor Überspannungen, die über Strom- und Telefonleitungen ins Haus gelangen können! Nach Aussage des zuständigen Elektrikers wurde in einigen Gebieten, darunter auch in Städten, eine deutliche Zunahme der Einschlaghäufigkeit in den letzten zehn Jahren festgestellt.
Ich glaube kaum, das er wirklich mehr Stom"Einschläge" gegeben hat. Die Elektronik wird immer empflindlicher, Leitungungen feiner, und die ELektronischen Bauteile brauchen eine immer niedrigere Betriebsspannung. Ist ja eigentlich nix neues, kenne noch Notebooks mit Telefoneinschlag, da war der Modemstecker auf der Platine "Quasi" ausgelötet.DSL-Router sind wohl ein besonderes Leckerli..., kein Wunder, Strom + Telefon aus nächster Quelle....
5. Widersprüche
Student5 07.06.2011
Ich habe gerade zwei absolut widersprüchliche Meldungen ergoogelt (auf der ersten Seite bei Eingabe von "Blitzschläge Opfer"): Blitzeinschlag: Opfer überleben nur in seltenen Fällen (http://www.netdoktor.de/News/Blitzeinschlag-Opfer-ueberl-1098698.html) Blitzschlag-Opfer haben hohe Überlebenschancen (http://www.mittelbayerische.de/index.cfm?pid=10052&pk=470140&p=1) Das erinnert mich irgendwie an Ehec. Wem soll man nun glauben?
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