Sensation in der Ostsee Wissenschaftler sichten Buckelwal vor Rügen

Meeresbiologen sprechen von einer Sensation: Vor der Küste Rügens haben Wissenschaftler überraschend einen zwölf Meter langen Buckelwal gesichtet - und fotografiert. Der letzte vergleichbare Fall liegt 30 Jahre zurück.


Eigentlich waren Andreas Nick und Christoph Bock zum Vögel beobachten auf Rügen. Doch plötzlich kam ihnen ein ganz komischer Vogel unter: Die beiden Biologen sahen vor der Küste einen Wal. "Mein Kollege Andreas Nick und ich saßen am Cap Arkona auf Rügen und beobachteten Vögel", schilderte Christoph Bock SPIEGEL ONLINE die Entdeckung, die sich bereits am Freitag ereignete, aber erst heute bekannt wurde. "Plötzlich sagte Andreas: 'Da ist ein Wal!' Ich schaute hin - und wusste sofort: Das ist ein Buckelwal."

Den beiden war klar: "Das war etwas Außergewöhnliches." Sie fotografierten das Tier, so gut das auf die Entfernung ging. "Ein weiterer Kollege, Mathias Putze, machte dann noch mehr Fotos."

Zwei Stunden lang konnten die drei den Wal beobachten. Ein Spektakel - der Wal sprang immer wieder aus den Wellen empor und tauchte zurück in die Fluten.

Die Biologen leiteten die Fotos an das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund weiter. Dass es tatsächlich ein Buckelwal, bestätigte daraufhin Harald Benke, der Direktor des Museums: "Die Beschreibungen der Entdecker waren detailliert und exakt", sagte Benke SPIEGEL ONLINE. "Außerdem waren die Fotos eindeutig: Ich konnte klar darauf erkennen, dass es sich um einen Buckelwal handelt. Er hat die typische lange weiße Brustflosse, die ein Drittel des Körpers ausmachen kann."

"Ganz, ganz selten"

Laut Benke ein außergewöhnlicher Fall. "Das ist eine Sensation", sagte er SPIEGEL ONLINE. Dass sich ein Wal in die Ostsee verirre, sei "ganz, ganz selten." Der letzte ähnliche in Deutschland dokumentierte Fall liege fast 30 Jahre zurück und habe sich am 24. August 1978 ereignet: Damals sei ein zehn Meter langer lebender Buckelwal vor Rügen gesichtet worden. Vor diesem Ereignis sei in der deutschen Ostsee zuletzt ein Buckelwal 1851 dokumentiert worden.

Doch wie gelangte das Tier dorthin? Benke nannte Fischschwärme als möglichen Grund dafür, dass der Wal während seiner gewohnten Sommerroute in die Arktis versehentlich über die Nordsee in die Ostsee geschwommen sei. "Die Wale ernähren sich von diesen Schwärmen und folgen ihnen", sagte er. "Auch dieser Wal schwamm vermutlich hinter so einem Fischschwarm her. Der ist einfach auf den falschen Weg gelangt." Der Stralsunder Forscher rechnet damit, dass sich der Buckelwal nun mehrere Wochen lang in der Ostsee aufhalten wird - obwohl er dort eigentlich zu wenig Fressen findet. "Das kann er aber eine Zeit lang aushalten."

In letzter Zeit sorgten ungewöhnliche Besucher in der Ostsee mehrfach für Furore:

Wissenschaftler räumen dem Buckelwal mittelfristig eine gute Überlebenschance ein. Über Monate hinweg könnten Buckelwale ohne Futter auskommen, sagte die Stralsunder Walforscherin Anja Gallus vom Deutschen Meeresmuseum. In der Regel ernährten sich die Tiere im Polarmeer von Krill und wanderten dann weiter südwärts, wo sie ihre Jungen bekämen. In der Ostsee könnten die Wale vorübergehend auch von kleineren Fischen leben, erläuterte die Expertin. Unklar sei allerdings, ob der Wal den Weg aus der Ostsee heraus finde. In der Vergangenheit sei dies aber schon anderen Walen gelungen.

Der Buckelwal war nach der Sichtung am Freitag zunächst nicht wieder aufgetaucht. Chancen, das Tier zu orten, werden von Experten als sehr gering bewertet, da die sechs in der Ostsee installierten Detektoren auf Ortungen von Schweinswalen spezialisiert seien. Die Gesänge des Buckelwals lägen jedoch auf einer völlig anderen Frequenz als jener der Schweinswale.

Gesänge, die menschlichen Liedern ähneln

Nach Angaben des Meeresmuseums wurde bereits im Mai 2006 ein Buckelwal in polnischen Gewässern beobachtet. Am 3. Juli 2003 wurde am Strand von Groß Schwansee in der Lübecker Bucht ein sechs Meter langes und zwei Tonnen schweres - aber totes - Buckelwalbaby entdeckt, das damals von Mitarbeitern des Deutschen Meeresmuseums untersucht wurde.

Buckelwale sind für ihre besonderen Gesänge bekannt: Keine andere Walart singt so ausdauernd und vielfältig. Die Melodien sind erkennbar aufgebaut und werden exakt wiederholt, sodass sie mit menschlichen Liedern vergleichbar sind. Das biologische Wissen über die Walgesänge ist allerdings gering.

Laut Greenpeace leben Buckelwale weltweit in allen Ozeanen, im Sommer meist in Polregionen, im Winter in subtropischen Gewässern. Sie können 50 Jahre alt und dabei bis zu 18 Meter lang und 40 Tonnen schwer werden. Die riesigen Säuger ernähren sich von kleinen Schwarmfischen, auf der Südhalbkugel auch von Kleinkrebsen, Schnecken und Plankton. Sie filtern die Nahrung mit ihren Barten aus dem Meerwasser. Der weltweite Bestand wird auf 35.000 bis 40.000 Tiere geschätzt.

lub/har/hen/ dpa/ ddp



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