Sensationeller Fund: Forscher entdecken bizarre Raubameise

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Sie sieht aus wie ein außerirdisches Wesen: Karlsruher Wissenschaftler haben im Amazonasgebiet eine bislang unbekannte Ameisenart entdeckt. Sie stufen das komplett blinde Tier als völlig neue Gattung ein - die erste seit 85 Jahren.

Ameisen bevölkern die Erde schon seit mehr als 120 Millionen Jahren, 12.000 Arten hat der Mensch bisher erforscht. Nun haben Christian Rabeling und Manfred Verhaagh vom Karlsruher Naturkundemuseum eine völlig neue Ameisenart entdeckt. Im Laufe der Auswertung erwies sich das drei Millimeter große Tier als älteste noch lebende Ameisenart überhaupt. Aufgrund des geradezu "außerirdischen Aussehens" benannten die Forscher das Exemplar "Martialis heureka". Frei übersetzt bedeutet dies: "Die vom Mars - wir haben sie gefunden". Die Wissenschaftler beschrieben ihre Entdeckung im Fachmagazin " Proceedings of the National Academy of Scienes".

Martialis heureka: Besonders urtümlicher Nachfahre der ersten Ameisen
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Martialis heureka: Besonders urtümlicher Nachfahre der ersten Ameisen

Dies sei ein "sensationeller Fund", betonten die Insektenforscher. Die Ameise stelle "nicht nur eine neue Art, sondern auch eine völlig neue Gattung" dar, sagte Verhaagh. Es ist seit 85 Jahren die erste neue Unterfamilie, die für lebende Ameisen geschaffen werden musste.

Das Tier sei blind und besitze lange, dünne Kieferzangen, wie sie in dieser Form keine andere Ameisenart aufweise. Rabeling und Verhaagh gehen zusammen mit ihrem Co-Autor Jeremy Brown von der University of Texas davon aus, mit der "Marsianerin" einen besonders urtümlichen Nachfahren der ersten Ameisen aus dem Laub gezogen zu haben. "Es ist die urtümlichste und primitivste Ameise, die wir kennen", erläuterte Verhaagh. Die Forscher sprechen von einem "echten Relikt".

In einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt hatten sie zwischen 1996 und 2003 den Boden des Amazonas-Tieflands in Brasilien untersucht. "Es handelt sich hier um einen großen Glücksfall", betont Verhaagh, Abteilungsleiter für Insektenkunde.

Vor fünf Jahren hatte Verhaagh schon einmal zwei Exemplare der Tiere im Amazonas-Tiefland entdeckt. Sie trockneten allerdings aus und klebten in ihrem Glasröhrchen fest. Beim Rettungsversuch im Labor eines Kollegen sollten die Tiere durch ein Ultraschallbad wieder freikommen. Leider zerlegten sie sich dabei in feine Ameisenbrösel. Die Tiere seien äußerst selten. "Dass überhaupt ein weiteres Exemplar gefunden wurde, war wie ein Lottotreffer", sagt Verhaagh. Denn normalerweise leben die fleißigen Waldbewohner unter der Erde und können nur durch Bodenproben gehoben werden.

Vermutlich gibt es sie seit mehr als 120 Millionen Jahren

Christian Rabeling, damals Diplomand, spürte die unbekannte Ameise eines Nachts auf, als sie zufällig auf dem mit Laub bedeckten Boden entlanglief. Das Exemplar lagerte dann bis vor einem Jahr im Bio- und Geowissenschaftlichen Institut des Naturkundemuseums in Karlsruhe. Erst bei der genetischen Analyse stellte sich heraus, wie spektakulär der Fund war.

Die Erbgutuntersuchung des augenlosen Weibchens - es gehört zur Kaste der sterilen Arbeiterinnen - erforderte Feingefühl: Das rechte Vorderbein wurde entfernt, um die DNA daraus zu gewinnen. Aus ihr ließ sich die Abfolge von drei Genabschnitten herauslesen, die mit jenen von anderen Ameisen verglichen werden konnte. Zusammen mit dem Körperbau ergaben sich daraus so viele Unterschiede, dass das neue Insekt nun als einziges Mitglied der neuen 21. Unterfamilie der Ameisen gilt.

Über Lebensweise und Verhalten der blinden Ameisen ist wenig bekannt, aber sie krabbeln vermutlich unter dem Laub und in verrottendem Holz, etwa hohlen Wurzeln. Vielleicht kommen sie im Schutz der Dunkelheit auch zum Fressen ins Freie. Die langen, filigranen und pinzettenartigen Mundwerkzeuge - sie sind im Reich der Ameisen ebenfalls ohne Beispiel - könnten zum Herausziehen weicher Beuteorganismen wie Insektenlarven oder Würmern aus deren Behausungen dienen, spekulieren die Forscher.

Forscher rechnen mit weiteren Entdeckungen

Solche Ameisen existierten vermutlich bereits seit mehr als 120 Millionen Jahren. Entwickelt hätten sie sich aus wespenartigen Vorfahren. Einige Ameisen spezialisierten sich demnach aufs Leben im dunklen Untergrund, sparten sich fortan Pigmente und Augen - und überlebten bis heute. Vermutlich, so erklärt Rabeling, hätten sie im Boden wenige Feinde, außerdem habe sich dort über lange Zeit ein stabiles Klima gehalten. Auf diese Weise konnte diese Reliktart viele besonders alte Eigenschaften bewahren.

Diese neue deutet auf eine Vielzahl ähnlicher Arten im Untergrund der Regenwälder hin, folgern die Forscher, die mit weiteren Entdeckungen rechnen. Nächtliche Suchgänge im Laub und unterirdische Fallen könnten dabei helfen. Das Tier wird heute im Museum für Zoologie der Universität São Paulo aufbewahrt. Die Wissenschaftler erhoffen sich nun ein verbessertes Verständnis über die Evolution der Ameisen.

Ameisen haben sich als Erfolgsmodell der Evolution erwiesen und sind zu einer der erfolgreichsten Tiergruppen aufgestiegen. Derzeit sind rund 12.460 Arten bekannt, "Anzahl steigend", sagt Rabeling. Insgesamt seien zwischen 15.000 und 20.000 zu erwarten. Die staatenbildenden Ameisen und Termiten sind die heimlichen Herrscher der Welt. Zusammengenommen machen sie etwa ein Viertel der gesamten tierischen Biomasse aus - den Menschen ausgenommen.

lub/ddp/dpa

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