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01. Oktober 2009, 17:54 Uhr

Sensationeller Skelettfund in Äthiopien

"Ardi" revolutioniert Bild unserer Urahnen

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Unsere Vorfahren waren viel weniger affenartig als bisher vermutet. Das zeigt ein sensationeller Fund aus Äthiopien. Das 4,4 Millionen Jahre alte weibliche Skelett stammt von unserem ältesten bekannten Urahnen und erlaubt grundlegende neue Einblicke in die Evolution des Menschen.

Die Region um den Fluss Awash in Nordäthiopien entspricht nicht wirklich den gängigen Vorstellungen von einer lieblichen Landschaft: ausgedörrtes Buschland, staubige Erde und tagsüber glühende Hitze. Dennoch übt diese verlassene Gegend auf manche Menschen eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Das Gebiet ist ein Eldorado für Wissenschaftler, sein Boden voller Fossilien. Mehr als 17 Jahre lang schufteten hier Dutzende Forscher sowie zahllose Helfer. Auf einem neun Kilometer langen Streifen nahe dem Dorf Aramis wurde jeder Quadratzentimeter systematisch abgesucht. Ein immenser Aufwand.

Die Plackerei hat sich gelohnt. Die Expertentruppen unter Leitung des Anthropologen Tim D. White von der University of California in Berkeley gruben unter anderem rund 135.000 Säugerknochen aus und dazu eine Vielzahl versteinerter Baumstämme, Samen, Fischgräten, Zähne, Schneckenhäuser und dergleichen. Jede Einzelheit dokumentierten sie genau. "Es ist eine Lawine aus neuen geologischen und paläobiologischen Daten", jubelt White.

Die untersuchten Sedimentschichten sind etwa 4,4 Millionen Jahre alt. Damals war das Gebiet deutlich besser mit Wasser versorgt. Auf größeren Flächen stand üppiger Wald, der teilweise durch Grasflächen aufgelockert wurde. Ein nahe gelegener Fluss trat regelmäßig über seine Ufer und überflutete die Landschaft. Vor allem die Fauna war artenreich: Nashörner und Hasen, Kudu-Antilopen und Krokodile, Pfauen, Papageien und noch diverse bislang unbekannte, ausgestorbene Spezies.

75 Kilometer bis zu "Lucy"

Der unbestrittene Star ist jedoch ein weiblicher Affenmensch. Ihr Anfang der neunziger Jahre entdecktes und seit dem intensiv erforschtes Skelett ist das einzige weitgehend erhaltene dieser Art, wissenschaftlich Ardipithecus ramidus genannt. Die Forscher tauften sie "Ardi". Zu Lebzeiten wog sie etwa 50 Kilo bei einer Länge von rund 1,20 Meter - eine mollige Erscheinung. Ardis bislang letzte Ruhestätte lag nur 75 Kilometer südlich von dem Ort, wo 1974 das weltberühmte Australopithecus-Weibchen "Lucy" ausgegraben wurde. Zusätzlich zu Ardis Gebein fand das Team noch 110 lose Knochen und Zähne von mindestens 36 anderen Ardipithecus.

Das Wissenschaftsmagazin "Science" hat eigens eine Sonderausgabe zu Ardi veröffentlicht. Dies ist mehr als gerechtfertigt, schließlich beantwortet der Sensationsfund einige offene Fragen aus der Anthropologie auf überraschende Weise. "Er ist ein Mosaikwesen, weder Affe noch Mensch, sondern einfach Ardipithecus", sagt Tim White. Auch wenn Ardipethecus allein nicht der "missing link" (fehlende Verbindung) in der Abstammungsreihe von Menschen und Affen sei, so komme er der Trennung dieser Linien doch näher als alle bisherigen Funde, schreiben die Forscher. Die Entdeckung verändere die Vorstellungen über unsere frühe Entwicklungsgeschichte.

Näher am modernen Menschen als gedacht

Auf der Suche nach dem letzten gemeinsamen Vorfahr von Mensch und Schimpanse hielten die Forscher bisher vor allem nach Fossilien Ausschau, die den Schimpansen gleichen. Die Autoren der neuen Studien finden nun diesbezüglich deutliche Worte: "Die Merkmale des Ardipithecus erklären diese Annahmen für null und nichtig", schreiben sie. Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die sich aus den detaillierten Untersuchungen der Fossilien ziehen ließen, sei jene, dass Schimpansen wie die Menschen eine hochspezialisierte Gruppe bildeten und der letzte gemeinsame Vorfahre - der allerdings erst noch gefunden werden muss - irgendwo dazwischen stehe, und nicht unbedingt näher beim Schimpansen.

Ardipithecus ramidus wissenschaftliche Bedeutung liegt vor allem in seiner nahen Verwandtschaft zu Australopithecus. Er könnte sein direkter Vorfahr sein. Lucy ist nur 3,2 Millionen Jahre alt und evolutionär weiter in Richtung Mensch entwickelt als Ardi. Die Australopithecus-Dame war bereits vollkommen an das Leben in der offenen Landschaft angepasst, wogegen Ardipithecus zumindest noch zum Teil auf Bäumen hauste und primitiver gebaut war - teilweise auch im Vergleich zu den heute lebenden Schimpansen und Gorillas.

Verräterische Füße

Die vielleicht wichtigsten anatomischen Details finden sich an Ardis Händen und Füßen. Erstere haben recht lange Finger, doch deren Knochenbau fehlt die typische Struktur, welche es zum Beispiel den Schimpansen erlaubt, problemlos vierbeinig auf den Knöcheln zu gehen, die Hände praktisch zu Fäusten geballt. Ardis Hände dürften gut zum horizontalen Herumklettern in Bäumen geeignet gewesen sein, schreiben die Forscher. Das Gewicht ruhte dabei auf den Handflächen.

Im Gegensatz zu den Händen zeigen die Füße dieser Ur-Hominiden gewisse Anpassungen an das Leben auf dem Boden. Mit ihren äußerst beweglichen großen Zehen konnten sie zwar gut greifen, was der Beweglichkeit in den Baumkronen zugutekam. Andererseits aber ist das Fußskelett nicht so flexibel wie das von Schimpansen oder Gorillas. Diese Rigidität begünstigte wahrscheinlich das Gehen, auch wenn Ardi und ihre Artgenossen - anders als Australopithecus - noch nicht über ein gewölbtes Fußbett verfügten. Dauerlauf und Fernmärsche waren mit solchen Plattfüßen ausgeschlossen.

Dennoch dürfte Ardipithecus ziemlich viel Zeit am Boden verbracht haben, glauben die Wissenschaftler. Beckenbau und Oberschenkelknochen lassen auf einen halbwegs aufrechten Gang schließen. Tim White und seine Kollegen vermuten, dass die Affenmenschen ihren Lebensraum zu Fuß auf der Suche nach Essbarem durchstreiften. Stundenlang. Der aufrechte Gang habe sich wohl nicht erst in offenem Gelände entwickelt, sondern noch im Wald, schreiben die Forscher.

Kein Macho-Gehabe?

Ardis Eckzähne liefern Hinweise auf das Sozialverhalten. Sie sind klein und diamantenförmig statt spitz und langwüchsig. Mit anderen Worten: Sie eigneten sich nicht als Waffen im Kampf oder zum Drohen. Bei den heutigen Menschenaffen dagegen verfügen vor allem männliche Schimpansen und Gorillas im Oberkiefer über regelrechte Hauer, die sogar ständig an den darunter liegenden Zähnen geschliffen werden. Doch auch die Eckzähne der Menschenaffenweibchen sind ausgeprägter als bei Ardi.

Die Wissenschaftler sprechen Ardipithecus daher ein eher friedliches Verhalten ohne Macho-Gehabe oder schwere Rangordnungskämpfe zu. Männchen und Weibchen dürften weitgehend ebenbürtig gewesen sein. Der Knochenbau weist auf nur geringe Unterschiede in der Körpergröße hin. Vielleicht kooperierten die Geschlechter gar bei der Nahrungssuche und der Betreuung des Nachwuchses.

Ein solcher Gruppenzusammenhalt wird in der harten ostafrikanischen Lebenswelt des Miozäns sehr von Vorteil gewesen sein. Raubtiere gab es anscheinend viele. Die fossilen Knochen von Huftieren, die in derselben Schicht wie Ardis sterbliche Überreste lagen, zeigen meistens ausgiebige Bissspuren. Oft wurden sie regelrecht zermalmt, was wahrscheinlich auf die besonderen Essgewohnheiten von Hyänen zurückzuführen ist.

Der Mangel an intakten Skeletten lässt darauf schließen, dass tote Tierkörper normalerweise in kürzester Zeit zerpflückt und gefressen wurden - so wie es noch heute in der Savanne üblich ist. Ob sich Ardipithecus manchmal auch von Aas ernährte und sich somit an der Kadaverfledderei beteiligte, ist noch ungeklärt. Aber man konnte damals nicht allzu wählerisch sein.

mit Material von dpa und ddp

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