Von Kurt F. de Swaaf
Die Region um den Fluss Awash in Nordäthiopien entspricht nicht wirklich den gängigen Vorstellungen von einer lieblichen Landschaft: ausgedörrtes Buschland, staubige Erde und tagsüber glühende Hitze. Dennoch übt diese verlassene Gegend auf manche Menschen eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Das Gebiet ist ein Eldorado für Wissenschaftler, sein Boden voller Fossilien. Mehr als 17 Jahre lang schufteten hier Dutzende Forscher sowie zahllose Helfer. Auf einem neun Kilometer langen Streifen nahe dem Dorf Aramis wurde jeder Quadratzentimeter systematisch abgesucht. Ein immenser Aufwand.
Die Plackerei hat sich gelohnt. Die Expertentruppen unter Leitung des Anthropologen Tim D. White von der University of California in Berkeley gruben unter anderem rund 135.000 Säugerknochen aus und dazu eine Vielzahl versteinerter Baumstämme, Samen, Fischgräten, Zähne, Schneckenhäuser und dergleichen. Jede Einzelheit dokumentierten sie genau. "Es ist eine Lawine aus neuen geologischen und paläobiologischen Daten", jubelt White.
Die untersuchten Sedimentschichten sind etwa 4,4 Millionen Jahre alt. Damals war das Gebiet deutlich besser mit Wasser versorgt. Auf größeren Flächen stand üppiger Wald, der teilweise durch Grasflächen aufgelockert wurde. Ein nahe gelegener Fluss trat regelmäßig über seine Ufer und überflutete die Landschaft. Vor allem die Fauna war artenreich: Nashörner und Hasen, Kudu-Antilopen und Krokodile, Pfauen, Papageien und noch diverse bislang unbekannte, ausgestorbene Spezies.
75 Kilometer bis zu "Lucy"
Der unbestrittene Star ist jedoch ein weiblicher Affenmensch. Ihr Anfang der neunziger Jahre entdecktes und seit dem intensiv erforschtes Skelett ist das einzige weitgehend erhaltene dieser Art, wissenschaftlich Ardipithecus ramidus genannt. Die Forscher tauften sie "Ardi". Zu Lebzeiten wog sie etwa 50 Kilo bei einer Länge von rund 1,20 Meter - eine mollige Erscheinung. Ardis bislang letzte Ruhestätte lag nur 75 Kilometer südlich von dem Ort, wo 1974 das weltberühmte Australopithecus-Weibchen "Lucy" ausgegraben wurde. Zusätzlich zu Ardis Gebein fand das Team noch 110 lose Knochen und Zähne von mindestens 36 anderen Ardipithecus.
Das Wissenschaftsmagazin "Science" hat eigens eine Sonderausgabe zu Ardi veröffentlicht. Dies ist mehr als gerechtfertigt, schließlich beantwortet der Sensationsfund einige offene Fragen aus der Anthropologie auf überraschende Weise. "Er ist ein Mosaikwesen, weder Affe noch Mensch, sondern einfach Ardipithecus", sagt Tim White. Auch wenn Ardipethecus allein nicht der "missing link" (fehlende Verbindung) in der Abstammungsreihe von Menschen und Affen sei, so komme er der Trennung dieser Linien doch näher als alle bisherigen Funde, schreiben die Forscher. Die Entdeckung verändere die Vorstellungen über unsere frühe Entwicklungsgeschichte.
Näher am modernen Menschen als gedacht
Auf der Suche nach dem letzten gemeinsamen Vorfahr von Mensch und Schimpanse hielten die Forscher bisher vor allem nach Fossilien Ausschau, die den Schimpansen gleichen. Die Autoren der neuen Studien finden nun diesbezüglich deutliche Worte: "Die Merkmale des Ardipithecus erklären diese Annahmen für null und nichtig", schreiben sie. Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die sich aus den detaillierten Untersuchungen der Fossilien ziehen ließen, sei jene, dass Schimpansen wie die Menschen eine hochspezialisierte Gruppe bildeten und der letzte gemeinsame Vorfahre - der allerdings erst noch gefunden werden muss - irgendwo dazwischen stehe, und nicht unbedingt näher beim Schimpansen.
Ardipithecus ramidus wissenschaftliche Bedeutung liegt vor allem in seiner nahen Verwandtschaft zu Australopithecus. Er könnte sein direkter Vorfahr sein. Lucy ist nur 3,2 Millionen Jahre alt und evolutionär weiter in Richtung Mensch entwickelt als Ardi. Die Australopithecus-Dame war bereits vollkommen an das Leben in der offenen Landschaft angepasst, wogegen Ardipithecus zumindest noch zum Teil auf Bäumen hauste und primitiver gebaut war - teilweise auch im Vergleich zu den heute lebenden Schimpansen und Gorillas.
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