Sensationeller Skelettfund in Äthiopien: "Ardi" revolutioniert Bild unserer Urahnen

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Unsere Vorfahren waren viel weniger affenartig als bisher vermutet. Das zeigt ein sensationeller Fund aus Äthiopien. Das 4,4 Millionen Jahre alte weibliche Skelett stammt von unserem ältesten bekannten Urahnen und erlaubt grundlegende neue Einblicke in die Evolution des Menschen.

Ardi: Der Affenmensch aus Äthiopien Fotos
AP/ Science

Die Region um den Fluss Awash in Nordäthiopien entspricht nicht wirklich den gängigen Vorstellungen von einer lieblichen Landschaft: ausgedörrtes Buschland, staubige Erde und tagsüber glühende Hitze. Dennoch übt diese verlassene Gegend auf manche Menschen eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Das Gebiet ist ein Eldorado für Wissenschaftler, sein Boden voller Fossilien. Mehr als 17 Jahre lang schufteten hier Dutzende Forscher sowie zahllose Helfer. Auf einem neun Kilometer langen Streifen nahe dem Dorf Aramis wurde jeder Quadratzentimeter systematisch abgesucht. Ein immenser Aufwand.

Die Plackerei hat sich gelohnt. Die Expertentruppen unter Leitung des Anthropologen Tim D. White von der University of California in Berkeley gruben unter anderem rund 135.000 Säugerknochen aus und dazu eine Vielzahl versteinerter Baumstämme, Samen, Fischgräten, Zähne, Schneckenhäuser und dergleichen. Jede Einzelheit dokumentierten sie genau. "Es ist eine Lawine aus neuen geologischen und paläobiologischen Daten", jubelt White.

Die untersuchten Sedimentschichten sind etwa 4,4 Millionen Jahre alt. Damals war das Gebiet deutlich besser mit Wasser versorgt. Auf größeren Flächen stand üppiger Wald, der teilweise durch Grasflächen aufgelockert wurde. Ein nahe gelegener Fluss trat regelmäßig über seine Ufer und überflutete die Landschaft. Vor allem die Fauna war artenreich: Nashörner und Hasen, Kudu-Antilopen und Krokodile, Pfauen, Papageien und noch diverse bislang unbekannte, ausgestorbene Spezies.

75 Kilometer bis zu "Lucy"

Der unbestrittene Star ist jedoch ein weiblicher Affenmensch. Ihr Anfang der neunziger Jahre entdecktes und seit dem intensiv erforschtes Skelett ist das einzige weitgehend erhaltene dieser Art, wissenschaftlich Ardipithecus ramidus genannt. Die Forscher tauften sie "Ardi". Zu Lebzeiten wog sie etwa 50 Kilo bei einer Länge von rund 1,20 Meter - eine mollige Erscheinung. Ardis bislang letzte Ruhestätte lag nur 75 Kilometer südlich von dem Ort, wo 1974 das weltberühmte Australopithecus-Weibchen "Lucy" ausgegraben wurde. Zusätzlich zu Ardis Gebein fand das Team noch 110 lose Knochen und Zähne von mindestens 36 anderen Ardipithecus.

Das Wissenschaftsmagazin "Science" hat eigens eine Sonderausgabe zu Ardi veröffentlicht. Dies ist mehr als gerechtfertigt, schließlich beantwortet der Sensationsfund einige offene Fragen aus der Anthropologie auf überraschende Weise. "Er ist ein Mosaikwesen, weder Affe noch Mensch, sondern einfach Ardipithecus", sagt Tim White. Auch wenn Ardipethecus allein nicht der "missing link" (fehlende Verbindung) in der Abstammungsreihe von Menschen und Affen sei, so komme er der Trennung dieser Linien doch näher als alle bisherigen Funde, schreiben die Forscher. Die Entdeckung verändere die Vorstellungen über unsere frühe Entwicklungsgeschichte.

Näher am modernen Menschen als gedacht

Auf der Suche nach dem letzten gemeinsamen Vorfahr von Mensch und Schimpanse hielten die Forscher bisher vor allem nach Fossilien Ausschau, die den Schimpansen gleichen. Die Autoren der neuen Studien finden nun diesbezüglich deutliche Worte: "Die Merkmale des Ardipithecus erklären diese Annahmen für null und nichtig", schreiben sie. Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die sich aus den detaillierten Untersuchungen der Fossilien ziehen ließen, sei jene, dass Schimpansen wie die Menschen eine hochspezialisierte Gruppe bildeten und der letzte gemeinsame Vorfahre - der allerdings erst noch gefunden werden muss - irgendwo dazwischen stehe, und nicht unbedingt näher beim Schimpansen.

Ardipithecus ramidus wissenschaftliche Bedeutung liegt vor allem in seiner nahen Verwandtschaft zu Australopithecus. Er könnte sein direkter Vorfahr sein. Lucy ist nur 3,2 Millionen Jahre alt und evolutionär weiter in Richtung Mensch entwickelt als Ardi. Die Australopithecus-Dame war bereits vollkommen an das Leben in der offenen Landschaft angepasst, wogegen Ardipithecus zumindest noch zum Teil auf Bäumen hauste und primitiver gebaut war - teilweise auch im Vergleich zu den heute lebenden Schimpansen und Gorillas.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 566 Beiträge
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1. Missing Link - ah da isser ja!
samiroquai 01.10.2009
Na, jetzt wirds ja noch schwerer für die religiösen Fundamentalisten aller Coleur, äh, ich meine, Kreationisten, ihre krude Interpretation des "Missing Link" aufrecht zu erhalten...
2. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Rainer Helmbrecht 01.10.2009
Zitat von sysopUnsere Vorfahren waren viel weniger affenartig als bisher vermutet. Das zeigt ein sensationeller Fund aus Äthiopien. Das 4,4 Millionen Jahre alte weibliche Skelett stammt von unserem ältesten bekannten Urahnen und erlaubt grundlegende neue Einblicke in die Evolution des Menschen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,652653,00.html
Wenn das Bild von Ardi ein sehr ähnliches Abbild der Menschen zeigt, dann möchte ich ja nicht wissen, wie Adam und Eva aussahen. Kein Wunder, dass Gott die aus dem Paradies geworfen hat;o). MfG. Rainer
3. Weibliches Skelett
suum.cuique 01.10.2009
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,652653,00.html[/QUOTE] Zitat: "Zeichnung von Ardi: Unser ältester Vorfahr war viel weniger affenartig als bisher vermutet. Ardi war etwa 1,20 Meter hoch, 50 Kilogramm schwer und hatte ein kleines Gehirn. Mit 4,4 Millionen Jahren ist das weibliche Skelett sogar über eine Million Jahre älter der berühmte Fund Lucy." Da es sich beim Fund um ein weibliches Skelett handelt, kann man nicht die Erkenntnisse 1:1 auf unsere männlichen Vorfahren umsetzen. Siehe die o.g.typischen weiblichen Merkmale.
4. Zuerst lesen, dann antworten!
mcfly71 01.10.2009
Zitat von samiroquaiNa, jetzt wirds ja noch schwerer für die religiösen Fundamentalisten aller Coleur, äh, ich meine, Kreationisten, ihre krude Interpretation des "Missing Link" aufrecht zu erhalten...
Wußt ich´s doch, dass der militante Atheist keine fünf Minuten benötigen würde, um seine leidlichen Ergüsse kundtun zu müssen. Dabei hat der Artikel diesem Umkehrschluß gerade eine Absage getan.
5. Mensch und Affen
lavilux, 01.10.2009
Zitat von samiroquaiNa, jetzt wirds ja noch schwerer für die religiösen Fundamentalisten aller Coleur, äh, ich meine, Kreationisten, ihre krude Interpretation des "Missing Link" aufrecht zu erhalten...
ich frage mich halt warum die Revolutionisten nicht ihre Vorfahren verteidigen wenn sie Die Affen im Zoo sehen .. die Evolutions"THEORIE" bleibt eine Theorie die nicht bewiesen ist aufgebaut auf vermutungen und manchmal auf manipulation und lüge , dieses Theorie hat einfach riesen Lücke die für die Revolutionisten unerklärbar sind , ein beispiel davon die übergänge der Funde oder Skelete , es gibt einfach keine Funde von irgendein lebewesen die deutlisch zeigt eine genaue übergangphase von A bis O . es wird gestanden dass die verwandlung plötzlich auftaucht und das zeigt einfach wie die Evolutionstheorie schwach ist ...was man merkt dass auch aussterbene Wesen benutzt wird um die übergänge zu erklären .. mit frendlichen Gruß
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Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.