Sensationsfund auf Borneo Forscher entdecken neue Orang-Utan-Population

Hoffnung für eine vom Aussterben bedrohte Art: Auf der indonesischen Insel Borneo stieß eine Expedition auf eine Hunderte Tiere große Population Orang-Utans, von der die Wissenschaft bislang nichts wusste. Die Affen waren vom Besuch aus der Zivilisation allerdings nicht gerade begeistert.


Jakarta - Die Wissenschaftler waren auf einer Expedition in die Wälder der Kalksteingebirge im Osten der indonesischen Insel Borneo, als sie auf die Orang-Utans trafen. Sie zückten ihre Kameras, um die außergewöhnliche Begegnung festzuhalten - und da flogen ihnen schon Knüppel und Äste um die Ohren. Ein großer männlicher Affe wollte sich partout nicht fotografieren lassen - und sein Weibchen und ein Junges beschützen.

Die Entdeckung der Forscher ist eine Sensation - denn die großen rothaarigen Affen, die in der freien Wildbahn bis zu 90 Kilogramm schwer werden, gelten auf Borneo als "stark gefährdet" und auf Sumatra sogar als "vom Aussterben bedroht". Die Gesamtpopulation der Orang-Utans wird auf etwa 50.000 bis 60.000 Tiere geschätzt; die Vorkommen sind auf die Inselwelt Indonesiens und auf das benachbarte Malaysia beschränkt.

Jetzt sind die Forscher also auf eine Population gestoßen, die niemand vorher gesichtet und gezählt hat. 219 separate Reviere fanden die Wissenschaftler, was nach Ansicht des Ökologen Erik Meijaard von der amerikanischen Naturschutzorganisation The Nature Conservancy auf eine "substantielle Zahl an Tieren" schließen lässt. "Wir wissen noch nicht genau, wie viele es insgesamt sind", schreibt Meijaard in einem Blog, "aber weil wir wissen, dass dieses Gebiet noch relativ unerschlossen ist und die Wälder weitgehend unberührt sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass hier ein paar hundert, wenn nicht sogar mehr als tausend Tiere leben."

Der Lebensraum der Orang Utans schrumpft

Dass diese Orang-Utans bis in das 21. Jahrhundert ungestört geblieben sind, haben sie allein dem Desinteresse des Menschen an dieser Region Borneos zu verdanken. Das Sangkulirang-Kalksteingebirge ist nur schwer zugänglich, die Qualität des Bodens ist eher schlecht, hier ist für die Holz- und Palmölindustrie, die Hauptverursacher der Waldrodung in Indonesien und Malaysia, kaum etwas zu holen. Der Weltbedarf an pflanzlichem Öl und Holz ist groß wie nie, der Lebensraum für den Orang-Utan schwindet mit alarmierender Geschwindigkeit.

Seine Rückzugsgebiete werden kleiner, die Verbindungen zwischen den einzelnen Populationen gekappt, und das macht sie, wie die kanadische Zoologin und Verhaltensforscherin Biruté Mary Galdikas sagt, besonders anfällig - und vergrößert die Gefahr des Aussterbens. "Dass jetzt eine Population gefunden wird, von der die Wissenschaft bislang nichts wusste, ist bedeutend - besonders angesichts der Größe dieser Population", erklärt Galdikas, die sich seit mehr als 40 Jahren mit der Erforschung des Orang-Utan befasst.

Ein Grund für die hohe Zahl an Tieren in der Sangkulirang-Region könnten nach Ansicht des Expeditionsleiters Nardiyono, der die Population entdeckte, auch die verheerenden Waldbrände der späten Neunziger sein. Die Wälder im Osten seien verschont geblieben, sagt Nardiyono, "kann sein, dass es vielen Orang-Utans gelungen ist, sich in dieses Gebiet zu retten".

Für die Leiterin der indonesischen Primatenforschung, Noviar Andayani, beweist der überraschende Fund außerdem noch etwas ganz anderes: Auch in unserer Ära der Hochtechnologie und totalen Vernetzung gibt es Inseln der Ursprünglichkeit, die noch gänzlich unerforscht sind: Die Entdeckung zeige, wie viel Arbeit noch zu tun bleibe, bevor man endgültige Aussagen darüber machen könne, wie stark eine Spezies gefährdet sei. "Es gibt einfach zu viele Areale, die wir noch gar nicht untersucht haben." Nächster Schritt sei nun ein Affen-Zensus, bei dem die Waldarbeiter und Bewohner der Waldregionen nach ihren Begegnungen mit den Orang-Utans befragt werden sollen. "Wir hoffen", sagt Andayani, "dass wir so noch ein paar mehr Lücken schließen können."

oka/AP



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