Seuchen- und Krankheitsgefahr Wie gefährlich die Toten den Überlebenden werden

Nach dem Beben von Haiti grassiert die Furcht, dass die zahllosen Toten jetzt zum größten Problem im Überlebenskampf werden. Doch Forscher relativieren die Seuchengefahr - und warnen: Die eigentliche Bedrohung geht in der Katastrophenzone von schmutzigem Wasser und unhygienischem Essen aus.

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Todesopfer nach dem Erdbeben von Haiti: "Keine Gefahr von Infektionskrankheiten"
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Todesopfer nach dem Erdbeben von Haiti: "Keine Gefahr von Infektionskrankheiten"


Berlin - Wie viele Menschen bei dem schweren Erdbeben in Haiti gestorben sind, weiß derzeit niemand. Für seriöse Schätzungen sind die Zustände in der verwüsteten Hauptstadt Port-au-Prince viel zu chaotisch. Menschen kampieren im Freien neben eingestürzten Häusern, systematische Hilfe fehlt, überall liegen Leichen. Die kommenden Tage und Wochen werden den Bewohnern des bitterarmen Landes noch einmal unermessliches Leid aufbürden: schleppend anlaufende Hilfe, die Angst vor Nachbeben und Plünderungen, die Ungewissheit über das Schicksal von Verwandten und Freunden.

Zumindest über eines müssen sich die Haitianer bei aller Trauer vergleichsweise wenig Gedanken machen: "Von den Toten des Erdbebens geht keine Gefahr von Infektionskrankheiten aus", sagt Debarati Guha Sapir vom WHO-Zentrum zur Erforschung der Epidemiologie von Katastrophen (Cred) in Brüssel.

Leichen würden verständlicherweise oft mit Krankheiten in Verbindung gebracht. Das aber sei falsch, sagt die Forscherin SPIEGEL ONLINE. Auch Klaus Stark, Infektionsmediziner am Berliner Robert-Koch-Institut (RKI), sieht von den Opfern des Bebens "keine besondere Infektionsgefahr" ausgehen: "Unter Experten ist das lange bekannt." Alles andere seien nur "Ängste und irrationale Befürchtungen".

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Vorher-nachher-Bilder: Was das Beben in Haiti angerichtet hat
In einem Artikel im "Pan American Journal of Public Health" hatte Oliver Morgan von der London School of Hygiene and Tropical Medicine schon 2004 die Forschungslage zusammengefasst: Nur wenige Krankheitserreger seien imstande, gefährliche Seuchen wie Typhus, Pest, Cholera, Tuberkulose, Milzbrand, Grippe oder Pocken herbeizuführen. Bei Opfern von Naturkatastrophen würden diese Erkrankungen nicht häufiger vorkommen als bei den Überlebenden. Schließlich seien sie meist von Trümmern erschlagen worden, ertrunken oder verbrannt - und nicht durch eine Infektion umgekommen.

Selbst wenn Tote einen Krankheitserreger in sich tragen, müsse das nicht automatisch zu Problemen führen, sagt RKI-Forscher Stark: "Wenn Menschen sterben, überleben auch Erreger nicht besonders lange, die ohnehin nur bei einem sehr kleinen Teil der Betroffenen zu erwarten sind. Je länger der Verwesungsprozess anhält, desto weniger relevante Erreger sind vorhanden."

"Schnell und mit Respekt für die Familien beseitigen"

Trotzdem - die Seuchenangst sitzt tief. Oft werden die Toten eilig in Massengräbern beigesetzt und mit Chlorkalk desinfiziert. Der Katastrophenmediziner Claude de Ville de Goyet erklärte das mit der Urangst vor dem Tod, die in Krisenzeiten irrationales Verhalten begünstige.

"Leichen sind demoralisierend, ihr Anblick ist schmerzvoll für Angehörige und andere Menschen", sagt die Epidemiologin Guha Sapir. "Deswegen sollte man sie schnell und mit Respekt für die Familien beseitigen." Der Londoner Forscher Morgan dagegen hat eindrucksvoll belegt, dass die Helfer sich durchaus etwas mehr Zeit lassen sollten. Das schnelle Beerdigen der Opfer könne das psychische Leid vieler Überlebender sogar noch verstärken - weil zu wenig Zeit für die Identifikation der Toten bleibt. So steige die Zahl der als vermisst gemeldeten Menschen mit ungewissem Schicksal. Deren Angehörige hätten Schwierigkeiten, Abschied zu nehmen.

"Massenbegräbnisse oder -verbrennungen sind nicht nur emotional kontraproduktiv", sagt Cred-Mitarbeiter Florian Vogt zu SPIEGEL ONLINE. "Sie verhindern auch, das Ausmaß der Katastrophe später zu rekonstruieren und beispielsweise Entschädigungen zu ermöglichen."

Die größte Gefahr ist das Wasser

Trotz allem müssen sich Helfer in Krisengebieten beim Umgang mit Leichen so gut wie möglich schützen, zum Beispiel mit Handschuhen und Mundschutz. Fahrzeuge und Tragen sollten desinfiziert werden, auch eine vorherige Impfung von Risikopersonen gegen Hepatitis B ist hilfreich. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (Paho) haben eigens ein Handbuch zum richtigen Umgang mit Leichen nach Naturkatastrophen aufgelegt.

Fakt ist aber: Nur sehr wenige Krankheiten wie Ebola können durch direkten Körperkontakt mit Toten übertragen werden. Das Risiko, sich mit Erregern wie Hepatitis B oder HIV anzustecken, liegt nach Ansicht von Forschern für Katastrophenhelfer in etwa so hoch wie für Pathologen oder Bestatter außerhalb von Krisengebieten. Die Verwendung von Leichensäcken kann mögliche Probleme weiter minimieren.

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Haiti: Inselstaat in der Erdbebenzone

Allerdings gibt es für Überlebende und Helfer andere Infektionsgefahren nach der Katastrophe, vor allem durch die zerstörte Infrastruktur. Trinkwasserversorgung, Abwasserentsorgung und Nahrungsmittelhygiene können in den Tagen nach dem verheerenden Ereignis zum Problem werden. "Vordringlichstes Problem werden sicher mit Wasser assoziierte Krankheiten sein. In solchen Situationen treten zum Beispiel ganz häufig Cholera und andere Durchfallerkrankungen auf, auch Typhus und Hepatitis A", sagt etwa der Tropenmediziner Christian Meyer vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg.

Überlebende mit Hautverletzungen haben bei verstärktem Kontakt mit Erde ein erhöhtes Tetanus-Risiko, und in dicht belegten Notunterkünften können die Masern grassieren. "Es werden sicher auch von Insekten übertragene Krankheiten vermehrt auftreten", sagt Christian Meyer - und verweist auf mögliche Gefahren durch Malaria und das Dengue-Fieber. Gerade Kinder könnten auch Probleme mit Atemwegserkrankungen haben.

Doch Mediziner warnen auch hier vor übertriebener Angst: "Es gibt so gut wie keine Studien, die ein erhöhtes Infektionsrisiko nach Naturkatastrophen belegen", sagt Cred-Mitarbeiter Vogt. "Man kann grundsätzlich sagen, dass bei Naturkatastrophen, insbesondere bei Erdbeben, der Großteil der Toten auf mangelnde Prävention vor dem Ereignis zustande kommt - und nicht durch schlechte Hygiene, Krankheiten oder Verletzungen danach." Entscheidend seien zum Beispiel der Einsatz von Techniken zum erdbebensicheren Bauen und die Ausarbeitung lokaler Notfallpläne für den Katastrophenfall, wie sie etwa in Bangladesch erfolgreich zum Einsatz kommen.

Mit Material von dpa



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