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Notizen eines Polarforschers: Die Perversion der Pinguine

Von Angelika Franz

Die Adélie-Pinguine schockierten Forscher George Murray Levik: Masturbation, Homosexualität, Vergewaltigung, Nekrophilie und anderer "Verbrechen" haben sie sich schuldig gemacht Zur Großansicht
NOAA

Die Adélie-Pinguine schockierten Forscher George Murray Levik: Masturbation, Homosexualität, Vergewaltigung, Nekrophilie und anderer "Verbrechen" haben sie sich schuldig gemacht

Das Sexualleben der Adélie-Pinguine beschämten den Antarktisforscher George Murray Levick derart, dass er seine Beobachtungen 1911 nicht veröffentlichte. Erst jetzt wurden seine Notizen entdeckt.

Vor über hundert Jahren verlor George Murray Levik sein Notizbuch. Vielleicht fiel es ihm aus der Tasche. Vielleicht rutschte es vom Schlitten, als er seine Siebensachen zum Schiff brachte, das ihn zurück in die Zivilisation bringen würde. Seitdem lag es dort, wo es hingefallen war: vor den Hütten des Basislagers von Antarktisforscher Robert Falcon Scott.

Jetzt haben Archäologen das Notizbuch des Fotografen Levik gefunden. Die Jahrzehnte im Eis haben den Kleber der Bindung aufgelöst, doch die Bleistiftnotizen sind noch deutlich lesbar. Penibel hatte Levik die Daten, fotografierten Objekte und Kameraeinstellungen für seine Bilder notiert, die er 1911 am Kap Adare aufnahm.

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Levicks Studien: Die Perversion der Pinguine

Von 1910 bis 1913 harrte er dort als Teilnehmer der fünfköpfigen nördlichen Expeditionsgruppe der Scottschen Mannschaft aus - und beobachtete die Adélie-Pinguine, die dort in der größten Kolonie der Welt leben. Levik hatte viel Zeit. Er sah den Pinguinen bei allem zu, was sie taten: jagen, fressen, brüten, balzen - und beim Sex.

Nach seiner Rückkehr nach England veröffentlichete er im Jahr 1915 seine detailgenauen Beobachtungen in dem bahnbrechenden Buch "Antarctic Penguins" - bis heute die ausführlichste Studie der Adélie-Pinguine.

Doch er berichtete nicht alles, was er gesehen hatte. Viele der Details aus dem Leben der Pinguine waren zu schockierend für die zarten Gemüter des frühen 20. Jahrhunderts. Männliche Adélie-Pinguine befriedigen sich selbst. Sie praktizieren miteinander sexuelle Handlungen, die nicht zur Fortpflanzung dienen. Sie vergewaltigen Jungvögel. Sie kopulieren mit anderen Männchen. Und sie haben sogar Sex mit toten Weibchen. Es sollte fast hundert Jahre dauern, bis Leviks erschütternde Beschreibungen des Liebeslebens der Adélie-Pinguine veröffentlicht wurden. Sie erschienen erst vor etwas über zwei Jahren als Aufsatz in der Zeitschrift "Polar Record".

Aus diesen Tagen mit den Pinguinen stammt das im Eis gefundene Notizbuch. Auf dem Umschlag steht der Titel des Buches: "Wellcome Photographic Exposure Record and Dairy 1910". Um herauszufinden, dass es Levik gehörte, bedurfte es keiner großen Detektivarbeit - er hat seinen Namen sorgfältig auf der ersten Innenseite notiert. Tatsächlich konnten die Forscher des Antarctic Heritage Trust sogar schon einige der Daten aus dem Buch mit Bildern Leviks abgleichen, die heute im Besitz des Scott Polar Research Institute in Cambridge sind.

Nachdem die Seiten getrocknet, konserviert und wieder zusammengenäht wurden, brachte eine Expedition des Antarctic Heritage Trust das Buch zurück in die Antarktis. Es liegt dort nun zusammen mit 11.000 weiteren Artefakte wieder im Basislager Scotts - im Originalzustand von 1911. "Es ist ein aufregender Fund gewesen", freut sich Nigel Watson, Direktor des Antarctic Heritage Trust, in einer Pressemitteilung. Davon liegen noch viele im Eis - erst im vergangenen Jahr entdeckten die Antarktisarchäologen in Scotts Lager Fotonegative von 1911, die sowohl die Umgebung als auch Expeditionsmitglieder zeigen.

Die Stiftung kümmerst sich allerdings nicht nur um die Erhaltung der Hinterlassenschaften von Scotts Expedition, sondern überwacht und konserviert auch das Basislager von Polarforscher Ernest Shackleton. Dort fanden die Forscher 2010 unter den Hütten sogar ein Versteck mit drei Kisten Whisky und zwei Kisten Brandy.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Fleetenkieker 27.10.2014
Wie peinlich, wenn schon ein früher Beobachter feststellen musste, dass die Natur sich nicht an unsere angeblich gottgegebenen menschlichen Moralvorstellungen hält. Dem Schöpfer sei's geklagt!
2. pinguin - Maschine
cabriofahrer100 27.10.2014
Pinguine sind aber keine Menschen. sie müssen daher auch nicht zwangsläufig demselben moralkonstrukt unterliegen. spannend wäre doch die Frage, ob und an welchen Stellen an Menschen höhere moralische Anforderungen zu stellen wären...
3.
xxbigj 27.10.2014
Oh je das sind Tiere! Gut vor 100 Jahren konnte man sich vielleicht noch darüber aufregen! Heute sollte das keinen mehr schocken, das Tiere nicht wie wir Menschen sind!
4.
spon-facebook-1597456918 27.10.2014
Moral ist weder gottgegeben noch etwas, dass aus dem Menschen selbst entspringt. Menschen sind soziale Wesen, daher ist Moral etwas, dass zwischen Menschen passiert, nämlich: "Tu das, was die anderen tun." So erklären sich auch so eklatant klaffende Moralvorstellung unterschiedlicher Gruppen oder Gesellschaften wie zum Beispiel die Beurteilung unterschiedlicher Strafen (Arrest, Todesspritze, Steinigung). Oder etwa, warum viele Nazi warmherzige Väter waren, aber grausam zu anderen.
5.
hansulrich47 27.10.2014
@3 Sie sind sehr mutig! Was sind Menschen? Desmond Morris hatte eine Antwort: Nackte Affen. Und wie Affen verhalten sie sich fast immer. Mich schockt eher Ihre Aussage, Menschen seien anders als Tiere. Der Unterschied in den Genen zum Schimpansen liegt bei unter 3%. Darüber lohnt es sich nachzudenken!
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