Biologie Warum gibt es eigentlich Männer?

Keine Sorge, die Frage zur Existenzberechtigung des starken Geschlechts stellt sich nur aus evolutionsbiologischer Sicht. Aber da ist sie durchaus sinnvoll. Ein Langzeitexperiment stützt jetzt eine prominente These.

Männer: Ja, doch, sie werden gebraucht
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Männer: Ja, doch, sie werden gebraucht

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich", hat Herbert Grönemeyer gesungen, mit voller Überzeugung. Biologen haben da einen etwas anderen Angang. Angesichts der Tatsache, dass sehr erfolgreiche einzellige Lebewesen wie Bakterien ohne geschlechtliche Fortpflanzung auskommen, stellt sich durchaus die Frage: Warum leisten sich fast alle mehrzelligen Arten die sexuelle Vermehrung?

Die bringe schließlich einige Nachteile mit sich, erklärt Matt Gage von der University of East Anglia im englischen Norwich. "Der offensichtlichste ist, dass nur die Hälfe der Nachkommen, die Töchter, tatsächlich Nachkommen hervorbringen können. Warum sollte also eine Art all die Energie für Söhne verschwenden?"

Der große Vorteil ist die sexuelle Selektion. Heißt: Nicht alle Vertreter einer Art werden Eltern, sondern nur die, die das andere Geschlecht hinreichend beeindrucken - wobei Biologen für die meisten Arten davon ausgehen, dass die Männchen miteinander konkurrieren und die Weibchen dann einen Partner wählen. Das führt dazu, so die Theorie, dass sich potenziell schädliche Mutationen im Erbgut nur im begrenzten Maß ansammeln können.

Denn, dass sich kleine Fehler ins Erbgut einschleichen, ist ganz natürlich, wenn sie erst einmal nicht schaden. In der Summe aber können diese vielen kleinen Fehler zur Belastung für einen gesamten Bestand werden, insbesondere dann, wenn sich die Lebensbedingungen verschlechtern und schnelle Anpassung gefragt ist. Oder wenn ein Bestand schon geschrumpft ist, so dass es häufiger zu Inzucht kommt.

Dadurch, dass die sexuelle Selektion die Menge dieser Mutationen klein hält, bleibt die gesamte Population aus biologischer Sicht dennoch fit. Biologische Fitness steht nicht für ein schnelleres Lauftempo oder größeres Können beim Dribbeln, sondern dafür, wie gut Lebewesen an ihre Umgebung angepasst sind und wie erfolgreich sie sich fortpflanzen.

Tribolium castaneum: Der Rotbraune Reismehlkäfer ist ein Modelltier in der Genetik
Corbis

Tribolium castaneum: Der Rotbraune Reismehlkäfer ist ein Modelltier in der Genetik

Zehnjährige Käferzucht

Gage und Kollegen haben in einem Langzeitexperiment den Effekt der sexuellen Selektion untersucht, wie sie im Wissenschaftsmagazin "Nature" berichten. Dazu bedienten sie sich eines Käfers, der als Modelltier in der Genetik bekannt ist: Tribolium castaneum, der Rotbraune Reismehlkäfer.

Ihr Experiment startete im Jahr 2005 mit mehreren Käfergruppen, deren Leben sich nur in einem Punkt unterschied: dem Ausmaß, in dem sexuelle Selektion möglich war.

Sie konnte in zwei Zweigen des Experiments einen starken Einfluss ausüben, weil über rund 50 Generationen immer 90 Männchen auf 10 Weibchen trafen oder aber fünf Männchen auf ein Weibchen.

Einen geringeren Einfluss hatte die sexuelle Selektion dagegen in den anderen zwei Gruppen, wo ebenfalls über rund 50 Generationen immer 10 Männchen auf 90 Weibchen kamen oder die Käfer als Einzelpaare zusammengesetzt wurden.

Wie lange überstanden die Nachkommen das Folgeexperiment?

Mit den Nachkommen dieser Versuche begann dann das eigentliche, noch einmal drei Jahre dauernde Experiment, das die biologische Fitness der Tiere auf die Probe stellte. Fortan paarten die Forscher immer nur Geschwister miteinander. Durch Inzucht treten potenziell schädliche Mutationen von Generation zu Generation stärker zutage.

Während sich die von Vater und Mutter vererbten Gene meist unterscheiden und so Fehler in einem der beiden kompensiert werden können, vererben bei Inzucht beide Elternteile viele identische Gene. Schädliche Mutationen machen sich deshalb sofort bemerkbar.

Und tatsächlich: Die Käfer, deren Vorfahren starker sexueller Selektion ausgesetzt waren, hielten länger durch. Knapp neun Generationen vergingen im Schnitt, ehe sich die Geschwisterpärchen nicht mehr fortpflanzen konnten und die Linie ausstarb. Einige der Käfer pflanzten sich sogar nach 20 Generationen Inzucht noch munter fort.

Bei den Käfern, deren Vorfahren kaum oder gar keine sexuelle Selektion erfahren hatten, vergingen dagegen nur gut sechs Generation bis zum Aussterben. Es zeigte sich also: "Sexuelle Selektion ist ein wichtiger und effektiver Filter, der die genetische Gesundheit eines Bestandes erhält", sagt Gage.

Zusammenfassung: Herbert Grönemeyer hat recht - Männer sind einfach unersetzlich. Auch aus evolutionsbiologischer Sicht. Die sexuelle Selektion ist ein wichtiger Filtermechanismus, der verhindert, dass sich allzu viele potenziell schädliche Mutationen im Erbgut ansammeln - diese etablierte Theorie wird nun auch durch ein Langzeitexperiment mit Käfern belegt.

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 143 Beiträge
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Seite 1
nic 19.05.2015
1.
Man kann genauso gut Fragen warum es Frauen gibt oder besser: warum gibt es zwei Geschlechter?
muunoy 19.05.2015
2. genetische Reparaturmechanismen
Als Biochemikerin hätte Frau Weber durchaus auch noch was über die inzwischen schon sehr zahlreichen Erkenntnisse über genetische Reparatumechanismen beim Zusammenschmelzen zweier Genome zu einem neuen schreiben können. Dass Sex für die Evolution unabdingbar ist, müsste eigentlich schon seit Jahrzehnten bekannt sein.
weem 19.05.2015
3. Noch ein Test
Man sollte den Rotbraunen Reismehlkäfer noch mit seinen Kumpels in Bierzelte setzen, mit Blasmusik beschallen und mit Alkohol volltränken, das ist nämlich genau der Grund, warum ich mir - obwohl selbst Mann - auch die Frage stelle: Warum gibt es eigentlich Männer?
Emmi 19.05.2015
4. Streng genommen bräuchte man Männer trotzdem nicht mehr...
Streng genommen bräuchte man Männer trotzdem nicht mehr... Es würde genügen, die Erbinformationen zweier Frauen in einer Eizelle zu kombinieren, um einen ähnlichen Effekt zu erzielen... Heutzutage (oder bald) technisch sicher machbar...
manque_pierda 19.05.2015
5. dafür
hat der Mensch aber die Reproduktionsmedizin erfunden, so dass die Selektion der Fortpflanzungspartner nicht mehr voll zum Zuge kommt...
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