Mysteriöse Umweltkatastrophe: Tote Krebse überschwemmen Chiles Küste

Aus Santiago berichtet Haluka Maier-Borst

REUTERS

Unmengen toter Krebse wurden an der Küste des chilenischen Ortes Coronel angespült - schon zweimal binnen weniger Tage. Die Kriminalpolizei ermittelt, Meeresbiologen suchen nach den Ursachen. Zwei nahe Heizkraftwerke könnten mit dem Vorfall in Zusammenhang stehen.

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage ist der Strand der chilenischen Küstenstadt Coronel von toten Krebsen überschwemmt worden. Die Fischer des Ortes, der 460 Kilometer südwestlich von Santiago liegt, sehen ihre Lebensgrundlage in Gefahr.

Der Vorfall ist nicht der erste seiner Art, denn bereits am Mittwoch vergangener Woche hatte sich das gleiche Schauspiel am Strand ereignet. Seitdem forscht die chilenische Kriminalpolizei PDI nach den Ursachen. Wasserproben werden analysiert, die Krebse untersucht.

"Etwa die Hälfte des 1,5 Kilometer langen Küstenstreifens der Kommune ist von roten Krebsen und Algen bedeckt. Die Menge ist ungefähr die gleiche wie bei der ersten roten Flut", sagt Cristian Acosta. Die erste Schwemme toter Krebse war zuvor gerade weggeräumt worden, so der Mitarbeiter der Stadt.

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Mysteriöser Krebs-Tod: Unmengen Tiere landen an Chiles Küste
Örtliche Fischer und Umweltaktivisten der Gruppe Oceana machen die drei nahe gelegenen Heizkraftwerke Bocamina I und II des spanischen Energieriesen Endesa und das Kraftwerk Santa Maria des chilenischen Stromversorgers Colbún für die toten Krebse verantwortlich. Sie glauben, dass das Abwasser der Kraftwerke der Grund ist.

"Wir bereiten derzeit eine Anklage gegen Endesa vor, warten aber noch auf die Ergebnisse der PDI-Untersuchungen", erklärte Juan Gutiérrez, Leiter der lokalen Fischergewerkschaft.

Bereits seit längerem sind die beiden Bocamina-Kraftwerke Gegenstand heftiger Debatten in Chile. Anwohner protestieren gegen die Luft- und Wasserverschmutzung. Im Juni 2012 gruben sich mehr als 20 Aktivisten in Ascheberge und führten einen unorthodoxen Sitzstreik gegen Endesa.

Klimaphänomene sollen Ursache sein

Regierungsnahe Energieexperten erklären hingegen, die Kraftwerke seien notwendig für den wachsenden Energiehunger des Andenstaates. Durch schrumpfende Gletscher sei zudem die Stromproduktion durch die Wasserkraft rückläufig.

Die Konzerne Endesa und Colbún weisen derzeit jeglichen Zusammenhang zwischen den Kraftwerken und den toten Krebsen von sich. Sie machen Klimaphänomene verantwortlich. In einem Bericht der BBC wird auf El Niño als mögliche Ursache verwiesen. Dieses Klimaphänomen tritt alle paar Jahre im Pazifik auf: Warmes Wasser treibt nach Osten, es stoppt den Aufstieg nährstoffreichen Wassers vor der Küste von Südamerika. Die Folge ist mitunter ein drastisches Fischsterben.

Claudia Villarroel, Meteorologin des chilenischen Wetterdiensts, bezweifelt allerdings, dass das Klimaphänomen für das Massensterben verantwortlich sein könnte. "Derzeit haben wir eine neutrale Phase im El-Niño-Zyklus."

Eine andere Erklärung seitens des chilenischen Energieversorgers Colbún sorgt ebenfalls für mehr Fragen als Antworten. Sprecher Pablo Gazzolo Gómez erklärte gegenüber der "Santiago Times", dass die plausibelste These sei, dass sauerstoff- und nährstoffreiches Wasser durch sauerstoff- und nährstoffarmes Wasser aus tieferen Schichten verdrängt worden sei.

Dies wäre aber verwunderlich, da normalerweise im Ostpazifik das Wasser aus tieferen Schichten sauerstoff- und nährstoffreicher ist.

Ökosystem Meer gerät schnell aus dem Gleichgewicht

Wie wenig es braucht, um ein Ökosystem aus der Balance zu bringen, weiß indes Judy McDowell, Meeresbiologin von der Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI) in Massachusetts. Sie betont, dass noch nicht einmal chemische Verschmutzung vorhanden sein muss, um ernste Effekte zu verursachen.

"Zwei bis drei Grad Celsius wärmeres Wasser können schon ausreichen, damit Meerestiere in großer Zahl sterben", erklärt McDowell: "Das ist der Grund wieso beispielweise in den USA Heizkraftwerke an gut durchspülten Orten stehen müssen, so dass sie höchstens die Temperatur des Meeres um ein halbes Grad verändern."

Danilo Quiroga, Sprecher der PDI, erklärte, dass man derzeit in alle Richtungen forsche, jedoch bisher nur das Fotografieren und Vermessen abgeschlossen habe. Weitergehende Analysen seien hingegen noch durchzuführen. Erste konkrete Ergebnisse seien erst in einem Monat zu erwarten.

Mit Mitarbeit von Weiru Fang und Amy Duggan

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