Sibirien: Auftauender Permafrost löst Knochenboom aus

Die sibirische Tundra taut - und gibt prähistorische Schätze frei. Ein Knochen-Rausch hat die Region erfasst, ein schwunghafter Handel mit Mammutknochen und Löwenschädeln ist im Gange. Gleichzeitig droht durch das Auftauen des Bodens die globale Klimakatastrophe zu eskalieren.

Sergeij Simow kennt sich aus mit dem Klimawandel in der arktischen Tundra Sibiriens. In den vergangenen Jahren begann er dort Dinge zu finden, die es früher nicht gab - zum Beispiel Tierdung, der aussieht wie Kuhfladen. Simow weiß: Was er da in der Hand hat, stammt nicht von einem Rind - sondern von einem Mammut. Und der Kot, fürchtet der Forscher, ist nicht nur ein Symbol für die Folgen des Klimawandels, sondern auch einer seiner Antreiber.

Seit Jahrtausenden haben sich in der arktischen Tundra Schichten von Tierdung und anderen organischen Substanzen angesammelt - das Vermächtnis der Tiere, die diese Ebenen einst durchwanderten. Die Hinterlassenschaften waren im Permafrostboden versiegelt. Nun taut der Boden auf - und mit ihm all das Material, das Simow zufolge für eine Beschleunigung des Klimawandels sorgen wird.

Mikroben produzieren wieder Treibhausgase

"Das wird zu einer Form von globaler Erwärmung führen, die man unmöglich stoppen kann", sagt der Forscher der Nachrichtenagentur Reuters. Simows These: Die Mikroben, die im Dung geschlafen haben, werden wieder wach, wenn der Boden taut - und produzieren mit ihrem Stoffwechsel erneut die Treibhausgase Kohlendioxid und Methan.

Die Fläche in Jakutien, die Simow im Moment untersucht, ist so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen. Anderswo in Sibirien gibt es ähnliche Permafrost-Gebiete, die noch größer sind. "Die Ablagerungen organischen Materials sind so gigantisch, dass die globalen Ölreserven daneben winzig wirken", sagt Simow. 500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff lagern hier, schätzt er, und die könnten sich "schnell in Treibhausgase verwandeln".

Wenn man nichts gegen diesen Prozess unternehme, würden Emissionen entstehen, "gegen die sich das Kyoto-Protokoll ausnimmt wie Kinderkram". Julian Murton von der International Permafrost Association bestätigt laut Reuters: "Die Methan- und Kohlendioxidniveaus werden sich durch das Auftauen des Permafrostbodens erhöhen."

Warnungen vor fatalem Rückkopplungs-Effekt

Die Vereinten Nationen warnten in einem Bericht im Juni, bislang gebe es zwar noch keine Hinweise auf großflächiges Auftauen des Bodens in derartigen Gebieten, es handele sich aber um eine potentielle Bedrohung: "Permafrost speichert viel Kohlenstoff, Schätzungen zufolge enthalten die oberen Schichten mehr organischen Kohlenstoff als die gesamte Atmosphäre." Und weiter: "Das Auftauen des Permafrosts führt dazu, dass dieser Kohlenstoff in Form von Treibhausgasen freigesetzt wird, was einen positiven Rückkopplungseffekt auf die globale Erwärmung mit sich bringen wird."

In Sibirien kann man das Problem mit eigenen Augen beobachten. Flussufer weichen auf und rutschen ab. Mancherorts sind Stellen, an denen es früher nichts als Tundra gab, mit Seen bedeckt. Thermokarst nennen Fachleute solche Landschaften. Aus den Seen blubbert Methan, das als Treibhausgas 20-mal wirksamer ist als Kohlendioxid. Auf dem aufweichenden Boden drohen in einigen Ortschaften bereits Gebäude einzustürzen, beispielsweise im sibirischen Ort Tscherski.

Ein Goldrausch, befeuert von Mammutknochen

Andere Bewohner Tscherskis profitieren vom Klimawandel: Weil der Boden weich wird, gibt er seine Schätze frei - und zwar durchaus auch Wertvolleres als Mammut-Dung. Der Jäger Alexander Watagin etwa verdient sich ein mächtiges Zubrot, indem er Knochen von Mammuts, Wollnashörnern und Löwen zutage fördert. Für gute Exemplare zahlen Sammler und Forschungseinrichtungen gewaltige Summen. Mancher spricht von einem paläontologischen Goldrausch. "Letztes Jahr bekam jemand 800.000 Rubel für einen Mammutkopf mit zwei Stoßzähnen in hervorragendem Zustand", berichtete Watagin - umgerechnet immerhin 23.000 Euro.

Watagin hat sich mit einer lokalen ethnischen Gruppe verbündet, den Yukagir. Regelmäßig fliegt er mit einem Helikopter zu einer Siedlung der winzigen Volksgruppe, um den Stammesmitgliedern ihre Funde abzukaufen. Mancherorts ragen alle paar Meter Knochen aus dem Boden, einige liegen einfach herum. Für ein Kilo Mammutknochen bezahlt Watagin zwischen 200 und 4000 Rubel. Aber um wirklich wertvolle Funde zu machen, muss man sich in der Gegend auskennen. Ein Einheimischer mit einem glücklichen Händchen könne bis zu 7000 Euro an einem Tag verdienen, sagte Watagin.

Nationale Verwertungsgesellschaft für Prähistorisches?

Am anderen Ende der Verwertungskette für prähistorisches Gebein steht das Moskauer Eiszeitmuseum. Alexander Swalow, der dort arbeitet, besitzt einen Ring, der dem gleicht, den auch Knochenjäger Watagin am Finger trägt. Das Schmuckstück ist das Symbol der sogenannten Nationalen Allianz, einer Art paläontologischer Handelsgesellschaft. Das Unternehmen betreibt das Museum, hält aber auch Regierungslizenzen für Grabungen und den Export prähistorischer Relikte. Swalow ist der Chef der Nationalen Allianz, hinter der ein russischer Unternehmer steht.

Ein gut erhaltener Mammut-Stoßzahn könne durchaus für bis zu 15.000 Euro an private Sammler gehen, sagte Swalow. Ein rekonstruiertes Mammut-Skelett könne gar zwischen 100.000 und 180.000 Euro einbringen. Swalow hat schon Knochen in die USA und nach Südkorea verkauft. Auch in boomenden Nationen wie China eröffneten sich vielversprechende neue Märkte, sagt der Knochenhändler. Gerade in Entwicklungsländern gebe es "ein riesiges Interesse an Mammuts".

Ein anderer Knochensammler, der Forscher Sergeij Dawidow, der auch in Tscherski arbeitet, behält seine Funde lieber. Mammut-Oberschenkel finden sich in seiner Sammlung ebenso wie der Kiefer eines prähistorischen Pferdes, der Schädel eines Höhlenlöwen und Bisonschädel mit geschwungenen Hörnern. Der Klimawandel habe der Region einen Knochen-Boom beschert, sagt Dawidow. "Je mehr der Permafrost taut, desto mehr Forschungsobjekte bekommen wir." Die potentielle Gefahr durch den schlafenden Kohlenstoff im Boden jedoch macht ihm Sorgen: "Aus dem Blickwinkel der gesamten Menschheit wäre es besser, wen das hier nie geschehen wäre."

cis/Reuters

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