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Sicherheitskonferenz: Studie warnt vor Wasserkrise in China und Indien

Von , München

Die Zerstörung der Umwelt und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen bereiten Politikern und Militärs zunehmend Sorge. Eine Studie, die bei der Münchner Sicherheitskonferenz präsentiert wurde, warnt jetzt vor potentiellen Konflikten durch Wasserengpässe in China und Indien.

Frau in Allahabad, Indien: Grenze zum "extremen Wasserstress" in Sicht Zur Großansicht
AP/dpa

Frau in Allahabad, Indien: Grenze zum "extremen Wasserstress" in Sicht

Wer sich davon überzeugen will, dass Umweltschutz längst nicht mehr nur Ökopaxe in Norwegerpullis interessiert, sollte die Münchner Sicherheitskonferenz besuchen. Im Norwegerpulli käme man hier vermutlich nicht einmal durch die erste Polizei-Absperrung, geschweige denn in das mit Staatssekretären, Ministern, Generälen und Top-Managern gefüllte Hotel Bayerischer Hof. Doch den Anzug- und Uniformträgern bereitet der Umgang der Menschheit mit Natur und Ressourcen inzwischen ähnlich große Sorgen wie Freunden des Grobstricks.

Wie berechtigt die Sorgen sind, wurde schon vor der offiziellen Eröffnung der Konferenz klar. Bei einer Diskussion mit dem markigen Titel "Begrenzte Ressourcen - unbegrenzte Sicherheitsrisiken" saßen Ex-Nato-Generalsekretär Javier Solana und Chinas amtierende Vize-Außenministerin Fu Ying nebeneinander und schauten zeitweise ziemlich besorgt drein.

Ein Grund: Bei der Diskussion wurde der neue Earth Security Index vorgestellt. Der Report versucht, die Situation diverser Länder in Sachen Ressourcen, Finanzen und Gesellschaft auf einen Nenner zu bringen - und zeigt brisante Entwicklungen auf. Eine davon lautet, dass China und Indien, die zusammen mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung stellen, schon bald ein massives Wasserproblem bekommen könnten.

Verdrecktes Grundwasser

In China sei mehr als die Hälfte des Grundwassers mit Rückständen aus Industrie und Viehhaltung verdreckt. Durch die Belastung mit Schwermetallen würden nach Schätzungen des zuständigen chinesischen Ministeriums jährlich rund zehn Millionen Tonnen Getreide vernichtet und zwölf Millionen kontaminiert. "Zudem plant China einen 75-prozentigen Anstieg der Stromgewinnung durch Kohle", sagt Alejandro Litovsky, Chef der Earth Security Initiative. "Und die meisten neuen Kraftwerke sollen in Gebieten mit ohnehin belasteter Wasserversorgung entstehen."

Noch bedrohlicher wirkt die Situation in Indien. "Extreme Wasserknappheit" könne die Energie- und Nahrungsversorgung gefährden, heißt es in dem Bericht. Er zitiert Berechnungen des Uno-Umweltprogramms Unep, laut denen Indien bereits im Jahr 2025 die Grenze zum "extremen Wasserstress" überschreiten könnte. Schon jetzt müssten einige Städte mit Tankfahrzeugen aus dem Umland versorgt werden. Im Schnitt entnehme Indien 37 Prozent mehr Grundwasser, als auf natürlichem Wege nachkomme. Exzessive Bewässerung und Düngung hätten zudem Millionen Hektar Land unbrauchbar gemacht.

Auch der Nahe Osten und Nordafrika könnten in absehbarer Zeit auf erhebliche Probleme zusteuern: Länder wie Saudi-Arabien, Libyen, Israel oder Jordanien decken große Teile ihres Wasserbedarf aus fossilen Grundwasserspeichern, die sich vor Jahrtausenden gefüllt haben, als das Klima der Region noch feuchter war. Dieses Wasser ist nicht nur teils mit natürlicher Radioaktivität belastet, sondern könnte stellenweise schon in einigen Jahrzehnten zur Neige gehen.

"Das Bewusstsein für drohende Konflikte um Wasser ist noch wenig ausgeprägt, anders als bei anderen Ressourcen", sagt der frühere CDU-Außenpolitiker und Unionsfraktionschef Friedbert Pflüger, der inzwischen ein Institut für Energie und Ressourcensicherheit am Londoner King's College leitet. "Der Wasserbedarf in China, Indien und Südostasien steigt dramatisch, was in den kommenden Jahren und Jahrzehnten enorme Sicherheitsprobleme mit sich bringen könnte."

Zwei Milliarden Menschen werden zur Mittelklasse gehören

In den kommenden Jahrzehnten könnte sich die Situation durch das Bevölkerungswachstum und den wirtschaftlichen Aufstieg der Schwellenländer noch verschärfen. "Heute gibt es sieben Milliarden Menschen, 2050 werden es neun Milliarden sein", sagt Solana bei der Podiumsdiskussion. "Zwei Milliarden von ihnen werden der Mittelklasse angehören." Was bedeutet: Sie werden Fleisch essen, mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen, Auto fahren und eine Menge Strom verbrauchen.

Dass eine Steigerung des Lebensstandards in den Schwellenländern prinzipiell wünschenswert ist, bestreitet in München niemand - kein Vertreter der Industriestaaten und erst recht niemand aus den Schwellenländern. "100 Millionen Chinesen leben unterhalb der Armutsgrenze von 230 Dollar pro Jahr", erklärt Vizeaußenministerin Fu Ying. "Der chinesische Traum ist ein anständiges Leben für jeden normalen Menschen."

Die Preisfrage lautet: Werden die Schwellenländer ihr Ziel erreichen, ohne die Umweltsünden der Industriestaaten zu wiederholen und den Planeten zugrunde zu richten? Dazu müsste in Zukunft der Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch sinken. Der ist allerdings schon heute zu hoch: Die Menschheit verbraucht derzeit etwa eineinhalb Mal so viel, wie die Erde langfristig bereitstellen kann. Sollte der Pro-Kopf-Verbrauch auf heutigem Niveau verharren oder gar steigen, wird die Menschheit im Jahr 2050 womöglich drei Erden benötigen.

In der Folge könnte es in vielen Ländern ungemütlich werden - und dank der Globalisierung bleiben Konflikte auch nicht immer lokal begrenzt. "2010 gab es eine Dürre und Missernten in Russland", sagt "Earth Security Initiative"-Chef Litovsky. Die Folge war ein starker Anstieg der Getreidepreise auf dem Weltmarkt und ein Stopp der russischen Exporte. In Ägypten wurden Lebensmittelpreise dadurch drastisch teurer. "Das", meint Litovsky, "war ein wichtiger Faktor für den Arabischen Frühling."

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1. China und Indien reagieren schon ...
normalo3006 02.02.2014
... also erstmal massiv aufrüsten: neue Flugzeugträger, Raketen, Kampfjets und Drohnen brauchen diese Schwellenländer jetzt. Dann können sich die 200 Millionen 20USD-pro Monat-Bürger zwar immer noch nicht mit Trinkwasser und dem allernötigsten versorgen aber im TV die Militärparaden ihrer Nomenklatura bewundern. Traurig wo in diesen Schwellenländern die Prioritäten liegen ...
2. optional
ralf_si 02.02.2014
Ich stelle mir nur eine Frage: Für welche westlichen Firmen wird dieses Desaster eine Goldgrube? Welche Aktien sollte ich mir zulegen?
3. Damals haben wir über soetwas gelacht....
nanny88 02.02.2014
Als ich Vor etwa 8 Jahren in der Grundschule war haben meine Klasse und ich mit der Lehrerin einen Kurzfilm für Kinder über Wasser geschaut. Also das man damit sparsamer umgehen soll und so. Wir haben alle selbst die Lehrerin darüber gelacht. Aber jetzt ist das schon etwas Besorgniserregent oder? Auch das die Weltbevölkerung so sehr steigt....
4. zu spät
tinosaurus 02.02.2014
Diese und andere Katastrophen waren schon viel früher erkennbar und vorausgesagt. Aber es wird einfach weiter gemacht, frei nach dem Motto: nach uns die Sintflut.So wird es aber auch sicherlich Kriege und Auseinandersetzungen geben.Kampf um die letzten Ressourcen.
5. Grundwasser verseuchen?
susa_pilar 02.02.2014
...deshalb verbuddeln wir Atommüll, in der Hoffnung, dass wir dann auch bei diesem "Wasser-Krieg" mitmachen dürfen!!! ...deshalb finde ich es nicht gut, wenn Umweltminister & Bundeskanzler/in kinderlos sind, diesen Menschen ist ihre Wiederwahl in 4 Jahren wichtiger als der Planet in 50 oder 100 Jahren. Tja und wenn die "Spenden" aus der Wirtschaft nur unter bestimmten Bedingungen fließen, wen interessiert dann noch eine spätere Generation, die Zukunft des Landes oder die Umwelt?
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