Saurier gegen Säugetiere Der lange Anlauf zur Weltkatastrophe

Ein kosmischer Einschlag besiegelte das Schicksal der Dinosaurier und schaffte Platz für Säugetiere - richtig? Nein, behaupten nun zwei Evolutionsforscher: Der Wachwechsel war längst im Gange.

Weltkatastrophe (künstlerische Darstellung): Nur der "last blow"?
DPA/ NASA

Weltkatastrophe (künstlerische Darstellung): Nur der "last blow"?

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Es ist ein Bild, das so fest in unseren Köpfen verankert ist, dass man es sich plastisch vorstellen kann: Als sich der Rauch endlich verzieht, reckt sich eine kleine, rosa Schnüffelnase mit zitternden Barthaaren kundschaftend aus einem Erdloch. Von Disney verfilmt, zöge sodann eine kleine Tierfamilie von hamsterhafter Niedlichkeit vorsichtig hinaus in die Welt, vorbei an einem noch dampfenden Fleischberg, der eben noch ein furchterregender T-Rex war.

Das Ende der Herrschaft der Dinosaurier und der bescheidene Beginn der Säuger-Vorherrschaft sind so etwas wie ein moderner Schöpfungsmythos. Große Veränderungen oder Erkenntnisse verbinden wir eben gern mit Geschichten. Ereignisse sind für uns besser vorstellbar als Prozesse.

Und so glauben wir, dass die Säugetiere die Dinosaurier als vorherrschende Tiergruppe quasi auf einen Schlag verdrängten: Eine kosmische Katastrophe fegte die Saurier hinweg, und die Säuger verbreiteten sich daraufhin auf einer vom Leben verwaisten, verwüsteten Erde.

Dinos am Ende

Eigentlich wissen wir seit Langem, dass dieses Bild nicht ganz stimmt. Zwar erreichten Dinosaurier in der späten Kreidezeit eine Blüte, die sich vor allem in einer Art finalem Gigantismus zeigte (die größten Räuber, die größten Sauropoden und so weiter). Zugleich aber waren viele ihrer Entwicklungslinien evolutionär ausgepowert, wie man salopp sagen könnte: Ihre Artenzahl nahm schon lange vor der Katastrophe deutlich ab, und neue Arten traten immer seltener und weniger zahlreich auf.

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Dazu kommt, dass fossile Funde zwar ein vergleichsweise abruptes Ende der Saurier beweisen. Ob das aber zwanzig Stunden, zwei Wochen, 200 oder 200.000 Jahre dauerte, weiß kein Mensch. "Plötzlich" ist im geologischen Zeitmaßstab ein ziemlich dehnbarer Begriff.

Bis zu einer Tonne schwer

Definitiv nicht plötzlich, zeigt nun eine aktuelle, in den "Proceedings of the Royal Society" veröffentlichte Studie, begann dagegen der Aufstieg der Säugetiere.

Wir wissen, dass die als Tiergruppe etwa zeitgleich mit den Dinosauriern entstanden. Ihre (also auch unsere) Vorfahren, die Therapsiden, waren in der Zeit vor den Dinosauriern über Dutzende Millionen Jahre sogar die vorherrschenden Tiere. Ihre größten Vertreter erreichten Nilpferdgröße und mehr als eine Tonne Gewicht.

Doch deren Dominanz wurde durch die Katastrophe am Ende des Perms beendet: In der Trias wurden sie von anderen Tiergruppen überholt, und im Jura und der Kreidezeit, haben wir gelernt, fristeten Säugetiere, zu denen sich die Therapsiden im Laufe von Jahrmillionen entwickelt hatten, ein huschendes Leben im Schatten der Saurier.

Die Karriere der Säuger begann lang vor der Katastrophe

Die besetzten so gut wie jede ökologische Nische mit Macht, und Säuger spielten nur eine Nebenrolle - als Insektenjäger und Nesträuber, als kleine Frucht- oder Aasfresser. Ihre Artenvielfalt war dabei stark eingeschränkt, denn viel Platz, sich im Biotop zu verbreiten, ließ ihnen die sauropside Konkurrenz nicht.

Der kleine Primaten-Vorfahre (66 - ca. 59 Mio. Jahre) Purgatorius unio ist so etwas wie der Prototyp des Katastrophen-Überlebenden
Nobu Tamura

Der kleine Primaten-Vorfahre (66 - ca. 59 Mio. Jahre) Purgatorius unio ist so etwas wie der Prototyp des Katastrophen-Überlebenden

Auch das, behauptet nun aber die Studie von David Grossnickle und Elis Newham von der University of Chicago, stimme so nicht. Sie beruht auf einer erstmals geleisteten Inventur der kreidezeitlichen Säugetierfunde, die in den letzten drei Jahrzehnten gemacht wurden. Und die ergab ein deutlich anderes Bild vom Wachwechsel der Tiergruppen.

Grossnickle und Newham zeigen anhand Hunderter Fossilien, dass die evolutionäre Diversifikation der Säuger zehn bis zwanzig Millionen Jahre vor dem Ende der Dinosaurier-Vorherrschaft begonnen hatte: Immer mehr Arten und Formen entstanden, immer mehr ökologische Nischen wurden von ihnen besetzt. Neben dem prototypischen kleinen Fellträger, der im Schutz der Dunkelheit nach Insekten jagte, zogen auch schon in der Kreidezeit hundegroße Huftiere Grünzeug mümmelnd durchs Dickicht. Während die Artenvielfalt der Saurier abnahm, nahm die der Säuger munter zu.

Auch das Finale des modernen Schöpfungsmythos, der Wachwechsel von Sauriern zu Säugetieren, wollen die Autoren so nicht stehenlassen. Es stimme einfach nicht, dass es vor der Katastrophe sehr wenige Säugetierarten gegeben habe, aus denen dann urplötzlich sehr viele geworden seien. Wahr sei hingegen, dass die Vielfalt der Säuger viel größer gewesen, aber auch die Zahl der Säugerarten am Ende der Kreidezeit abrupt und katastrophal gesunken sei.

Wie bei den Sauriern hätten nur vergleichsweise wenige Arten der Säugetiere die Katastrophe überlebt. Im Grunde galt bei allen Tiergruppen die Ein-Meter-Regel: Was größer war, starb aus. Für die Dinosaurier aber, so die Studie, sei die kosmische Katastrophe am Ende der Kreidezeit nur der finale Todesstoß gewesen.

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