Silvester-Knallerei Was hat es mit dem Feinstaubproblem auf sich?

Vorsicht, Feuerwerk! Das Umweltbundesamt warnt vor gefährlichem Feinstaub-Smog in der Silvesternacht. Hier die Fakten.

Silvesterfeuerwerk in Oberstdorf
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Silvesterfeuerwerk in Oberstdorf

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Wenn alle Jahre wieder gleichzeitig um Mitternacht zu Silvester Millionen Böller und Raketen explodieren, verteilen sich pulverisierte Knallkörper in der Luft. Nebel aus mikroskopisch feinen Partikeln, sogenannter Feinstaub, hüllt Städte ein.

Das Umweltbundesamt (UBA) warnt in seiner neuen Broschüre "Zum Jahreswechsel: Wenn die Luft zum Schneiden ist" vor extremen Feinstaubmengen in der Nacht zum 1. Januar. Es bittet die Bevölkerung "einen Beitrag zur Verminderung der Feinstaubbelastung in der Silvesternacht zu leisten".

Wie hoch steigen die Feinstaubwerte?

Messungen zeigen, dass in Innenstädten in der Stunde nach Mitternacht Extremwerte von mehr als 1000 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft erreicht werden können. Als Grenzwert in der EU gilt ein Tagesdurchschnittswert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter, er darf laut Vorschrift nur an 35 Tagen im Jahr überschritten werden.

In deutschen Innenstädten wird laut UBA an manchen Silvestertagen der Tagesgrenzwert deutlich übertroffen: Im Zentrum von München seien am 1. Januar dieses Jahres im Durchschnitt mehr als 500 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen worden - allerdings trug besonderes Wetter dazu bei.

So muss es nicht kommen: Am 1. Januar 2013 zum Beispiel wurden die Tagesgrenzwerte trotz normalen Silvesterfeuerwerks an den meisten Orten in Deutschland nicht überschritten.

Feinstaubmessungen zu Silvester am Stadtrand von Langen (Hessen) von 23 Uhr bis 2 Uhr
Umweltbundesamt

Feinstaubmessungen zu Silvester am Stadtrand von Langen (Hessen) von 23 Uhr bis 2 Uhr

Wie viel Feinstaub ist das im Vergleich?

Jährlich würden an Silvester in Deutschland fast 5000 Tonnen Feinstaub der Größe PM10 beim Abbrennen von Feuerwerk freigesetzt, schreibt das UBA in seiner Broschüre - und ergänzt: "Diese Menge entspricht in etwa 17 Prozent der jährlich im Straßenverkehr angegebenen Feinstaubmenge".

Im größeren Zusammenhang allerdings klingt es weniger dramatisch: In Deutschland setzen Tätigkeiten des Menschen rund 220 tausend Tonnen PM10-Feinstaub pro Jahr frei. Der Anteil des Silvesterfeinstaubs beträgt also nur rund zwei Prozent.

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Wie groß ist das Feinstaubproblem?

Die Entwicklung in Deutschland ist positiv: 1995 entstanden aufgrund menschlicher Aktivitäten noch 329 Millionen Tonnen Feinstaub, 20 Jahre später waren es nur noch zwei Drittel. Hauptverursacher sind Industrie, Haushalte, Verkehr und Landwirtschaft.

Während aber beispielsweise Autos permanent die Hauptverkehrsstraßen mit Feinstaub verpesten, ist das Silvesterfeuerwerk nach einer Stunde meistenorts abgeklungen.

Anzahl der Tage, an denen der Feinstaub-Grenzwert in den Jahren 2000 bis 2016 überschritten wurde: In manchen Städten an mehr als 56 Tagen (rot); mancherorts an mehr als 42 Tagen (gelb), meistenorts an weniger als 7 Tagen (dunkelblau).
Umweltbundesamt

Anzahl der Tage, an denen der Feinstaub-Grenzwert in den Jahren 2000 bis 2016 überschritten wurde: In manchen Städten an mehr als 56 Tagen (rot); mancherorts an mehr als 42 Tagen (gelb), meistenorts an weniger als 7 Tagen (dunkelblau).

Wie schädlich ist der Feinstaub?

Feinstaub ist in jeder Menge ungesund. Die Partikel dringen in Nasennebenhöhlen, kleinste Stäube sogar in Bronchien und Lungenbläschen, manche gelangen ins Blut. Feinstaub kann zahlreichen Studien zufolge Erkrankungen der Atemwege und von Herz, Lunge und Kreislauf auslösen; besonders gefährlich ist er für Asthmatiker.

Menschen sind fast immer Feinstaub ausgesetzt: im Straßenverkehr, in der Landwirtschaft, beim Staubsaugen, an Bürogeräten, beim Rauchen oder Kochen, an Kamin und Weihnachtsbaum (Kerzen), sogar in der Kirche (Weihrauch). Wann jemand von Feinstaub krank wird, ist unklar.

Mancherorts allerdings scheint Schaden programmiert: In manchen Städten Asiens, etwa in Delhi, liegen die Feinstaubwerte wochenlang so hoch wie in deutschen Großstadtzentren zu Silvester in der Stunde nach Mitternacht. Menschen in diesen Städten husten, tragen Gesichtsmasken, schützen ihre Wohnungen mit Luftfiltern aufgrund der permanenten Beeinträchtigung.

Zweimonatige Smogphase in der indischen Großstadt
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Zweimonatige Smogphase in der indischen Großstadt

Wo droht Feinstaub an Silvester?

Der Silvester-Feinstaub ist nicht nur zeitlich, sondern auch örtlich stark begrenzt: Außerhalb der Innenstädte fallen die Werte ab, in Stadtnähe sind sie üblicherweise nur leicht erhöht, auf dem Land wird kaum Silvester-Feinstaub gemessen.

Feinstaubwerte an deutschen Messstationen an Silvester: Maximum in Städten, kaum etwas auf dem Land
Umweltbundesamt

Feinstaubwerte an deutschen Messstationen an Silvester: Maximum in Städten, kaum etwas auf dem Land

Welche Rolle spielt das Wetter?

Wind und Regen entscheiden, wie hoch die Feinstaubmenge ist. Die Extremwerte die am 1. Januar dieses Jahres in Süddeutschland gemessen wurden, konnten sich anreichern, weil es windstill war, eine sogenannte Inversionswetterlage herrschte: Die Luftschichten lagen umgekehrt, oben war es wärmer als unten - die Luft mischt sich kaum, weil kalte Luft schwerer ist.

Für dieses Silvester sagen Meteorologen hingegen windiges Wetter und vielerorts Regen vorher, der Silvester-Feinstaub dürfte sich also rasch verflüchtigen.

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Wie kann man sich schützen?

In Zonen mit massivem Feuerwerk kann ein Schal die Atemwege ein wenig schützen. Asthmatiker sollten in diesen Gegenden die Wohnung zuvor durchlüften und Fenster geschlossen lassen in der Silvesternacht.



insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
cindy2009 29.12.2017
1. Land
Wir hier auf dem Land können das gut ab, selbst den angeblichen Lärm. Während der Ernte oder der Vorbereitung für die Aussaat gibt es ab viel mehr Tagen Belastungen durch die Landwirtschaft. Und auch das stört nicht, da es notwendig ist.
wuxu 29.12.2017
2.
Wir Älteren müssten alle schon tot sein, da Feinstaub früher für das Umweltbundesamt kein Thema war und es auch keine von u.a. Toyota unterstützte Umwelthilfe gab.
fosterkatja 29.12.2017
3. Relationen
Wenn 5.000 Tonnen ca. 17 % des durch den Verkehr erzeugten Feinstaubs ausmachen, entstehen durch den Verkehr ca. 30.000. Das wiederum wären ca. 13,5 % der Gesamtemissionen. Nichts dagegen, den Feinstaubausstoß im Verkehr zu reduzieren, aber sollte sich die Politik (und wir durch Druck auf die Politik) nicht eher darum kümmern, den Ausstoß aus Industrie und Landwirtschaft anzugehen? Da ist der Hebel deutlcih größer...
cyranodhambourg 29.12.2017
4. Heuchelei der "Deutschen Umwelthilfe"!
Wo ist denn hier deren Protest bzw. Klagen gegen wen auch immer ?? Es ist mir zu primitiv und ober4flächlich , einerseits Kfz-bedingte Feinstaubemissionen zu brandmarken und in der Folge Kommunen zu verklagen und, was Sylvester betrifft, aus Angst vor'm Volkszorn in Deckung zu gehen! Wie viele tausend Tote errechnen sich denn bitte durch Sylvester-Feinstaub? Die interssieren dann überhaupt nicht ?
kuschl 29.12.2017
5. Spaßbremsen aller Länder vereinigt euch
Man merkt sofort, was für Leute in solchen Ämtern und NGO sitzen! Deutsche Umwelt und Bedenkenträger retten die Welt! Es wundert mich, wie viele Silvester ich trotzt Umweltbundesamt und der Toyota Umwelthilfe ich schon überlebt habe!
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