Artenschutz Endstation Zoo

Zoos sind umstritten - Kritiker sehen sie als überkommene Tierschauen. Doch viele Spezies würde es nicht mehr geben, hätten sie nicht in Zoos überlebt.

Von "National Geographic"-Autorin Elizabeth Kolbert


Terri Roth legt Chirurgenkleidung an, bindet sich die langen braunen Haare zu einem Knoten und zieht einen durchsichtigen Plastikhandschuh über, der ihr fast bis zur Schulter reicht. Ihre Patientin steht schon eingesperrt in einem kleinen Verschlag - ein 680 Kilo schweres Sumatra-Nashorn namens Suci. Dann steckt sie ihren Arm durch den After tief in den Darm des Nashorns.

Roth ist Direktorin des Zentrums für den Schutz und die Erforschung bedrohter Wildtiere am Zoo von Cincinnati. Zwei Tage zuvor hatte sie versucht, die 2005 im Zoo geborene Suci künstlich zu befruchten. Jetzt ist es Zeit für die Nachuntersuchung per Ultraschall. Wem eine Ultraschalluntersuchung bei einem Nashorn übertrieben erscheint, dem gibt die Tierärztin Folgendes zu bedenken: Als der Zoo von Cincinnati 1875 seine Tore öffnete, streiften vielleicht eine Million Sumatra-Nashörner durch die Wälder zwischen Bhutan und Borneo. Heute leben auf der ganzen Welt weniger als hundert. Falls diese Art überlebt, ist das auch Terri Roth zu verdanken, die seit 16 Jahren Blutproben bei Zootieren sammelt, deren Hormone misst und sie per Ultraschall untersucht.

Ähnliches wie für die Sumatra-Nashörner gilt für eine wachsende Liste anderer Arten. Wenn die Bestände der Wildtiere schrumpfen, übernehmen Zoos zunehmend die Funktion einer modernen Arche: Hier überleben Arten, die draußen untergehen. In Europa engagieren sich viele Zoos dazu im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP).

Stellvertretend für viele Kollegen in Zoologischen Gesellschaften weltweit sagt der Artenschutzbiologe Robert Lacy von der Chicago Zoological Society: "Zoos müssen einige wirklich schwierige Entscheidungen treffen. Soll man ein paar große, haarige Arten retten, weil sie das Publikum anziehen? Oder soll man sich um eine viel größere Anzahl kleinerer Arten kümmern? Für die begeistern sich zwar die Besucher nicht so schnell, aber man könnte mit dem gleichen finanziellen Aufwand viel mehr erhalten."

Weniger charismatische Arten haben ein Problem

Es gibt zahlreiche Beispiele für Arten, die ihre Existenz nur noch Nachzuchten in Zoos verdanken. Die Arabische Oryxantilope gehört dazu, der Schwarzfußiltis, der Rotwolf, die Guamralle, der Kalifornische Kondor. Davon gab es 1982 noch gerade mal 22 Vögel. Deshalb wurden alle, die noch in freier Natur lebten, eingefangen und in die Zoos von Los Angeles und San Diego gebracht. Dort pflanzten sie sich in menschlicher Obhut fort, der Nachwuchs wurde mit großem Aufwand für das Überleben in der Natur trainiert. Heute leben wieder mehr als 200 Kondore in Freiheit.

Die meisten vom Aussterben bedrohten Arten gibt es wahrscheinlich bei den Amphibien, den Fröschen, Kröten und Salamandern. Nach Angaben der IUCN, die auch die Rote Liste führt, sind mehr als ein Drittel aller Arten akut gefährdet. Das Problem: Amphibien haben nicht das Charisma eines Kondors. Sie sind auch keine Publikumslieblinge wie Pandas, die in freier Wildbahn noch nicht vom Aussterben bedroht sind.

"Die Hälfte aller lebenden Exemplare einer Art zu betreuen, ist eine ungeheure Verantwortung", sagt Jim Breheny, der Leiter des Bronx Zoo. Dort wurde eine hochmoderne Zuchtstation installiert - für die Vermehrung der Kihansi-Gischtkröten (Nectophrynoides asperginis). Auf der anderen Seite des Kontinents, am Institut für Artenschutzforschung des Zoos von San Diego, angelt Marlys Houck eine Schachtel voller kleiner Plastikgefäße aus einem Tank mit flüssigem Stickstoff. "Da ist er", sagt sie und meint den Weißwangen-Kleidervogel - oder das, was von ihm noch übrig ist. Er lebte früher auf Maui, der zweitgrößten Hawaii-Insel, und starb vermutlich ein oder zwei Jahre nach 2004 aus - zu jener Zeit hatten Artenschützer einen letzten Versuch unternommen, den Vogel zu retten.

Zusammen mit Tausenden weiteren, ähnlich aussehenden Gefäßen sind die Röhrchen mit den Zellen des Weißwangen-Kleidervogels Teil eines Projekts, Arten zu erhalten, auch wenn man in der Natur die letzte Gelegenheit dazu verpasst hat. Dieses Projekt ist der "Tiefkühl-Zoo". Viele Arten in diesem "Zoo" sind stark bedroht, der Sumatra-Orang-Utan zum Beispiel, der Amurleopard und die Palmer-Drossel, ein Singvogel von der Hawaii-Insel Kauai. Eine ähnliche Sammlung, genannt "Cryo-Brehm", unterhält auch das deutsche Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik im saarländischen Sulzbach.

Ist das die Zukunft des Artenschutzes? Anstatt die entsprechenden Lebensräume in der Natur zu erhalten, konservieren wir Zellen und Gewebe von Fröschen und Vögeln, von Tigern und Orang-Utans in flüssigem Stickstoff? Für Oliver Ryder, den Leiter der genetischen Abteilung am Zoo von San Diego, ist das keine Frage: "Ich bin überzeugt, von immer mehr Arten wird es lebendes Material bald nur noch im Tiefkühl-Zoo geben."

Auszug einer Fotoreportage aus National Geographic Deutschland , Ausgabe Oktober 2013, www.nationalgeographic.de


Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/zoo

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
mundusvultdecipi 02.11.2013
1. Prima..
Zitat von sysopJoel Sartore/ National GeographicZoos sind umstritten - Kritiker sehen sie als überkommene Tierschauen. Doch viele Spezies würde es nicht mehr geben, hätten sie nicht in Zoos überlebt. Sind Zoos Tierschauen oder Zufluchtsorte für bedrohte Arten? - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/sind-zoos-tierschauen-oder-zufluchtsorte-fuer-bedrohte-arten-a-925620.html)
..dann sollte man weltweit Institute installieren,die sich um die Bewahrung,Fortpflanzung und Auswilderung von bedrohten Tierarten kümmert. Deshalb braucht man nicht in einem Umkreis von 50 Km(wie hier in NRW)Zoos in denen Elefanten und Giraffen stehen und die unsägliche Zeichen des Hospitalismus erkennen lassen.Tiere haben in Zoos, und im Circus nichts zu suchen.
juttakristina 02.11.2013
2. Es ist ein
zwiespältiges Thema. Glücklicherweise gehen doch mehr und mehr Zoos dazu über, eventuell weniger Tiere zu halten, diesen Tieren jedoch ein artgerechteres Leben zu bieten, abgesehen von Delphinarien. Natürlich ist es wünschenswert, den Lebensraum und die Art in der Natur zu erhalten, doch gerade dazu können Zoos beitragen. Wir schützen, was wir lieben und wir lieben, was wir sehen. Und der pelzige Sympathling kann über die Lebensraumerhaltung auch zur Arterhaltung der nicht so prominenten Amphibien beitragen. Kritik ist sicher bei reinen Tierverwahrungsanstalten angebracht. Und was Delphine anbelangt, gibt es auch Projekte, bei denen die Tiere freiwillig zum Menschen kommen. Und auch da kann man dann diese herrlichen Tiere sehen.
Holledauer 02.11.2013
3. Die Gutmenschen, welche zoologische Gärten verdammen,
übersehen Eines: Nur durch den persönlichen Eindruck, welche Menschen von Tieren erhalten, bauen Menschen eine Beziehung zu den Tieren auf und kümmern sich um deren Fortbestand. Würde sich heute jemand groß über das alljährlich in Japan stattfindende Delfinschlachten aufregen, wenn es nicht die Serie "Flipper" im Fensehen gegeben hätte oder Menschen, die nicht an der Südsee leben in großen Delfinarien diese Tiere bestaunen könnten? Es mag zutreffen, dass die Haltung mancher Zootiere nicht artgerecht ist, diese Tiere sind jedoch Botschafter ihrer Gattung bei der Menschheit. Und dies sollten die Kritiker zoologischer Gärten niemals vergessen.
kai kojote 02.11.2013
4.
Ich empfinde das als Argument der Bewahrung vorm Aussterben für ein Alibiargument von Zoos. Nur die Tiere werden aufgenommen, mit denen sich Kasse beim Gaffer machen läßt. Die anderen sollen ruhig aussterben. Auch ist doch die Frage, ob es es wert ist, Individuen zu quälen (indem man zb Tiere die in anderen Klimazonen heimisch sind hält, wie Eisbären bei fast 40°C in Deutschland), um künstlich eine Art am leben zu halten, die schon aufgrund der genetischen Armut keine langfristige Chancen mehr hat. Anders bei Naturparks, dort leben die Tiere in ihrer Umgebung zumindest vergleichsweise frei. Auch das Argument dass zb Kinder nur durch Zoos Tiere schätzen lernen halt ich für übertrieben: Als ich das letzte mal im Zoo war konnt ich beobachten dass die Besucher die Tiere nur provozierten und mehr Interesse an Eis und Getränken in der Hitze hatten oder an tollen Stunts von Robben etc als an den Tieren selbst. Das einzige was man im Zoo lernt, ist, dass Tiere zur Belustigung gefangen halten, total ok ist.
senf-mit-sauce 02.11.2013
5.
Zitat von sysopJoel Sartore/ National GeographicZoos sind umstritten - Kritiker sehen sie als überkommene Tierschauen. Doch viele Spezies würde es nicht mehr geben, hätten sie nicht in Zoos überlebt. Sind Zoos Tierschauen oder Zufluchtsorte für bedrohte Arten? - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/sind-zoos-tierschauen-oder-zufluchtsorte-fuer-bedrohte-arten-a-925620.html)
OT: Zu einem ähnlich gelagerten Thema würde mich mal die Haltung von Veganern in Bezug auf Kühe, Schweine und Hühner interessieren: Es glaubt doch kaum ein Mensch, dass es in Deutschland noch Kühe (Schwarzbunte) geben würde, wenn alle Deutschen Veganer würden. Wie stehen die Veganer dazu? Gibt es da eine Lösung oder hoffen die Veganer insgeheim, dass nie alle Deutschen Veganer würden, um vom Problem der ausgerotteten Tierarten nicht tangiert zu werden? Dann würden die Kinder Kühe wirklich nur noch wegen der Milka-Kuh auf den Milchschokoladen kennen - ach ne, sie würden ja gar keine (Milch)Schokolade mehr essen. Kühe wären bald vergessen und spannend in Bezug auf Zoos wären sie auch nicht. Zum Thema: Die Zoos wandeln sich anscheinend immer mehr wie im Artikel beschrieben. Und Geld kommt eben nur rein, wenn man das Publikum reinlässt. Wer keine Subventionen bekommt, muss ein Produkt verkaufen.
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