Sinn für Morgen: Vögel sorgen vor

Buschhäher können sich die Zukunft vorstellen - und ganz praktisch vorausplanen. Wird den Vögeln häufig ihr Frühstück vorenthalten, verstecken sie abends Futter, um morgens nicht hungern zu müssen. Bislang glaubten Forscher, dass nur Menschen so vorausplanen können.

Zukunftsvorsorge ist in der Natur durchaus üblich. Allerdings tun Tiere dies entweder aus einem Instinkt heraus, etwa wenn sie Vorräte für den Winter bunkern, oder als Reaktion auf ein akutes, momentanes Bedürfnis. Dass Tiere aber sogar zu einer bewussten Vorausplanung fähig sind, haben nun acht Buschhäher - Rabenvögel mit bläulichem Federkleid - in einem Experiment an der University of Cambridge vorgeführt.

Versuchsanordnung: Abends für das Frühstück bunkern
University of Cambridge

Versuchsanordnung: Abends für das Frühstück bunkern

Wenn Nicola Clayton und ihre Kollegen den Vögeln regelmäßig das Frühstück vorenthielten, versteckten die Buschhäher möglichst bereits abends ausreichend Futter, um morgens nicht hungern zu müssen. Damit zeigten die Buschhäher eine Fähigkeit, die bisher ausschließlich dem Menschen zugesprochen wurde - nämlich das Konzept, die Zukunft erfassen und das Verhalten entsprechend anpassen zu können, berichtet ein Forscherteam um Clayton im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Bd. 445, S. 919).

Das Experiment fand in einem durch Wände teilbaren Raum statt: In der Mitte gab es immer Futter. In einem der Nebenräume (dem "Frühstückszimmer") war morgens immer Futter in einer mit Sand gefüllten Schale versteckt. Im zweiten Raum (dem "Nicht-Frühstückszimmer") stand immer eine Schale mit Sand, jedoch immer ohne Körner. Clayton und ihre Kollegen sperrten die Vögel dann einige Tage lang morgens für je zwei Stunden entweder ins eine oder ins andere Zimmer. Die Tiere hatten also Zeit zu lernen, wo es etwas zu fressen gab und wo nicht.

Auch Vielfalt ist den Vögeln wichtig

Anschließend boten die Forscher den Tieren nur noch abends im mittleren Raum Futter an - und in den Zimmern links und rechts lediglich Schalen mit Sand. Daraufhin versteckten die Vögel dreimal so viel Futter in ihrem "Nicht-Frühstückszimmer" wie im "Frühstückszimmer".

Buschhäher: Das Frühstück sollte auch möglichst abwechslungsreich sein
Ian Cannell / Caroline Raby

Buschhäher: Das Frühstück sollte auch möglichst abwechslungsreich sein

Doch nicht nur Hunger, auch ein eintöniges Nahrungsangebot veranlasst die Tiere, ihr Frühstück zu planen, wie ein weiteres Experiment zeigte. Dabei bekamen die Vögel, ebenfalls immer abwechselnd, in einem Käfigbereich Pinienkerne zum Frühstück und im anderen Hunde-Trockenfutter. Wurden ihnen dann an einem Abend beide Futtersorten angeboten, versteckten sie im Trockenfutter-Käfig hauptsächlich Pinienkerne und im Pinienkern-Käfig überwiegend Trockenfutter, beobachteten die Forscher.

Um derartig vorsorgen zu können, muss sich ein Lebewesen von seiner aktuellen Situation und den augenblicklichen Bedürfnissen lösen und eine Art mentale Zeitreise in die Zukunft antreten, erklären die Wissenschaftler. Menschen lernen das etwa im Alter von zwei Jahren und beginnen erst mit vier oder fünf, vorauszuplanen.

Buschhäher hatten bereits in früheren Studien gezeigt, dass sie in der Lage sind, eine geistige Reise in die Vergangenheit anzutreten, um ihre Nahrungsverstecke wiederzufinden und genau zuzuordnen. Die neue Studie zeige nun, dass sie sich auch die Zukunft vorstellen und ihr Verhalten an die erwarteten Bedingungen anpassen könnten, schreiben die Wissenschaftler. Die Annahme, der Mensch sei das einzige Lebewesen, das dazu in der Lage ist, müsse daher eindeutig in Frage gestellt werden - auch wenn wegen der fehlenden Sprache der Vögel nicht genau geklärt werden könne, wie ihre Vorstellung der Zukunft aussieht.

hda/ddp/dpa

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