Knochensplitter

Legendäres Urzeit-Tier Die Wahrheit über den Monster-Skorpion

Yale University

Von


Zweieinhalb Meter lang, gepanzert und mit riesigen Scheren bewehrt - Seeskorpione gelten als Monster der Urmeere. Neue Studien offenbaren die Wahrheit über den legendären Riesen: Er war schwach, lahm und kurzsichtig.

Die britische Paläontologie-Soap-Opera "Primeval" gehört nicht unbedingt zu den Sternstunden des Bildungsfernsehens. In jeder Folge öffnen sich nicht nur logische, sondern auch irgendwelche Zeitlöcher, durch die entweder gefährliche Urzeit-Viecher in die Jetztzeit plumpsen, oder - man ahnt es - eine Truppe tapferer Briten in die Urzeit zurücktapert.

Und natürlich suchen die Macher der Serie dort stets nach dem ultimativen Schrecken - und da ist der gigantische Wurm mindestens so tauglich wie ein T-Rex. In der Folge "Die Versuchung" ist es ein weitgehend imaginärer Riesenskorpion aus dem Silur (443-419 Millionen Jahre).

In der Serie ist er zwar knapp 30-mal so groß wie das Fossil des bisher einzigen auch nur annähernd ähnlichen, einst landlebenden Skorpions dieser Zeit - aber Schwamm drüber: Das hat natürlich dramaturgische Gründe. Die Macher nahmen eben einen landlebenden Brontoscorpio und pumpten ihn auf Seeskorpion-Größe auf, denn die setzten in Wahrheit in der Zeit vor 460 bis 248 Millionen Jahren die tierischen Größenrekorde.

Der Seeskorpion: Ein "Unterwasser-T-Rex" seiner Zeit?

Dass der Skorpion überhaupt einen Auftritt bekam, kommt einem Ritterschlag gleich: Es dokumentiert, dass die spektakulären Gliederfüßer als die gefährlichsten Räuber ihrer Zeit gesehen werden.

Die Daten sprechen ja auch für sich. Schon als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Eurypterid -Fossilien entdeckt wurden, graute den Menschen davor: Unter Wasser lebende, mitunter an Land krauchende, gepanzerte Gliedertiere von zweieinhalb Meter Länge, deren heutige Nachfahren man mit Gift und Tod assoziiert - die Eurypterida, so der Name der Gruppe, wurden von Anfang an als Monstren wahrgenommen.

Damit aber, behaupten nun Forscher der Universität Yale im Fachjournal "Biology Letters", tat man diesen größten Arthropoden aller Zeiten womöglich Unrecht. Mithilfe eines neuen Elektronenmikroskop-Verfahrens untersuchten die Yale-Forscher die Augen fossilisierter Seeskorpione und rechneten deren Sehkapazitäten hoch. Das Resultat: Die Tiere können keine geschickten Räuber gewesen sein, die ihre Beute gezielt jagten - dafür sahen sie viel zu schlecht.

Wahrscheinlicher sei, dass sie in tiefen oder trüben Gewässern herumstocherten und fraßen, worüber sie gerade so stolperten.

An kleinen Krabben gescheitert

Und das durfte sich weder schnell bewegen noch sonderlich hart sein. Ersteres weiß man schon seit 2005: Martin A. Whyte hatte da in Schottland Bewegungsspuren von Seeskorpionen gefunden. Die Spurenfossile zeigten klar, dass sich die gepanzerten Riesen wohl ziemlich lahm durch den Schlamm schleppten - allerdings immerhin nicht nur durch den am Grund des Wassers, sondern auch an Land in Ufernähe.

Was der Skorpion dort jagte oder suchte, sahen sich 2010 Richard Laub und Richard Berkof näher an. Ihr Interesse galt den mit Scherenapparaten von bis zu 42 Zentimeter Länge fraglos beeindruckenden Schneid- und Halteapparaten, die man stets als tödliche Waffen verbucht hatte. Das waren sie wohl auch, allerdings nur für Schnecken, Quallen und anderes Weichgetier, fanden die Briten: Hochrechnungen über die Greifkraft der Scheren ergaben, dass die schon an eher kleinen Krabben mit schwacher Panzerung gescheitert wären.

Fehlende Gelenke an den Scherenarmen waren ein weiteres Indiz dafür, dass die dann wohl doch nicht so fürchterlichen Seeskorpione wohl kaum geschickte Jäger waren, sondern lahme, steife und - wie wir nun wissen - auch noch halb blinde Kolosse. Der vermeintliche Schrecken der Urozeane wurde so binnen acht Jahren zum Albtraum aller Weichtiere degradiert - mehr Müllabfuhr als Monster.

Um ein wenig vom alten Horror zu bewahren, bliebe nur die Möglichkeit, aus der die eingangs zitierte, wirklich außergewöhnlich bescheuerte Primeval-Folge ihre Spannung bezieht: Da verfügen die Riesenskorpione über lange, natürlich hochgiftige Stacheln.

Ob auch die ausgestorbenen Seeskorpione, deren Körper tatsächlich in dornartigen Spitzen endete, giftig waren, weiß kein Mensch. Ausschließen kann man aber sicher, dass sie so jagten, wie das bei Primeval zu sehen ist: Da rasen sie unterirdisch mit geschätzt Tempo 30 auf ihr Opfer zu. Das ziehen sie dann erst bis zur Körpermitte in den Sand, um dann höchst dramatisch zischend herauszuspringen, bevor sie ihr Opfer mit peitschenden Bewegungen erdolchen. Horror, in jeder Hinsicht.



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19 Leserkommentare
schmusel 13.07.2014
hardii 13.07.2014
tjivi 13.07.2014
reuanmuc 13.07.2014
kaaskop2 13.07.2014
MashMashMusic 13.07.2014
Kai Frederking 13.07.2014
igelerin 13.07.2014
reuanmuc 13.07.2014
tudoone 13.07.2014
big t 13.07.2014
hardii 14.07.2014
hardii 14.07.2014
minsch 15.07.2014
minsch 15.07.2014
kevin.albrecht.923 17.07.2014
kevin.albrecht.923 17.07.2014
hardii 19.07.2014
gerd.leineune 27.08.2014

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