Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Skurrile Meeresforschung: Blauwale nehmen den Mund ziemlich voll

Von Magdalena Hamm

Zu viele Kalorien auf dem Mittagstisch? Kein Vergleich zu dem, was ein Blauwal verdrücken kann. Erstmals haben Forscher berechnet, wie viel Energie der Meeresriese durch einen Happen Krill aufnimmt. Von den Millionen Kilojoule verbraucht das Tier beim Tauchen aber nur einen geringen Teil.

In das Maul eines Blauwals passen rund 80.000 Liter Wasser Zur Großansicht
AP

In das Maul eines Blauwals passen rund 80.000 Liter Wasser

Der Blauwal ist ein Riese unter den Säugetieren, ihn satt zu bekommen, keine leichte Aufgabe. Ein solcher Koloss kann an die 30 Meter lang und 200 Tonnen schwer werden. Lebte er an Land, würde er von seinem eigenen Gewicht erdrückt. Doch Blauwale sind keine Jäger und verspeisen demnach keine energiereichen Fischhappen. Stattdessen tauchen sie nach Krill - winzigen Krebstierchen, von denen jedes Einzelne nur ein, zwei Gramm wiegt.

Wie kann dieses leichte Mahl den Energieaufwand aufwiegen, den es einen Wal kostet, seinen massigen Körper durch die Tiefen des Ozeans zu manövrieren?

Das hat sich auch Bob Shadwick von der University of British Columbia in Vancouver gefragt. Nach einer aufwendigen Kalkulation gelang es ihm und seinen Kollegen schließlich, den Brennwert auszurechnen, den ein Wal mit einem Maul voll Krill zu sich nimmt. Das Ergebnis veröffentlichten sie soeben im "Journal of Experimental Biology": Demnach kann ein Blauwal mit einem Haps fast zwei Millionen Kilojoule verdrücken, das entspricht fast 480.000 Kilokalorien. Wie die Biologen in ihrer Studie schreiben, nimmt der Wal damit 90-mal so viel Energie zu sich, wie er mit seinem Tauchgang verbraucht.

Das geöffnete Maul gleicht einem Fallschirm

Studienleiter Shadwick war anfänglich ziemlich überrascht von dieser Effizienz. "Meine Theorie war, dass das, was die Tiere unter Wasser tun, riesige Mengen Reserven aufzehrt." Wenn sie einen Krillschwarm ausgemacht haben, ziehen Blauwale mehrere Runden um zu fressen. Bei jedem Vorstoß füllt sich ihr weitaufgerissenes Maul mit einer Wassermasse, die ihrem eigenen Körpergewicht entspricht. Anschließend filtern sie Nährstoffe und Krustentiere heraus. "Ich habe angenommen, dass dabei ein Bremseffekt entsteht und es erhebliche Kosten verursacht, den gigantischen Körper danach wieder zu beschleunigen", erklärt Shadwick.

Doch wie sollte er seine Theorie überprüfen? Die Energiebilanz eines Wals zu messen, der irgendwo in hundert Metern Wassertiefe seine Runden dreht, schien dem Kanadier unmöglich. Dann hörten Shadwick und sein Doktorand Jeremy Goldbogen von einer Gruppe US-amerikanischer Kollegen, der es gelungen war, Unterwassermikrofone, Drucksensoren und Beschleunigungsmesser an einem Blauwal zu befestigen. Die Wissenschaftler schlossen sich zusammen.

Anhand des Geräuschs, das die Mikrofone vom vorbeirauschenden Wasser aufnahmen, konnte Goldbogen die Geschwindigkeit berechnen, mit der sich die Wale bewegten. Als nächstes mussten sie herausfinden, welche Kräfte auf die Tiere wirken, wenn sie mit weitgeöffnetem Maul Fahrt aufnehmen. Weil sie die Form des Mauls an einen riesigen Fallschirm erinnerte, holten sich die Wissenschaftler kurzerhand noch einen Experten für Aerodynamik mit ins Boot. Mit dessen Hilfe errechneten sie einen Energiebedarf von etwa 6300 Kilojoule für jeden Vorstoß. In einem 15-minütigem Tauchgang machen die Tiere bis zu sechs solcher Stoßbewegungen.

Ein Happen = 80.000 Liter Wasser

Um das Volumen zu berechnen, das ein Blauwal mit einem Bissen fassen kann, tingelte Goldbogen durch mehrere Naturkundemuseen und nahm bei ausgestellten Kieferknochen Maß. Er kam auf durchschnittlich 80.000 Liter Fassungsvermögen. Je nach Beutedichte können Wale damit zwischen 35.000 und knapp zwei Millionen Kilojoule auf einmal aufnehmen.

In ihrer Studie bringen Shadwick und Goldbogen das Beispiel eines 25 Meter langen Blauwals, der bei einem Tauchgang drei Fressrunden dreht. Dabei schluckt er 1260 Kilogramm Krill, dessen Brennwert er zu etwa 84 Prozent aufnehmen kann. Insgesamt kommt er so auf fast fünf Millionen Kilojoule. Der Energieverbrauch während des gesamten Tauchgangs - inklusive des aktiven Stoffwechsels - liegt bei knapp 63.500 Kilojoule. Der Wal gewinnt also 77-mal so viel Energie, wie ihn die Futtersuche kostet.

Im günstigsten Fall könne die Effizienz sogar bei 90-mal so viel liegen, schreiben die Forscher. "Wir sind die Zahlen immer wieder durchgegangen", erinnert sich Shadwick, den dieses Ergebnis verblüffte. "Der Schlüssel liegt in der Größe der Tiere." Zwar benötigten die Wale unglaubliche Mengen an Energie, mit Hilfe ihres riesiges Mauls könnten sie aber auch so viel Futter zu sich nehmen, dass sich ihre Größe letztlich auszahle.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: