Smog in Peking Erstmals Alarmstufe Orange ausgerufen

Die Dunstglocke über Chinas Hauptstadt wird immer dichter. Menschen greifen zu Atemschutzmasken, immer mehr werden krank. Nun hat Peking die Smog-Alarmstufe Orange ausgerufen - einige Fabriken mussten schließen. Private Autos dürfen weiterhin fahren.

AFP/ Courtesy of Ai Weiwei

Peking - Das gab es noch nie: Zum ersten Mal gilt in Peking die Smog-Alarmstufe Orange. Wegen der bislang schlimmsten Luftverschmutzung in ihrer Geschichte hat die chinesische Hauptstadt etliche Fabriken stillgelegt, aber nur begrenzt Fahrverbote verhängt.

Peking gilt als eine der dreckigsten Städte der Welt. In Staatsmedien regt sich mittlerweile heftige Kritik an den Behörden, Umweltprobleme lange vertuscht zu haben. Auch wurde das blinde Wirtschaftswachstum der aufstrebenden Volkswirtschaft angeprangert. Umweltschützer forderten eine Verringerung des steigenden Kohleverbrauchs in China.

Ärzte berichteten über einen sprunghaften Anstieg der Patienten mit Atemwegserkrankungen. Im Luftwaffen-Hospital in Peking nahm ihre Zahl um 30 Prozent zu, im großen Chaoyang-Hospital um 10 bis 30 Prozent, wie die Zeitung "Beijing Chenbao" berichtete. Der Smog setzt vor allem älteren Menschen und Kindern zu. Es gab auch zunehmend Herz- und Kreislaufprobleme, wie Staatsmedien berichteten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass weltweit jedes Jahr Millionen von Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung sterben.

Dicke Luft auch in Tianjin

Mit der zweithöchsten Smog-Alarmstufe stelle Peking die Produktion in 58 Unternehmen ein, die zu den größten Verschmutzern gehören. In 41 Fabriken und der Zementindustrie sei der Schadstoffausstoß um mehr als 30 Prozent verringert worden. Auch die Autofabrik von Südkoreas Hersteller Hyundai stand still. Freiluftaktivitäten von Schülern wurden ausgesetzt. Rund 30 Prozent der Dienstwagen sollten stehen bleiben. Der private Autoverkehr lief aber ungehindert weiter.

Der Smog hat nicht nur die 20-Millionen-Metropole im Würgegriff, sondern auch andere Städte. Nebel, Windstille und Hochdruckwetter herrschten vielerorts in Nord- und Zentralchina. So erreichten die Schadstoffbelastungen in Städten wie der benachbarten Zwölf-Millionen-Metropole Tianjin oder der zehn Millionen Einwohner zählenden Stadt Shijiazhuang ebenfalls Höchstwerte. In Shijiazhuang verdoppelte sich die Zahl der Patienten mit Atemwegsleiden fast, so Staatsmedien.

Um sich zu schützen, kaufen Pekinger teure Luftfilter und Atemschutzmasken. Die Elektronik-Kette Suning verkaufte neunmal mehr Luftreiniger als sonst. Apotheken meldeten ein Vielfaches der normalen Nachfrage nach Mundschutzmodellen. Besonders gefragt waren aufwendige Masken gegen den gefährlichen Feinstaub, der über die Lunge direkt ins Blut gehen kann. Besserung ist erst ab Mittwoch in Sicht, wenn wieder Wind erwartet wird.

Die Umweltorganisation Greenpeace prangerte den steigenden Kohleverbrauch an, der zu zwei Dritteln den Energiebedarf Chinas deckt und insgesamt verringert werden müsse. "Die Luftverschmutzung kommt aus der ganzen Region. Wenn nur Peking allein etwas tut, kann es keine spürbaren Ergebnisse bringen", sagte Sprecherin Zhou Hong. Nachdem die Stadtregierung vor einem Jahr noch die Luftverschmutzung geleugnet hatte, sah Greenpeace jetzt Fortschritte. Die ergriffenen Maßnahmen seien aber nur vorübergehend, nicht ausreichend und müssten regional ergriffen werden.

"Chinas Umweltverschmutzung akkumuliert sich", attestierte die "Global Times", die vom Parteiorgan "Volkszeitung" herausgegeben wird. Behörden müssten aufhören, "die Probleme zu vertuschen und stattdessen die Fakten offenlegen", um die Öffentlichkeit einzubinden. Der Smog in Peking und anderswo sei ein "Weckruf": "Wenn wir diesen Entwicklungspfad weitergehen, anstatt ihn zu korrigieren, werden die langfristigen Schäden gravierend sein."

hda/dpa



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