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Smog in Peking: Hoffen auf den großen Sturm

Von , Peking

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Der Luftreiniger surrt, die Kinder gähnen vor lauter Sauerstoffmangel: Das Leben mit dem Smog in Peking ist bedrückend. Wenn ein chinesischer Admiral Trost spenden will, klingt das so: Der Dunst bietet Schutz vor feindlichen Raketen - toll, oder?

Unser erster Winter in Peking war der giftigste, den die Stadt je gemessen hatte. Der zweite kam uns zunächst vor wie eine Luftkur. Im Dezember pfiff ein eisiger Wind über die Nordberge, die Große Mauer war bis zum Horizont zu sehen. Ende Januar saß ich morgens mit den Zeitungen auf dem Balkon und schmierte mir Sonnencreme ins Gesicht; Peking liegt auf der geografischen Breite von Palma de Mallorca.

Das konnte so nicht bleiben. Seit einer Woche ist die Airpocalypse zurück: eine für Chinas Nordosten typische Inversionswetterlage, in der sich Grob- und Feinstaub, Ozon, Schwefeldioxid, die Stickoxide und die anderen Wohlgerüche des Wirtschaftsaufschwungs im Pekinger Becken sammeln und verdicken. 526 betrug Mittwoch früh der Luftwert, den die US-Botschaft maß. Das mag nur gut die Hälfte der Höchstwerte des letzten Jahres sein, doch es ist immer noch das 20fache des Grenzwertes der Weltgesundheitsorganisation.

Und es reicht, um einem die Laune zu verderben. Der Blick aus dem Fenster morgens gleicht dem auf den Filmset von "Blade Runner". Die Kinder kommen gähnend aus einem Zimmer, in dem ein Luftreiniger und ein Befeuchter surren, das drückt Eltern aufs Gewissen. Der Hund, der raus muss, hebt seine feine Jagdhundnase in einen Cocktail, den man als Mensch schon kaum erträgt. Die jungen Soldaten, die in Peking Tag und Nacht vor den Botschaften Wache stehen, stehen auch bei Alarmstufe Orange im Freien, in grünen Uniformmänteln und mit Pelzmützen, doch ohne Atemschutzmasken.

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Smog in China: Moderne Plagen in der Großstadt

Die Masken: Neben den diversen Luftfilter-Modellen sind sie seit einem Jahr eines der Lieblingsthemen der Pekinger. Auf Twitter entspinnt sich unter umweltbewussten Ausländern gerade eine Debatte darüber, ob man die jungen Chinesinnen, die nun wieder mit bunten, aber wirkungslosen Stoffmasken herumlaufen, auf die Vergeblichkeit ihrer Mühe aufmerksam machen sollte. Soll man?

Ich finde nicht. Mit dem Smog in Peking verhält es sich nämlich so ähnlich wie mit dem chinesischen Überwachungsstaat. Er geht einem auf die Nerven, er kriecht einem durch jede Ritze nach, man räsoniert und schimpft über ihn und versucht ihm dauernd auszuweichen - und entkommt ihm am Ende doch nicht.

Feinstaub, Bespitzelung, Internetzensur - moderne Plagen Chinas

Der Kampf des Pekingers mit seinen modernen Plagen ist ein mentaler, ein Kampf, der ohne Autosuggestion nicht zu gewinnen ist. Es geht nicht nur gegen Feinstaub, Abhörmaßnahmen und Internetzensur - es geht auch darum, sich nicht deprimieren zu lassen. Und darin wollen wir Ausländer die Chinesen belehren?

Anders als die Staatssicherheit folgt das Klima im Nordosten Chinas gewissen Gesetzen und meteorologischen Zyklen. In der Regel dauert ein Smog-Durchgang gut eine Woche lang, dann löst sich die Inversion, es regnet oder, noch besser, es kommt ein Sturm aus der Inneren Mongolei und fegt binnen Stunden den Dreck aus der Hauptstadt. So soll es auch diese Woche enden, für Donnerstag ist Regen angesagt.

Bis dahin aber versuchen die Regierenden, die Bürger zu beruhigen, sich mitfühlend zu zeigen oder den Anschein zu erwecken, das Problem sei erkannt und auf dem Wege, gelöst zu werden. Vor einer Woche tröstete ein Admiral die Bevölkerung damit, dass dichter Smog immerhin Schutz vor feindlichen Raketen biete; am Dienstag mischte sich Staatspräsident Xi Jinping in einer versmogten Gasse unters Volk, und seit Tagen entfalten die Staatsmedien einen Entrüstungssturm, der in Deutschland oder den USA kaum lauter ausfallen könnte.

Oder in Indien - wo die Luftverschmutzung noch höher ist und wo mein Vorgänger aus Peking, Wieland Wagner, heute arbeitet. "In Delhi misst die US-Botschaft erst gar keine Verschmutzungswerte", berichtet er, "um die Regierung nicht zu blamieren."

Eines hat der Pekinger Katastrophenwinter 2012/2013 immerhin bewirkt: In China ist der Smog inzwischen ein anerkanntes Problem. Wer das vertuschen will, macht sich lächerlich und politisch unmöglich. Und wer, wie wir vor ein paar Tagen, trotzdem lüftet und die offenen Fenster vergisst, kriegt es mit seinen Kindern zu tun. "Macht sofort zu! Uns ist schlecht!"

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Der Preis
BiffBoffo 26.02.2014
Ist hoch damit China da steht wo sie jetzt stehen. Mit vollgas in die Abgase. Die Bevölkerung zahlt den Preis für diese Politik. Schon damals dachte ich, wo die ganzen Menschen mit den Fahrrädern gefahren sind, die machen es richtig. Heute schämt sich dort jemand mit dem Fahrrad zu Fahren. Der Gedanke ist dort einfach noch nicht Eingepflanzt.
2.
t.h.wolff 26.02.2014
Chapeau! Dieser Luftwaffengeneral empfiehlt sich für höchste Aufgaben.
3. optional
derigel3000 26.02.2014
Ekelhaft, wie man seine Lebensgrundlagen für den Mammon zugrunde richtet. Im Westen ist zwar auch nicht alles gülden, aber immerhin haben wir es hier verstanden, durch Umweltschutz die NAtur wenigstens ein bißchen zu schützen.
4. Last uns weiterhin aufpassen,
apalanca 26.02.2014
dass wir nicht auch so Enden... Seit 1960 hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt..
5. Keine gelbe Gefahr
appendnix 26.02.2014
Zitat von sysopREUTERSDer Luftreiniger surrt, die Kinder gähnen vor lauter Sauerstoffmangel: Das Leben mit dem Smog in Peking ist bedrückend. Wenn ein chinesischer General Trost spenden will, klingt das so: Der Dunst bietet Schutz vor feindlichen Raketen - toll, oder? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/smog-in-peking-feinstaub-und-luftverschmutzung-in-china-a-955714.html
Solange ein chinesischer General meint, dass feindliche Raketen auf Sicht und nicht via GPS geflogen werden, können wir Westler auch Trost aus der Sache ziehen: Militärisch gibt es keine gelbe Gefahr!
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