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03. Juni 2012, 20:55 Uhr

Artensterben in Ostafrika

Der Drachenbaum-Blues

Von Mel White

Die Insel Sokotra vor Ostafrika ist ein Wunder der Natur, sie hat sich bislang in paradiesischer Isolation entwickelt: Mehr als tausend Pflanzen- und Tierarten gibt es nur dort. Jetzt bedroht die Zivilisation das Idyll.

350 Kilometer des Arabischen Meers liegen zwischen Sokotra und dem Jemen. Die Insel war einst ein sagenumwobener Ort am äußersten Rand der damals bekannten Welt. Seefahrer fürchteten die gefährlichen Untiefen, die tosenden Stürme und die Inselbewohner, die im Ruf standen, die Winde zu kontrollieren und Schiffe gegen die Klippen zu lotsen.

Heute lockt Sokotras großer Artenreichtum Entdecker auf die Insel. Sie hoffen, die Geheimnisse der Insel zu entschlüsseln, bevor sie ganz der modernen Welt zum Opfer fällt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckten Forscher, dass diese kleine tropische Insel eine unglaublich große Artenvielfalt beherbergt. Biologen beeindruckte vor allem die Vermischung afrikanischer, asiatischer und europäischer Merkmale. Mit der Zahl endemischer Pflanzenarten pro Quadratkilometer stehen Sokotra und die drei kleineren Nachbarinseln unter allen Inselgruppen weltweit an vierter Stelle: nach den Seychellen, Neukaledonien und Hawaii.

Die Landschaft besteht aus Kalksteinfelsen, deren Gestein durch Erosion scharfe Zacken ausgebildet hat. Die Kargheit der trockenen, braunen Landschaft wurde hier und da durch die wunderbar blutroten Blüten der fleischigen mishhahir-Pflanze unterbrochen. Wo auch immer man hinsah, streckten die Drachenbäume ihre Äste gen Himmel. Für viele hier heimische Pflanzen ist der Nebel die einzige Feuchtigkeitsquelle.

Einige der seltensten endemischen Pflanzen auf Sokotra wachsen an steilen Berghängen oder an den Küsten der Insel. Sie saugen dort die Nässe auf, die sich bei Nebelwetter auf dem Gestein niederschlägt. Auch die zum Himmel ragenden Äste des Drachenbaums sind eine evolutionäre Anpassung, um die kostbare Feuchtigkeit aus der Luft aufzufangen - doch davon gibt es inzwischen immer weniger.

Wer überleben wollte, musste die kostbaren Ressourcen schützen

Falls der Klimawandel tatsächlich der Grund dafür ist, dass kaum noch junge Pflanzen nachwachsen, dann gibt es keine schnelle Lösung für dieses Problem. Obwohl die politischen Unruhen viele ausländische Besucher abschrecken, haben Sokotras wunderbare Strände, seine zerklüfteten Berge, seine einzigartige Artenvielfalt und die traditionelle Lebensweise seiner Bewohner nach und nach immer mehr Reisende angelockt: Im Jahr 2000 waren es 140 ausländische Besucher, 2010 schon fast 4000. Einige Bewunderer der grandiosen Abgeschiedenheit von Sokotra befürchten, dass die Bemühungen der Regierung im Jemen, die Insel auf den Stand des 21. Jahrhunderts zu bringen, gerade das zerstört, was die Besucher anzieht.

Auf Sokotra gibt es mehr als 600 Dörfer, die allerdings meist nur aus der Handvoll Häuser einer Großfamilie bestehen. Jedes Dorf hat seinen muqaddam, seinen Ältesten, dem mit Respekt begegnet wird. Über die Jahrhunderte hinweg haben die Inselbewohner sinnvolle Praktiken entwickelt, um die Weidewirtschaft, Holznutzung, Auseinandersetzungen über Landbesitz, Wasserrechte und ähnliche Angelegenheiten zu regeln. Auf dem jemenitischen Festland gehören gewalttätige Fehden und Stammeskonflikte dagegen seit langem zum Alltag. Viele Männer dort tragen wie selbstverständlich eine Schusswaffe und den jambiya, den zeremoniellen Krummdolch.

In Sokotra werden Streitfragen seit je friedlich geregelt, indem sich die Bewohner benachbarter Dörfer immer wieder zu Aussprachen zusammensetzen. Wer auf dieser rauen Insel überleben wollte, musste die kostbaren Ressourcen zu schützen wissen. Das hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass dadurch auch der außerordentliche Artenreichtum dieser Inselwelt bewahrt wurde. Die Klippen von Maalah und die angrenzende Hochebene beherbergen nach den Hajhir-Bergen Sokotras größten Artenreichtum.

Straßen und Bauprojekte zerstören die biologische Schatzkammer

Doch genau unter uns, aber außerhalb unserer Sichtweite, verlief die bereits geteerte Strecke einer nicht fertiggestellten Straße, die diese biologische Schatzkammer durchschnitten hätte. Das Straßenprojekt war trotz Protesten von Umweltschützern in Angriff genommen worden. Am Ende blieben die Klippen nur deshalb unversehrt, weil den Bauarbeitern das technische Wissen fehlte, sie zu überwinden. Als 2003 eine Straße durch das Gebiet Iryosh gebaut wurde, sind mindestens zehn Prozent der dort gefundenen einzigartigen Felszeichnungen zerstört worden. Sie hätten möglicherweise Hinweise auf die früheste Besiedlung der Inselgruppe liefern können.

Solche Bauprojekte erschließen neue Gebiete für den Tourismus, womit auch der Druck wachsen wird, Land an ausländische Investoren zu verkaufen. Doch auf einer Insel, auf der traditionell das Land allen gehört, können Auseinandersetzungen über Besitzansprüche und die Aussicht, schnelles Geld zu verdienen, Dörfer und sogar Familien zerrütten. Schon jetzt schlängeln sich neue Straßen an Sokotras Küste entlang, und in Hadibu werden Hotels und Geschäfte gebaut. Die meisten davon gehören Eigentümern, die nicht auf der Insel leben.

Nur in den Hajhir-Bergen scheint die altbewährte Lebensweise so unveränderlich zu sein wie ihre Granitgipfel. In den Dörfern stehen die muqaddams immer noch im Morgengrauen auf und singen ihren Ziegen etwas vor.

Und wenn hier die Sonne den nächtlichen Nebel vertreibt, dann schwirren Sokotras Stare durch die Drachenbäume, kleine Tauben trällern ihr kehliges Ruckediguh, und geheimnisvolle Blumen blühen auf Berghängen, auf die nie jemand seinen Fuß gesetzt hat.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/sokotra

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