Öko-Gemeinde in Frankreich Auferstanden aus der Kohle

Die kleine Gemeinde im Norden Frankreichs war eine Industriebrache - heute ist Loos-en-Gohelle ein ökologisches Vorzeigedorf. Der Bürgermeister ist ein Grüner, und die Kirche produziert Solarstrom.

Aus Loos-en-Gohelle berichtet

Loos-en-Gohelle

Die Kirche von Loos-en-Gohelle ist das Wahrzeichen der Stadt: Gewiss, der schlichte Ziegelbau zählt nicht zu den Sehenswürdigkeiten der Region Nord-Pas-de-Calais. Stolz sind die knapp 6500 Einwohner auf das katholische Gotteshaus trotzdem.

Das liegt am Dach. Es ist gänzlich mit unauffälligen Photovoltaikpanelen eingedeckt. Neben dem Kirchenportal zeigt eine Digitalanzeige die ins Netz eingespeiste Strommenge. Die Kirche als Stromproduzent - das ist landesweit ein Novum; mehr noch: Der dem Heililgen Vaast geweihte Bau steht für eine lokale Revolution: Die Gemeinde hat den Wechsel von einer abgewirtschafteten Bergbausiedlung zur modernen Öko-Gemeinde geschafft.

Die Geschichte von Loos-en-Gohelle zeigt, wie eine kleine Ortschaft mit gesundem Menschenverstand für die Umwelt kämpft und sich gegen den Klimawandel stemmt. Und das nicht erst, seit Frankreich als Organisator der COP21 das Thema für sich entdeckte.

Die Hintergründe der Erderwärmung

Jean-François Caron, Bürgermeister seit 2001, hat die Wende angeschoben. Der drahtige 58-Jährige - Kurzhaarschnitt, graue Jeans und kräftiger Handschlag - beschreibt sie als "kollektiven politisch-sozialen Kraftakt", der vor mehr als 30 Jahren begann - nach dem Niedergang von Frankreichs Kohlerevier.

Mehr als zweihundert Jahre hatte hier in der Region, unweit von Belgien, das industrielle Herz der Nation geschlagen: Zwischen Lens, Béthune und Valenciennes malochten bis zu 150.000 Kumpel im Steinkohlebergbau. Rauchende Schlote, ein Netz von Eisenbahnschienen und mehr als 300 Abraumhalden standen für den Fortschritt. Aber der Traum von Wohlstand und Vollbeschäftigung durch die Kohlegruben ging Anfang 1960 zu Ende. Es folgten Rezession und Zechensterben - 1986 machte in Loos-en-Gohelle die letzte Gruben dicht. Das Revier im Norden geriet zum Notstandsgebiet.

Auch Loos-en-Gohelle war eine verdreckte Industriebrache: Das "schwarze Land" ist bis zu 15 Metern abgesackt, Grundwasser wie Flüsse sind vergiftet, die Felder belastet. Was vom Raubbau der ökonomischen Monokultur übrigblieb, sind zwei gigantische Abraumhalden, die wie Pyramiden 180 Meter in den Himmel ragen.

Für Bürgermeister Caron kein Grund zum Verzweifeln, sondern zum Handeln - schon sein Vater war hier erster Mann der Stadt für die Sozialisten (PS). Caron junior war als Hobby-Ornithologe über den Naturschutz zur Politik gekommen: 1992 zieht er für eine Öko-Formation in den Regionalrat ein. "Es war ein Unfall der Geschichte", lacht Caron über seine Wahl im früheren Kohlerevier: "Ich bin ein grüner Kopf unter schwarzen Gesichtern."

"Die Bürger direkt beteiligen"

Aber Caron entdeckt, dass für einen Kurswechsel zur "nachhaltigen Entwicklung" langer Atem nötig ist. Über Ausdauer verfügt der Triathlet, der den Marathon in 3:30 Stunden läuft. Und die braucht er nun auch in der Politik: "Es kann nur funktionieren", so sein Credo, "wenn die Bürger direkt beteiligt werden und ihr Engagement auch real existierende Ergebnisse hervorbringt."

Den Umbau von Loos beginnt der Grüne mit der Rückbesinnung auf die Identität der Stadt. Anderswo werden Fördertürme und Kokereien abgerissen, Abraumhalden plattgemacht. Caron kämpft für den Erhalt der Industriedenkmäler, plädiert für die Aneignung der eigenen Vergangenheit: Zu Füßen der Schuttberge werden Theater, Konzerte und Ausstellungen organisiert, Führungen bieten Einblicke in Flora und Fauna, ein Kunsthappening entsteht. Die Anerkennung kommt 2012 mit der Auszeichnung als Unesco-Weltkulturerbe.

Gletscherschwund im Fotovergleich

Caron beschränkt sich nicht auf naturnahe Symbolik. Die alten Bergbausiedlungen werden umweltgerecht renoviert, auf der alten Zechenanlage entsteht im Maschinenhaus ein Umwelt-Zentrum mit Planungsbüros, Forschungsstätten und einer Beratungsstelle für innovative Techniken. Nebenan ist Platz für Start-up-Firmen, es existiert eine Dauerausstellung mit Mustern für biologische Dämmstoffe - aus Wolle, Hanf oder Recycling-Fasern.

"Nirgendwo ist der Wechsel greifbarer als hier", sagt Christian Traisnel, Direktor eines Umwelt-Dienstleistungszentrums am Fuß der gigantischen Schuttkegel, wo mehr als 20 verschiedene Typen von Solarpanels montiert sind. Der Kontrast illustriert die Kehrtwende von Loos-en-Gohelle: "Im Hintergrund das Erbe der alten Kohleenergie, im Vordergrund die Wahrzeichen der neuen, nachhaltigen Energie", sagt Traisnel. Zudem haben die Projekte Forschung und Investoren angelockt: "Die grüne Wirtschaft schafft Arbeitsplätze."

Und Gemeinsinn. Kein Straßenbau mehr ohne Einflussnahme der Anwohner, keine Beleuchtung ohne Rücksprache mit den Bürgern. Regenwassertanks, Straßenbeleuchtung, Bio-Essen für Schulen und Altenheim: Das ökologisch-soziale Experiment schafft Zusammenhalt, der sich niederschlägt in der Gründung von Heimatvereinen, Naturgruppen und Bio-Kooperativen.

Die städtischen Rasenflächen werden ohne Pestizide gepflegt, ein 15 Kilometer langer grüner Gürtel rund um die Kommune dient als Rad- und Wanderweg. Entlang dieser Schneise wachsen Obstbäume, unlängst bekam der Bürgermeister ein Glas Apfelgelee vor die Haustür gestellt.

Wer Vorgarten, Blumenkästen oder Balkon begrünen möchte, bekommt Blumen und Stauden gratis - verpflichtet sich aber zu Pflege. Jugendliche erhalten einen Zuschuss für den Führerschein und arbeiten im Gegenzug für die Gemeinde: So entsteht der Skate-Park oder der kollektiv genutzte Gemüsegarten. Die sieben städtischen Pkw fahren natürlich mit Gas, das Behördenblatt "Echos Loossois" wird mit elektrischen Dreirädern ausgefahren.

Längst ist die Gemeinde zum Vorzeigemodell avanciert. Umso tiefer sitzt die Enttäuschung über die jüngste Entscheidung aus Paris. Zur COP21 sollten Staats- und Regierungschefs Projekte im Ort besuchen. Nach den Terroranschlägen wurde der Abstecher aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Klimagipfel in Paris


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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
M. Michaelis 09.12.2015
1.
Und wie wird das ganze finanziert ?
alyeska 09.12.2015
2. Wer will, der kann!
Gratulation an COP 21.
olli08 09.12.2015
3. Hauptsche billig?
Zitat von M. MichaelisUnd wie wird das ganze finanziert ?
Interessante Frage! So wie man kommunale Projekte eben finanziert, mit Steuereinnahmen, Fördegeldern, Krediten, Verzicht an anderer Stelle und im besten Falle mit ganz viel Eigeninitiative und gemeinnütziger Arbeit. Dafür gibt es die kommunale Selbstverwaltung, ich nehme jedenfalls an, dass das in F ähnlich wie in D läuft. Aber was ist der Hintergrund ihrer Frage? Ich hoffe sie sind nicht einer von diesen "Zerstört-die-Erde-weil-das-am-billigsten-ist!-Typen".
bretone 09.12.2015
4.
In der Tat sind die Finanzierungsverhältnisse in F ganz ähnlich wie bei Ihnen in D. Von der Ausschreibung über die öffentliche Bekanntgabe des Bauvorhabens bis zum Abnicken durch den Conseil Municipal (Stadtrat) und Baubeginn gibt es keine allzu großen Unterschiede zu deutschen Verhältnissen. Obwohl es hier zumeist etwas flotter geht, denn es ist bekannt, dass die Amtsmühlen in Teutonen-Land etwas langsamer laufen ...
Byrne 09.12.2015
5.
Zitat von olli08Interessante Frage! So wie man kommunale Projekte eben finanziert, mit Steuereinnahmen, Fördegeldern, Krediten, Verzicht an anderer Stelle und im besten Falle mit ganz viel Eigeninitiative und gemeinnütziger Arbeit. Dafür gibt es die kommunale Selbstverwaltung, ich nehme jedenfalls an, dass das in F ähnlich wie in D läuft. Aber was ist der Hintergrund ihrer Frage? Ich hoffe sie sind nicht einer von diesen "Zerstört-die-Erde-weil-das-am-billigsten-ist!-Typen".
Wir werden alle Brodowin!
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