Rohstoffsuche in Deutschland: Herrn Müllers Gespür für Erz

Aus Altenberg berichtet

Rohstoffe: Lithium-Suche im Erzgebirge Fotos
Solarworld

Lithium gilt als Rohstoff der Zukunft, man braucht es zum Bau von Akkus für Elektrofahrzeuge und Solarsysteme. Jetzt sucht ein deutscher Konzern im Erzgebirge nach dem begehrten Leichtmetall. Geologen vermuten ein Lager von Milliardenwert.

Der Geschäftsführer holt erst einmal seine Jacke. Zwar ist auf dem Straßenschild hinter Armin Müller klar und deutlich der Name "Am Sommerweg" zu lesen. Nach Sommer fühlt sich das hier definitiv nicht an, noch nicht einmal nach Frühling. Kalte Windböen und gelegentliche Regenschauer lassen den Chef der Firma Solarworld zum schwarzen Windbreaker greifen. Und auch das kleine Trüppchen seiner Gäste fröstelt.

Müllers Unternehmen hat eine Handvoll Journalisten an den Rand des Erzgebirgsorts Altenberg geladen. Hier, im Ortsteil Zinnwald, bohrt die Tochterfirma des Unternehmens Solarworld gerade ein grenzüberschreitendes Lithium-Vorkommen an. Und allein auf deutscher Seite sollen mindestens 40.000 Tonnen des Leichtmetalls verborgen sein. Es wäre ein Schatz im Wert von rund eineinhalb Milliarden Dollar. "Und das ist die Untergrenze", sagt Müller.

Bis Ende des Jahres will seine Firma herausbekommen, wie viel Lithium es tatsächlich gibt. Auch auf tschechischer Seite will man explorieren. Dort wird sogar noch mehr des wertvollen Schatzes vermutet - mindestens 80.000 Tonnen. Seit wenigen Tagen liegt die Genehmigung für Bohrungen in Cinovec jenseits der Grenze vor. Wichtigstes Hilfsmittel für die Suche ist das Bohrgerät, das Müller nun auf der deutschen Seite der Grenze seinen Gästen vorführt. Geräuschvoll fräst die Maschine ein zehn Zentimeter breites Loch in den Untergrund. Und ein paar Meter entfernt, bei der Zinnwalder Kirche, steht eine ähnliche Maschine.

Jeden Tag geht es 10 bis 15 Meter tiefer in den Untergrund

Aktuell ist der Bohrtrupp in etwa 80 Metern Tiefe angelangt. Dort beginnt die Gesteinsformation, die das Lithium enthält. Bereits geborgene Bohrkerne werden in beschrifteten Holzkisten aufbewahrt. Und während die steinernen Stücke auf den ersten Metern rot gefärbt sind, nehmen sie nun eine grau-schwarz gesprenkelte Farbe an. Bingo! Das gesuchte Metall ist Bestandteil des sogenannten Zinnwaldits. Das ist ein Erzmineral, dessen Kristallgitter zu etwa 0,3 Prozent aus Lithium besteht.

Jeden Tag geht es 10 bis 15 Meter tiefer in den Untergrund. Die Bohrung verläuft schräg, um möglichst viel des etwa 1200 Meter langen und 500 Meter breiten Erzkörpers zu durchqueren. Bis in 250 Meter Tiefe soll die Erkundung vorangetrieben werden. Schon die DDR hatte die Lagerstätte mehrfach angebohrt. Durch das Studium der alten Akten wissen Müller und seine Leute daher, auf wie viel Lithium sie mindestens hoffen können. Die neuen Daten sollen das Lagerstättenmodell nun verfeinern und die Ressource international zertifizieren helfen - das ist wichtig, wenn man Investoren für das Projekt begeistern möchte.

Müllers Firma interessiert sich für das Lithium, weil sie ihren Kunden mit seiner Hilfe ein Angebot machen will, das die nicht ausschlagen können: Die Solarpaneele auf dem heimischen Dach sollen nicht nur Sonnenstrom erzeugen, Lithium-Ionen-Akkus im Keller sollen ihn in Zukunft auch speichern können. Und für den Bau der Batterien soll der Rohstoff aus dem Erzgebirge zum Einsatz kommen. Auch für Elektroautos sind Lithium-Batterien wichtig. Gerade hat die Unternehmensberatung Roland Berger eine Schätzung vorgelegt, wonach der Weltmarkt für Akkus in diesem Bereich bis 2015 auf neun Milliarden Dollar wachsen wird.

Hat Solarworld gerade keine anderen Probleme?

Aber so attraktiv das klingen mag: Lithium ist auf dem Weltmarkt nicht knapp, ganz im Gegenteil. Für die kommenden Jahre wird sogar ein Überangebot erwartet - vor allem, wenn es der bolivianischen Regierung gelingen sollte, die riesige Lagerstätte Salar de Uyuni ernsthaft zu erschließen. Und überhaupt: Hat Solarworld gerade keine anderen Probleme? Solarfirmen in Deutschland straucheln und fallen derzeit reihenweise. Solon, Q-Cells und First Solar sind nur einige Beispiele. Schuld ist vor allem die Billigkonkurrenz aus China. Auch Solarworld musste im vergangenen Jahr ein Umsatzminus von knapp 20 Prozent hinnehmen.

"Natürlich haben wir wichtige Aufgaben in unserem Kerngeschäft. Aber wenn es jemandem gelingt, dieses raue Fahrwasser zu durchqueren, dann einer Firma wie unserer", gibt sich Armin Müller kämpferisch. Auch in schwierigen Zeiten dürfe man interessante Projekte wie die Lithium-Suche nicht aufgeben. Es wird sich zeigen, ob das gebeutelte Unternehmen tatsächlich bis zur Förderung durchhalten kann. Die Exploration kostet aktuell gute zwei Millionen Euro. Das mag noch zu verschmerzen sein. Ein Bergwerk tatsächlich zu bauen und - wie geplant - für 25 Jahre zu betreiben, wäre ungleich teurer, von 20 bis 30 Millionen Euro ist die Rede.

Andererseits könnte heimisches Lithium durchaus interessant sein. Bisher muss der Rohstoff aus abgelegenen Salzseen in Chile und Argentinien oder aus Australien zu uns gebracht werden. Und Rohstoffsuche in Deutschland liegt ohnehin im Trend. In dem Land, das sich selbst oft für rohstoffarm hält, wird nach Öl und Gas ebenso gefahndet wie nach Zinn. Ende der vergangenen Woche haben nordwestlich von Leipzig auch Probebohrungen nach Seltenen Erden begonnen.

"Ich würde mich freuen, wenn der Bergbau wieder dazugehören würde"

Und während sich in manchen Regionen Widerstand gegen solche Rohstoffprojekte formiert, hoffen andere auf Jobs. So auch Thomas Kirsten, der resolute Bürgermeister von Altenberg. Er ist mit Kappe und knallroter Skijacke bestens gegen den kalten Wind am Bohrplatz gerüstet. Kirsten vertritt die Freien Wähler - und hofft darauf, dass tatsächlich gefördert wird: "Wichtig ist, dass die Leute hier eine gewisse Perspektive haben. Ich würde mich freuen, wenn der Bergbau wieder dazugehören würde." Die Mine könnte 150 Jobs bringen, vielleicht noch einmal so viele die Erzaufbereitung.

Die Zinnmine in Altenberg ist seit der Wende dicht. Die Einwohnerzahl der Gemeinde ist seither um ein Fünftel gesunken. Und dass mit dem Schengen-Beitritt Tschechiens die riesige Grenzwache Zinnwald dichtmachte, verschlimmerte die Lage weiter. Die Arbeitslosenquote liegt im Amtsbezirk bei vergleichsweise moderaten zehn Prozent - aus einem simplen Grund, wie Kirsten eingesteht: "Wer keine Arbeit hat, zieht weg."

Freilich, sie haben auch viel aufgebaut in Altenberg-Zinnwald. So ist man als Kurort anerkannt und kann sich über immer mehr Wintersportler freuen - inklusive der Bob-WM in diesem Jahr. Würde der Bergbau nicht vielleicht Feriengäste und Sportler verschrecken? Nein, sagt der Bürgermeister. Schließlich werde es keine störenden Fördertürme geben. Die Lkw zum Lithium-Transport sollen über eine Rampe in den Berg fahren. Auch Abraumhalden würden die Landschaft nicht verschandeln, viel taubes Gestein bleibe gleich im Berg.

Wenn die Mine denn überhaupt jemals gebaut wird. Der Geologe Kersten Kühn von der Ingenieurgesellschaft Geos aus Freiberg setzt sich mit ganzer Kraft dafür ein. Bis zur Wende hat er als Chefgeologe für die Zinnmine in Altenberg gearbeitet. Jetzt berät er Solarworld - und will alte Traditionen beleben: "750 Jahre Bergbau, die wir hier in der Region haben, sind noch nicht das Ende der Fahnenstange. Da bin ich mir sicher." Doch allzu lange dürfe man mit der Förderung nicht warten. Noch gebe es einige Fachleute in der Region: "Wir sind die letzte Generation, die Erfahrungen im Bergbau haben. Wer soll es machen, wenn nicht wir?"

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1.
BlakesWort 30.04.2012
Zitat von sysopSolarworldLithium gilt als Rohstoff der Zukunft, man braucht es zum Bau von Akkus für Elektrofahrzeuge und Solarsysteme. Jetzt sucht ein deutscher Konzern im Erzgebirge nach dem begehrten Leichtmetall. Geologen vermuten ein Lager von Milliardenwert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,828889,00.html
Ich hoffe nur, dass keine Landesregierung diese Projekte fördert. Lithium ist, wie der Artikel sehr richtig beschreibt, kein seltener Rohstoff und findet sich in vielen Lagerstätten der Welt im Überfluss. Meines Wissens exisitiert nicht einmal eine Methode, um das Lithium im großen Stil aus dem Gestein zu lösen, während es in Südamerika - übertrieben formuliert - per Handarbeit produziert wird. Und selbst dort sind die hochtrabenden Pläne bisher nicht umgesetzt worden, einfach weil Lithium kein knapper Rohstoff ist. Nur eine Sache könnte das ändern: Eine Explosion im Abverkauf von Elektromotoren, bzw. der hierfür oftmals notwendigen Akkus. Ebenso sieht es mit den mickrigen Lagerstätten für Seltene Erden und Zinn aus. Erstere sind zwar wertvoll, aber eben nicht wertvoll genug, um die sogenannten "Unendlichkeitskosten" (Kosten, die weiterhin anfallen, selbst wenn die Förderung längst eingestellt wurde... fragen sie mal im Ruhrpott nach...), Pension für Bergleute etc. auch nur annähernd wirtschaftlich rechenbar zu machen.
2.
kerry_gold 30.04.2012
(des) Herrn Müllers Gespür für ... immer öfter geht auch bei SPON das Gespür für die schöne deutsche Sprache verlustig. Schade.
3. Schon wieder ein paar, die Subventionen angreifen wollen ??
herr_kowalski 30.04.2012
Zitat von sysopSolarworldLithium gilt als Rohstoff der Zukunft, man braucht es zum Bau von Akkus für Elektrofahrzeuge und Solarsysteme. Jetzt sucht ein deutscher Konzern im Erzgebirge nach dem begehrten Leichtmetall. Geologen vermuten ein Lager von Milliardenwert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,828889,00.html
Lies du hier: Der Schatz im Salzsee | Technology Review (http://www.heise.de/tr/artikel/Der-Schatz-im-Salzsee-968697.html)
4. In Canada rechnet man mit Kosten
herr_kowalski 30.04.2012
Zitat von BlakesWortIch hoffe nur, dass keine Landesregierung diese Projekte fördert. Lithium ist, wie der Artikel sehr richtig beschreibt, kein seltener Rohstoff und findet sich in vielen Lagerstätten der Welt im Überfluss. Meines Wissens exisitiert nicht einmal eine Methode, um das Lithium im großen Stil aus dem Gestein zu lösen, während es in Südamerika - übertrieben formuliert - per Handarbeit produziert wird. Und selbst dort sind die hochtrabenden Pläne bisher nicht umgesetzt worden, einfach weil Lithium kein knapper Rohstoff ist. Nur eine Sache könnte das ändern: Eine Explosion im Abverkauf von Elektromotoren, bzw. der hierfür oftmals notwendigen Akkus. Ebenso sieht es mit den mickrigen Lagerstätten für Seltene Erden und Zinn aus. Erstere sind zwar wertvoll, aber eben nicht wertvoll genug, um die sogenannten "Unendlichkeitskosten" (Kosten, die weiterhin anfallen, selbst wenn die Förderung längst eingestellt wurde... fragen sie mal im Ruhrpott nach...), Pension für Bergleute etc. auch nur annähernd wirtschaftlich rechenbar zu machen.
in Höhe 250 - 700 MIO Dollares, um eine Untertagemine ( bis 1000 ts/day Erzdurchsatz ) produktionsreif zu machen. In Deutschland mit 20 - 30 MIO ? Ja ja, wenn es die Heinzelmännchen noch gäbe........
5. Die Mär vom...
MannAusBerlin 30.04.2012
Zitat von sysopSolarworldLithium gilt als Rohstoff der Zukunft, man braucht es zum Bau von Akkus für Elektrofahrzeuge und Solarsysteme. Jetzt sucht ein deutscher Konzern im Erzgebirge nach dem begehrten Leichtmetall. Geologen vermuten ein Lager von Milliardenwert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,828889,00.html
...rohstoffarmen Deutschland wird immer lächerlicher. Ausländische Investoren suchen bereits fieberhaft nach neuen Rohstoffvorkommen z.B. im Gosetal Rohstoff-Schatz: Ein Dorf in Sachsen im Rausch der Seltenen Erden - Nachrichten Wirtschaft - WELT ONLINE (http://www.welt.de/wirtschaft/article106211685/Ein-Dorf-in-Sachsen-im-Rausch-der-Seltenen-Erden.html) In der Oberlausitz ist man schon weiter und es wird vermutlich zum Abbau kommen Schwarz, Rot und Gold - Wirtschaft - Tagesspiegel (http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/schwarz-rot-und-gold/6568820.html) Während z.B. China zuallererst seine eigenen Unternehmen mit den im eigenen Land vorkommenden Rohstoffen versorgt und den Rest dann zu höchstpresien auf dem Weltmarkt verkauft, überlassen wir unsere Rohstoffe lieber ausländischen Investoren. So müssen sich dann unsere Unternehmen die benötigten Rohstoffe wiederum teuer auf dem Weltmarkt einkaufen. Einfach unbegreiflich wie unsere Regierung diese Entwicklungen scheinbar verschläft. Na ja, die machen anscheinend lieber Geschäfte mit fragwürdigen Regimen wie Usbekistan. Dort werden die Rohstoffe dann wahrscheinlich von Kindern gefördert. Aber Deutschland ist ja auf solche Partnerschaften angwiesen, wir haben ja keine Rohstoffe...
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