Lärm im Meer: Sonar von Kriegsschiffen stört Wale bei Nahrungssuche

Befestigung eines Messgeräts an einem Wal: Störende Sonargeräusche beobachtet Zur Großansicht
John Calambokidis

Befestigung eines Messgeräts an einem Wal: Störende Sonargeräusche beobachtet

Erstmals liefern Forscher Belege dafür, dass Sonar-Signale Walen tatsächlich schaden: Die Tiere reagieren auf den Unterwasser-Schall mit Flucht. Und sie hören auf zu fressen.

Militärische Sonarübungen beeinflussen das Verhalten von Walen deutlich: Die Signale stören die Tiere bei der Futtersuche und können das Risiko einer Strandung erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommen jetzt Meeresbiologen, die mit Cuvier-Schnabelwalen und Blauwalen zwei Experimente durchgeführt haben. Sie liefern damit erste Hinweise dafür, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Sonarsignalen und gestrandeten Meeressäugern gibt.

Den Untersuchungen zufolge unterbrechen Wale wegen störenden Unterwassersignalen ihre Nahrungssuche und werden bisweilen sogar aus reichhaltigen Beutegebieten vertrieben. Außerdem könnten sie in einigen Fällen nicht mehr genügend Nahrung zu sich nehmen, vermuten die Forscher. Die Ergebnisse hat das Team in den Fachzeitschriften "Biology Letters" und "Proceedings of the Royal Society B" veröffentlicht. Beide Studien wurden von der US-Marine finanziell unterstützt.

Die Meeresbiologen um Peter Lloyd Tyack vom Scottish Oceans Institute erforschen seit Jahren, wie Wale akustisch gestört werden. Nun haben sie erstmals direkt untersucht, wie zwei verschiedene Walarten auf Sonarwellen unter Wasser reagieren. Für das Experiment hefteten sie den Tieren ein kleines Messinstrument an, das zum Beispiel registrierte, wie laut ein ankommendes Signal war und in welcher Wassertiefe sich die Wale in dem Moment aufhielten.

Ungewöhnlich lange abgetaucht

Für ihre Studie an Cuvier-Schnabelwalen beobachteten die Wissenschaftler zwei Tiere. Cuvier-Schnabelwale gehören zu den Zahnwalen und stranden relativ häufig. In dem Experiment bekamen die beiden Wale ein 30 Minuten dauerndes Playback vorgespielt. Alle 25 Sekunden ertönte ein 1,6 Sekunden langes Signal, das eine Frequenz zwischen ein und zehn Kilohertz hatte. Der Sender befand sich 3,4 bis 9,5 Kilometer von den Tieren entfernt.

Beide Wale unterbrachen nach dem Signal das sogenannte Fluken: Sie reckten ihre Schwanzflosse nicht mehr aus dem Wasser heraus – "vielleicht um das Geräusch zu beobachten und eine Antwort vorzubereiten", vermuten die Forscher. Danach hätten die Tiere mit der Schwanzflosse geschlagen und seien fortgeschwommen. Anschließend seien sie ungewöhnlich lange getaucht und nur langsam wieder an die Wasseroberfläche aufgestiegen. Dabei verzichteten die Tiere sogar zeitweilig auf ihr Echolot, sie suchten also länger als sonst nicht nach Nahrung.

Erhebliche Nahrungseinbuße

Die zweite Studie verlief ähnlich, allerdings untersuchten die Forscher das Verhalten von 17 Blauwalen. Diese Wale zählen zu den Bartenwalen und gelten der Weltnaturschutzunion IUCN zufolge als stark gefährdet. Die Tiere waren in verschiedene Gruppen aufgeteilt, die unterschiedlichen Sonarwellen ausgesetzt wurden. Deswegen seien die Reaktionen der einzelnen Tiere sehr verschieden gewesen, berichten die Forscher.

Bei einem Versuch stellten sie beispielsweise fest, dass einem Wal viel Nahrung entgeht, wenn ihn ein Sonargeräusch ablenkt: "Wir haben eine Futtermenge von 19 Kilogramm Krill pro Minute vor dem Geräusch kalkuliert. Nachdem das Tier dem Sonar ausgesetzt wurde, unterbrach es seine Nahrungssuche für 62 Minuten", sagen die Forscher. Mehr als eine Tonne Krill habe der Wal während dieses Antwortverhaltens eingebüßt.

Dass sich das Tier mehr bewege und gleichzeitig weniger fresse, bedeute, dass es nicht genügend Energie zu sich nehme, warnen die Wissenschaftler. Sie befürchten: Wenn das wiederholt passiere, wäre der Wal nicht mehr so fit – und strande dann vielleicht eher.

dal/dpa

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Das Einrammen von Pfahlgründugen für Bohrinseln...
pubsfried 03.07.2013
...und Offshore-Windkraftwerken ist mit bis zu 180dB wohl noch wesentlich lauter und kann durch die Druckwellen tödlich für Meerestiere sein oder ihre Sinnesorgane zerstören!
2.
dkR 03.07.2013
Zitat von pubsfried...und Offshore-Windkraftwerken ist mit bis zu 180dB wohl noch wesentlich lauter und kann durch die Druckwellen tödlich für Meerestiere sein oder ihre Sinnesorgane zerstören!
Schnickschnack, Deutschland rettet damit die Welt, nicht die Wale. Koste es, was es wolle.
3.
NxEaOn 03.07.2013
Wobei sich dies örtlich und zeitlich stark eingrenzen lässt, da es "nur" beim Errichten der Pfeiler entsteht. Die Sonar-Problematik scheint mir da deutlich umfassender zu sein, auch wenn sie keine direkte Schädigung verursacht.
4. optional
derigel3000 03.07.2013
Ja dann sollten wir sofort und weltweit SÄMTLICHE Schiffsbewegungen RÜCKWIRKEND zum 1. Januar einstellen, damit die armen Wale wieder fressen können.
5. das haben
sangerman 03.07.2013
japanische Wissenschaftler nach dem Verzehr von Walfleisch herausgefunden!
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Was ist Sonar?
Die Technologie
Sonar ist eine Messtechnik, die auf der Aussendung und Ortung von Schallwellen basiert. Dazu geben die Sonargeräte Schallwellen ab - sogenannte Pings - und fangen ihr Echo wieder auf. Aus der Zeit, die zwischen Aussendung und Empfang der Schallwellen vergeht, lässt sich die Entfernung zu einem Objekt errechnen.
Der Einsatz
Sonar wird vor allem vom Militär verwendet, beispielsweise um Gebiete zu vermessen oder um feindliche U-Boote aufzuspüren. Auch bei der Ölsuche im Meer kommt die Technologie zum Einsatz. Das Problem: Beinahe zeitgleich zu Sonarexperimenten kommt es immer wieder zu Massenstrandungen von Meerestieren.
Die Probleme
Meeressäuger nutzen die Schallwellen zur Orientierung und Beutesuche - sowie zur Kommunikation miteinander. In den letzten Jahren strandeten weltweit immer wieder anscheinend orientierungslose Gruppen von Delfinen oder Walen an den Küsten. Viele Wissenschaftler und Umweltschützer glauben, dass der zunehmende Unterwasserlärm bei den Tieren Gehörschäden verursacht.