Anstehende Sonnenfinsternis Es wird dunkel über Europa

Die Teil-Sonnenfinsternis der kommenden Woche stellt Stromnetzbetreiber vor Herausforderungen. Bei klarem Himmel müssen sie große Schwankungen im Stromnetz ausgleichen. Nach SPIEGEL-Informationen könnte das teuer werden.

Totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999: Völlig dunkel wird es am 20. März nur über dem Nordatlantik
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Totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999: Völlig dunkel wird es am 20. März nur über dem Nordatlantik


Pünktlich zum astronomischen Frühlingsanfang am 20. März erleben Menschen in Deutschland und anderen europäischen Ländern eine partielle Sonnenfinsternis. Ein solches Naturspektakel könnte sich auch - je nach Wetterlage - auf die Stromversorgung auswirken und nach SPIEGEL-Informationen Millionenkosten verursachen. Der Grund ist der massive Ausbau der Solarenergie in den vergangenen Jahren.

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Heft 12/2015
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In einem etwa 400 Kilometer schmalen Streifen auf dem Nordatlantik wird es am kommenden Freitag für etwas mehr als zwei Minuten komplett dunkel. In Europa, Nordafrika, dem Mittleren Osten, dem westlichen Asien und auf Grönland ist das Ereignis als Teilfinsternis zu sehen, bei der die Sonnenscheibe unterschiedlich stark vom Mond verdunkelt wird. Auf einer interaktiven Karte der US-Weltraumbehörde Nasa kann man herausfinden, wie dunkel es am eigenen Standort wird.

Netzbetreiber bereiten sich gezielt auf das Ereignis vor. Schwankungen im Stromnetz sind - je nach Wetterlage - während der Sonnenfinsternis nicht ausgeschlossen. "Wir sind angespannt", sagt ein Sprecher des nordostdeutschen Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz.

Grund hierfür sind die 39.000 Megawatt an installierter Solarleistung. Zwischen 9.30 und 12 Uhr werden in Deutschland bis zu 82 Prozent der Sonne verdeckt sein. Wenn es bewölkt ist, dürfte es ein eher entspannter Tag werden in den Leitzentralen der vier Übertragungsnetzbetreiber. Sie steuern die großen Trassen in Deutschland und müssen notfalls Reservekraftwerke zum raschen Anfahren verpflichten. Bei freiem Himmel könnte es dagegen hektischer zugehen.

Plötzlicher Stromanstieg möglich

Es gibt zwei spannende Momente. Am Anfang der Sonnenfinsternis rechnen die Netzbetreiber mit einem Rückgang der Solareinspeisung um bis zu 12.000 Megawatt. Nach Ende des kosmischen Schauspiels erwarten sie - das ist weit brenzliger - eine plötzlich wieder dazukommende Einspeisung von 19.000 Megawatt aus den weit über eine Million Solaranlagen in Deutschland. Der Grund für den deutlichen Unterschied: Die Sonne steht zur Mittagszeit höher, das erhöht die solare Stromproduktion.

19.000 Megawatt entspricht der Leistung von rund 14 großen Atomkraftwerken. Wenn mit einem Mal so viel Strom in die Netze gelangt, müssen konventionelle Kraftwerke im Gegenzug umgehend heruntergefahren werden - eine Herausforderung für die Betreiber. Insbesondere große Industriezentren sind auf eine sichere, störungsfreie Stromversorgung angewiesen.

Der komplizierte Eingriff ins Stromnetz könnte rund fünf Millionen Euro kosten, wie der SPIEGEL in seiner neuen Ausgabe berichtet. Bezahlen werden das am Ende die Verbraucher über die Netzentgelte. Dieses Szenario droht allerdings nur, wenn die Sonne scheint; ist es während der Finsternis bewölkt oder regnet es gar, passiert so gut wie nichts, da die Solaranlagen dann ohnehin kaum Strom liefern.

Negative Strompreise durch Überangebot

Diverse Risikostudien sind im Vorfeld der Sonnenfinsternis erstellt worden. Die vier großen Netzbetreiber dürfen sich nun statt 3500 Megawatt an sogenannter Regelenergie für Engpasssituationen für den Tag der Sonnenfinsternis mit 4500 Megawatt Regelenergie eindecken. Das ist die Reservekapazität, die dafür verpflichtete Kraftwerke sofort liefern müssen, um Netzschwankungen zu kompensieren. Bestimmte Kraftwerke könnten in Notsituationen viel Geld verdienen.

Wenn die Sonnenfinsternis zu Ende ist, könnte es wegen der zurückkehrenden Solareinspeisung durch zu viel Angebot aber auch zu negativen Strompreisen kommen: Wer den Strom zur Entlastung der Netze abnehmen kann, bekommt noch Geld obendrauf.

Um die Schwankungen abfangen zu können, werden mehr Mitarbeiter als üblich die Netzstabilität überwachen. Sie sind durch die je nach Wetter schwankende Einspeisung von Solar- und Windenergie an Schwankungen im Netz gewöhnt, der Ökostromanteil liegt bundesweit heute bereits bei 26,2 Prozent. "Wir sind vorbereitet", sagt Boris Schucht, der Chef von 50Hertz.

Astronom rät zu "Sofi-Brillen"

Wer die Sonnenfinsternis beobachten will, sollte das auf keinen Fall ohne Schutz tun - Augenschäden bis hin zur Blindheit drohen. Der Astronom Hans-Ulrich Keller vom Planetarium Stuttgart rät zum Gebrauch von "Sofi-Brillen", die im Fachhandel erhältlich sind, oder zum Besuch von Sternwarten. "Eine Sonnenbrille oder gerußte Gläser als Schutz reichen nicht." Denn dringt das Licht der Sonne ungehindert ins Auge, trifft es mit hoher Energie auf die Netzhaut.

Die nächste Beobachtungschance für eine partielle Sonnenfinsternis in Deutschland gibt es am 25. Oktober 2022. Eine totale Sonnenfinsternis findet über Europa erst wieder am 12. August 2026 statt, über Deutschland erst am 3. September 2081.

Dave Whyte

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jme/dpa

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insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
deuro 13.03.2015
1. Aufwand? Ja
aber jede KWh, die wir nicht an die Scheichs oder die Russen bezahlen müssen, ist mehr wert.
trebis 13.03.2015
2. Falscher Eindruck vermittelt
Nach Ende der partiellen Sonnenfinsternis werden nicht 'plötzlich' 19.000 Megawatt durch Solarpanele eingespeist, sondern es findet ein langsamer Anstieg über eine Stunde statt. Es sei denn, der Mond würde sich - anstatt weiter zu wandern - während der maximalen Abdeckung plötzlich in Luft auflösen.
Ein_denkender_Querulant 13.03.2015
3. Ein kaum lösbares Problem ....
Die Sonne ist nicht spontan weg und wieder da, sondern es dauert jeweils ca. 30min. Wenn man sich die morgendlichen Schwankungen ansieht, wenn im Sommer mit sehr geringen Nachtstrombedarf um 6:00 die Industrie die Maschinen hochfährt, kann man sich entspannt zurücklehnen. Aktuell sind die Strombetreiber verwöhnt, weil im Sommer die Solarzellen die grobe Regelarbeit erledigen und im Winter der Nachtstrom viel höher ist. Aber gut, wieder mal eine unnötige und belustigende Panikmeldung der Stromversorger. Es fehlt noch die Frage "Werden wir alle sterben?"
mannausbonn 13.03.2015
4. negativen Strompreise ...
die hätte ich auch gerne ... wobei mir ja schon der strompreis von den strombörsen reichen würde! es ist halt wie immer leben ... "karl arsch", äh, der bürger zahlt die zeche ... immer und immer wieder!
knuty 13.03.2015
5.
Wenn man von der Sonne nicht geblendet wird, kann man auch nicht die Sonne sehen.
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