SPIEGEL Jahres-Chronik 2009 Wachsende Gefahr

Die globale Erwärmung erreicht auch das Bewusstsein der Bundesbürger. Millionen Deutsche bekommen die Folgen des Klimawandels bereits zu spüren.

DPA

Von Jochen Bölsche


In schneeweißem Schutzanzug mit Kapuze und Atemschutzmaske schlägt sich der Spezialtrupp der Bundeswehr durchs bayerische Unterholz. Der gespenstisch anmutende Erkundungseinsatz in freier Wildbahn gilt einem Feind mit acht Beinen und einer gefährlichen Waffe.

Die Männer vom Münchner Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, das eigentlich zur Abwehr exotischer Seuchen und bioterroristischer Angriffe gegründet worden ist, machen regelmäßig Jagd auf heimische Zecken. Als Überträger tückischer Krankheiten wie Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) oder Borreliose gefährden die blutsaugenden Parasiten die Soldaten - und nicht nur die: Alljährlich erkranken rund 327.000 Bundesbürger durch Zeckenspeichel an Borreliose, einer Krankheit, deren Therapie laut Umweltbundesamt (UBA) "oft langwierig und nicht immer erfolgversprechend" ist.

Das Risiko wächst. In diesem Jahr, berichtet Oberfeldarzt Gerhard Dobler, habe sein Trupp binnen zwei Stunden 350 Zecken gesammelt, doppelt so viele wie noch im Vorjahr zur selben Zeit. Obendrein zeigten Analysen, dass die blutrünstigen Spinnentiere heuer ungleich stärker mit Viren verseucht seien als 2008.

Der Zeckenalarm ist vermutlich eine Folge des Klimawandels

Wie in Bayern ist Ixodes ricinus, besser bekannt als Gemeiner Holzbock, auch anderswo auf dem Vormarsch. Früher war die Gefahr einer FSME-Infektion, die eine im Extremfall tödliche Hirnhautentzündung auslösen kann, überwiegend auf Süddeutschland und auf Regionen unterhalb von 800 Metern begrenzt. Doch seit langem weitet sich die Risikozone stetig aus - gen Norden sowie in Höhenlagen bis zu 1500 Metern.

In Baden-Württemberg, warnt die Stuttgarter Umweltministerin Tanja Gönner, sei das FSME-Infektionsrisiko durch Zeckenstiche binnen zehn Jahren um das Zehnfache gestiegen. "Klare Indizien", meldet das Nationale Referenzlabor für Zeckensticherkrankungen in Jena, deuteten auf die Ursache: den Klimawandel, der mit feuchtwarmen Wintern die Blutsauger begünstigt.

Wie der Zeckenalarm hat eine Fülle ähnlicher Inlandsnachrichten im Vorfeld der Kopenhagener Klimakonferenz den Deutschen eine bedrückende Einsicht vermittelt: Die globale Erwärmung betrifft nicht nur Eisbären in der Arktis oder Bewohner ferner Atolle, sondern auch sie selbst. Zwar scheint in den letzten Jahren der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur ins Stocken geraten zu sein; Wissenschaftler machen dafür die schwankende Sonnenstrahlungsaktivität und veränderte pazifische Tiefenwasserströme verantwortlich. Europa jedoch gehört weiterhin zu den Regionen im Plusbereich.

Die Gefahr von Überflutungen entlang der Nordseeküste wächst

Wohl nie zuvor haben so viele Berichte über bedrohte Nordseedeiche und versiegende Wasserläufe, über gefährdete Ernten oder bislang unbekannte Schädlinge verdeutlicht, was die Erhöhung der Durchschnittstemperatur in der Bundesrepublik um 0,9 Grad im letzten Jahrhundert schon bewirkt hat - und was die vorhergesagte Steigerung um 1,5 bis 3,5 Grad bis 2100 noch alles heraufbeschwören könnte.

Beigetragen zum Bewusstseinswandel haben sicherlich massenwirksame Fernsehbilder - etwa von Angela Merkel, die schon 2008 im knallroten Anorak vor den schmelzenden Gletschern Grönlands posierte, oder spektakuläre Szenen wie der Unterwasser-Auftritt des Kabinetts der vom Untergang bedrohten Malediven, das im Oktober im Taucheranzug einen Appell zur Schadstoffreduzierung verabschiedet.

Noch näher gehen vielen Deutschen aber wohl Debatten über Inlandsrisiken, beispielsweise die wachsende Gefahr von Überflutungen entlang der Nordseeküste - durch die Ausdehnung der erwärmten Wassermassen, durch das beschleunigte Abschmelzen der Polkappen und durch häufigere Nordweststürme, die das Meerwasser immer tiefer in die trichterförmige Deutsche Bucht pressen.

"So etwas wie Deutschlands Malediven"

Noch vor drei Jahren hatten Politiker Forderungen nach einer Erhöhung aller Deiche unter Hinweis auf Sparzwänge und auf die "unsichere Datenbasis" (so Niedersachsens Forschungsstelle Küste) zurückgewiesen. Für die hannoversche CDU/FDP-Landesregierung, so spottete damals die oppositionelle SPD, finde der Klimawandel offenbar "nur in China und Indien" statt.

Mittlerweile hat sich auf breiter Front die Ansicht durchgesetzt, dass vor allem die Nordseeküste mit ihren flachen Halligen "so etwas wie Deutschlands Malediven" ("Zeit Wissen") darstellt. Schleswig-Holstein, wo langfristig 350000 Tieflandbewohner durch den Meeresspiegelanstieg gefährdet sind, sieht sich, so der Geesthachter Klimaforscher Hans von Storch, nun vor der Alternative, "die Deiche zu erhöhen oder den einen oder anderen Polder im Extremfall volllaufen zu lassen".

Mittlerweile hat das meerumschlungene Bundesland für seine Deiche schon mal einen Klimazuschlag von 50 Zentimetern ( Nordsee) beziehungsweise 30 Zentimetern (Ostsee) beschlossen.



insgesamt 1615 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eigentlicher_Schwan 28.11.2009
1.
Zitat von sysopIn Deutschland verursacht jeder Bürger im Durchschnitt Emissionen von zehn Tonnen pro Jahr. Die Politik versucht auf internationale Abkommen hinzuwirken, doch sind auch die Bürger bereit zum Konsumverzicht, um das Klima zu schützen? Diskutieren Sie mit!
Es gibt "sottige un sottige". Manche wollen zwar, aber können noch nicht. Wenn man sich als Fahrradfahrer die Gestalten hinter den SUV-Lenkrädern so anschaut, merkt man aber oft, dass die ganz schön verzweifelt sind mit ihrer Kaufentscheidung :))
Meerkönig 28.11.2009
2.
Zitat von sysopIn Deutschland verursacht jeder Bürger im Durchschnitt Emissionen von zehn Tonnen pro Jahr. Die Politik versucht auf internationale Abkommen hinzuwirken, doch sind auch die Bürger bereit zum Konsumverzicht, um das Klima zu schützen? Diskutieren Sie mit!
Wie soll durch Konsumverzicht das Klima geschützt werden, zumal ja in Kürze sogar ein Konsumbeschleunigungsgesetz verabschiedet werden soll? Beschleunigung kostet immer Energie und verbrannte Energie erzeugt unerwünschte Emissionen.
Dr_Lecter 28.11.2009
3. Komsumgesellschaft
Zitat von sysopIn Deutschland verursacht jeder Bürger im Durchschnitt Emissionen von zehn Tonnen pro Jahr. Die Politik versucht auf internationale Abkommen hinzuwirken, doch sind auch die Bürger bereit zum Konsumverzicht, um das Klima zu schützen? Diskutieren Sie mit!
Ich selber kaufe weitgehend nur die wirklich nötigen Dinge. Man könnte zwar sicher noch mehr machen, aber ich denke, dass ich zu den 25% in der Bevölkerung gehöre, die die Umwelt am wenigsten belasten. Obwohl ich mir durchaus einen hohen Konsum leisten könnte, benutze ich alles so lange, bis es funktionsuntüchtig geworden ist. Die meisten Menschen kaufen aber ständig irgend welchen Mist und jeweils alle Neuheiten auf dem Markt. Der Mensch langweilt sich und hat Angst, was zu verpassen. Ich glaube also nicht, dass die Menschen bereit sind - zumal die nachwachsende Generation schon Konsumsüchtig ist - auch nur auf einen Teil zu verzichten. Im Gegenteil, sie wollen mehr und mehr und mehr (Gehirnwäsche durch Werbung). Was die Politik angeht, ist das alles Augenwischerei. Der Konsum wird angeheizt, gefördert und als Maß aller Dinge beschworen.
Hackel39 29.11.2009
4. Sind sie nicht
Zitat von sysopIn Deutschland verursacht jeder Bürger im Durchschnitt Emissionen von zehn Tonnen pro Jahr. Die Politik versucht auf internationale Abkommen hinzuwirken, doch sind auch die Bürger bereit zum Konsumverzicht, um das Klima zu schützen? Diskutieren Sie mit!
Auf keinem Fall wird es in Deutschland eine flächendeckende Initiative zum Schutz der Umwelt oder dem sparsamen Umgang mit Ressourcen aus der eigenen Einsicht heraus geben. Das ist einmal mehr nur mit der Keule, z.B. dem EEG zu schaffen. Die Deutschen sind Weltmeister der Lippenbekenntnisse und wenn es darauf ankommt, selbst Opfer zu bringen, geht alles in Deckung. Wenn ein Blödmann sagt, daß dieses oder jenes Windrad den Horizont verschandelt, findet er 100 Blödmänner, die das ungeprüft nachplappern und überhaupt hat die erhöhte Einspeisevergütung für Solarstrom durch gesetzlichen Druck nur eine marginale Bedeutung für den Warenkorb. Falls hier irgendjemand für 9 ct/kWh Strom bezieht, dann bitte melden, so viel gibt es für den Windstrom und falls irgendjemand meint, daß Windkraftanlagenbetreiber Ausbeuter sind, so kann er selbst ab 5000 Euro bereits Anteile kaufen und wird sich wundern, wie schnell er damit reich wird. Das gleiche gilt für das hauseigene Solarkraftwerk auf dem Dach, da kostet jedes installierte Kilowattpeak ca. 3200 Euro, ab da wird bereits gefördert. Einfach mal Allgäu statt Amerika als Urlaubsziel und ca. 500-600 Euro extra kassieren, und diesmal nicht vom Staat sondern von den wahren Profiteuren einer zukunftsfähigen Energiewirtschaft und einer sauberen Umwelt- den Bürgern selbst. Doch dazu fehlt es sowohl an Disziplin als auch an Verantwortungsbewußtsein, da wimmert man lieber wegen ständig steigender Belastungen herum, ich hatte sogar einmal einer nicht gerade wohlhabenden Familie angeboten, ihre Dachfläche für die Installation einer ca. 6 kWp starken Photovoltaikanlage anzumieten gegen eine Beteiligung am Ertrag von 5 %, ca. 150-200 Euro pro Jahr x 20 Jahre= 3500 Euro- für nichts. Man wollte sich nicht die Hausansicht verschandeln und das zieht sich wie ein roter Faden durch alle gleichartigen Themen, da will ich von heute mangels Nachfrage stillgelegten Bahnstrecken und den inzwischen angestimmten Klageliedern wegen dieses Verlustes gar nicht anfangen, ich konstatiere aber sehr wohl, daß es die Verursacher selbst getroffen hat, z.B. eine potentielle Urlaubsregion (Beispiel hier die Unstrutbahn/ S.-Anhalt) oder zukünftiges Kalifördergebiet. Bevor man beispielsweise eine angrenzende Nebenbahn stillgelegt hat (Zufahrt aus Querfurt zur Unstrutbahn), hat man wegen der (Lippen)Bekenntnisse der potentiellen Fahrgäste aus dem Einzugsgebiet ("würden ja fahren bei besseren Angebot") die Taktfrequenz über eine komplette Fahrplansaison erhöht ohne eine Steigerung der Fahrgastzahlen eingetreten ist.
Mocs, 29.11.2009
5.
Zitat von Dr_LecterIch selber kaufe weitgehend nur die wirklich nötigen Dinge. Man könnte zwar sicher noch mehr machen, aber ich denke, dass ich zu den 25% in der Bevölkerung gehöre, die die Umwelt am wenigsten belasten. Obwohl ich mir durchaus einen hohen Konsum leisten könnte, benutze ich alles so lange, bis es funktionsuntüchtig geworden ist. Die meisten Menschen kaufen aber ständig irgend welchen Mist und jeweils alle Neuheiten auf dem Markt. Der Mensch langweilt sich und hat Angst, was zu verpassen. Ich glaube also nicht, dass die Menschen bereit sind - zumal die nachwachsende Generation schon Konsumsüchtig ist - auch nur auf einen Teil zu verzichten. Im Gegenteil, sie wollen mehr und mehr und mehr (Gehirnwäsche durch Werbung). Was die Politik angeht, ist das alles Augenwischerei. Der Konsum wird angeheizt, gefördert und als Maß aller Dinge beschworen.
Na sieh mal einer an - da sind wir schon zwei. Und wenn ich mich bei utopia.de so umschaue, gibt es da noch ein paar mehr... Gesamtgesellschaftlich wird das aber nie was werden - zu massiv ist die Werbung, zu heftig der Konsumwahn, zu groß der andressierte Egoismus - und die zielgerichtete Verdummung durch das Privatfernsehen unterdrückt jegliche Reflektion des eigenen Handelns. Schade eigentlich....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.