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Warum Tiere spielen: So ein Unfug. Macht aber Sinn

Spielende Tiere: Pure Freude am Leben Fotos
REUTERS

Paviane ärgern Kühe, Schildkröten machen Tauziehen: Forscher beobachten zweckfreies Verhalten bei vielen Tieren. Für einen Jux begeben sie sich sogar in Gefahr. Warum tun sie das?

Die Sache erscheint paradox: Spaß zu haben, scheint weit weniger lebensnotwendig zu sein als Nahrung oder Schlaf. Warum die Evolution dennoch etlichen Tieren die Fähigkeit verlieh, sich prächtig zu amüsieren, damit befasst sich das Fachmagazin "Current Biology" gerade in einer Sonderausgabe. Wohl am besten bekannt sei die Spielfreude von Hunden, schreibt Chefredakteur Geoffrey North. Doch auch weit einfacher gestrickte Lebewesen sind zu Amüsement fähig.

Spaß und Spiel ermöglichten es Tieren, Fähigkeiten in relativer Sicherheit zu erwerben und zu verbessern, schreibt Richard Byrne von der Universität St Andrews in einem Essay. Für junge Steinböcke sei es zwar riskant, aus Jux über steile Berghänge zu toben - für die spätere Flucht vor Räubern aber sei dies eine gute Schule. Und dieser Vorteil überwiege.

Auch für das soziale Miteinander sei das Spielen zum Spaß wichtig: Pavian-Jungs rauften sich gern mit ihresgleichen und trainierten so für den Kampf um sozialen Status in der Gruppe. Pavian-Mädchen hingegen spielten lieber mit dem Nachwuchs hochrangiger Weibchen, der zum idealen - weil ebenfalls hochrangigen - Verbündeten heranwachse.

Zumindest beim Menschen spiele ein weiterer Faktor eine Rolle: die Kreativität. Spielen aus Spaß erweitere das mentale Repertoire und ermögliche Konzepte und Verknüpfungen, die es unter realen Bedingungen gar nicht gebe.

Eine wichtige Voraussetzung dafür, etwas lustig zu finden, sei in vielen Fällen, sich in andere hineinversetzen zu können, erklärt Byrne. Dies gelte etwa beim Erzählen eines Witzes - aber auch bei Neckereien. Paviane etwa seien dabei beobachtet worden, wie sie Kühe ärgerten, indem sie an ihren Schwänzen zogen - wenn diese hinter einem Zaun standen und nicht angreifen konnten. "Necken macht uns Spaß, weil wir erfassen, wie sich das Opfer fühlt."

Sieht aus wie Spiel, ist aber Kampf

Als wahre Frohnaturen würden vom Menschen oft Delfine empfunden, in deren Gesicht ein ewiges - von den Tieren unbeeinflusstes - Lächeln stehe, schreibt Vincent Janik von der Universität St Andrews in seinem Beitrag. Auch die Schwimmsprints und Luftsprünge von Delfinen sähen nach viel Spaß aus - oft finde stattdessen aber ein ernster Kampf statt. Der Sprung beim Sprint diene dann dem schnellen Luftholen oder manchmal auch dazu, dem Gegner einen Schlag mit der Fluke zu verpassen.

Andere Verhaltensweisen seien wohl eher Spiel, das Surfen auf den Bugwellen vorbeifahrender Schiffe zum Beispiel. Auch dabei seien allerdings alternative Erklärungen denkbar - etwa die Selbstdarstellung als fitter Geschlechtspartner, erläutert Janik. Ausgeprägt sei bei den Tieren das Spiel mit Objekten, neben Seegras und Sand gern auch mit Fischen oder Schildkröten. Die Vielfalt der Spielereien sei bei Delfinen immens, die dafür investierte Zeit aber gering, schreibt Janik weiter. Für Große Tümmler der Bahamas etwa sei gezeigt worden, dass sie nur 0,6 Prozent ihrer Zeit dem Spiel mit Objekten widmeten, bei in Gefangenschaft gehaltenen Artgenossen seien es 1,6 Prozent.

Eine gängige Definition für "Spiel" beinhaltet gleich mehrere Kriterien:

  • Mit der Handlung wird keine bestimmte Funktion voll erreicht.
  • Sie tritt spontan und wiederholt auf.
  • Sie unterscheidet sich von Verhalten mit ernsthaftem Ziel.
  • Und sie wird nur in stressfreier Umgebung initiiert.

Spielspaß sei lange nur intelligenten Säugetieren wie Affe, Hund, Elefant, Otter oder Bär zugestanden worden, zudem einigen Vögeln wie Papagei und Krähe, ergänzt Gordon Burghardt von der University of Tennessee in Knoxville. Meist werde der Begriff aus stark vermenschlichender Sicht interpretiert. Für Welpen und Kätzchen möge das funktionieren - für spielende Fische aber nicht. Denn Fische seien - wenn auch äußerst selten - zum Beispiel beim Überspringen von Hindernissen und dem Schlagen gegen einen Ball beobachtet worden.

"Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage"

Auch bei Fröschen sei ein als Spiel interpretierbares Verhalten beobachtet worden, schreibt Burghardt. Die sozial lebenden Goldbaumsteiger lieferten sich gern - und offensichtlich zweckfrei - kurze Ringkämpfe. Andere Frösche seien dabei gesehen worden, wie sie auf den ausströmenden Luftblasen am Boden ihres Aquariums ritten.

Dinge zum Spaß zu machen, sei auch Reptilien nicht fremd: Komodowarane wirkten beim Spiel mit alten Schuhen oder Bällen wie Hunde. Afrikanische Weichschildkröten schubsten Flaschen und anderes Treibgut über die Wasseroberfläche und nutzten Schläuche zum Tauziehen. Und gewaltige Salzwasserkrokodile habe man schon mit einem Basketball herumtollen sehen. "Spiel wird oft bei den intelligentesten und anpassungsfähigsten Tieren gefunden, auf sie beschränkt ist es aber nicht", lautet Burghardts Fazit.

Bei den Wirbellosen sei eine Art Spiel nur von Oktopussen bekannt, ergänzt Sarah Zylinski von der Universität Leeds in "Current Biology". Bekomme ein Gemeiner Krake ein neues Objekt vorgesetzt, gehe sein Verhalten von einem erkundenden "Was ist das?" in ein spielerisches "Was kann ich alles damit machen?" über. Pazifische Riesenkraken wiederum stoßen Objekte mit dem Wasserstrom ihres Siphons herum.

Immer wieder seien satte Kraken zudem beim Spiel mit potenzieller Beute beobachtet worden - ähnlich dem einer Katze mit einer Maus. "Ok, aber haben sie Spaß dabei?", fragt Zylinski. "Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage." Schon beim Menschen sei das Spaßempfinden eine höchst subjektive Angelegenheit, auf das Gefühlsleben eines Oktopus zu schließen, sei geradezu unmöglich.

chs/dpa

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Pinguine
Tom Joad 11.01.2015
Es gab mal in einer Doku eine Szene, in der Pinguine immer wieder auf einen vereisten Hügel gestiegen sind, um dann auf der anderen Seite wieder herunterzurutschen. Das lässt sich wohl kaum mit Training oder Kampf erklären. Die hatten einfach Spaß am Schlittenfahren!
2. Der dressierte Fisch
talktalk 11.01.2015
Habe selten so gelacht, wie beim Lesen dieses Artikels. Egal welche Tierart auch immer, Tiere spielen nicht aus Freude oder anderen menschlichen Beweggründen. Tiere handeln aus Instinkt oder.anerzogener, dressierter Handlungen. Der Mensch meint Freude zu erkennen, so zB bei einem schwanzwedeldem Hund. Solche Verhaltensweisen zeigen die Unterwerfung, auch in Freiheit, ich komme in Frieden, du kannst über mich bestimmen. Alles aus der Evolution entstandenen Verhaltensweisen. Der einzige Intelligenznachweis, sind die Fähigkeit zu denken und eigenständig Entscheidungen zu treffen und sich Mit Sprache zu unterhalten. Alles andere ist Wunschdenken realitätsverlustigter Tierquäler.
3. Wer denkt, dass Tiere nicht fühlen können….
lemmy 11.01.2015
Tiere haben ähnliche Gefühle wie Menschen. So subjektiv es bei Menschen ist, so verhält es sich auch bei Tieren. Das Ganze wissenschaftlich zu untermauern ist nur begrenzt möglich. Beim Menschen können spezielle Wissenschaftler Gehirnaktivitäten und entsprechende Stoffwechselvorgänge zuordnen. Aber was soll das schon ? Das Gefühl "Liebe" auf schlichte Hormonaktivitäten zu reduzieren, damit kann sich auch nicht jeder wirklich anfreunden. Und im übrigen: Wer selbst Tiere hat, der kann bestätigen, dass Tiere Trauer, Schmerz, Angst, Freude und Spaß empfinden und auch entsprechend ausdrücken. Und spielen ? Das hat bei Tieren den gleichen Sinn wie bei Menschen: Es macht Spaß, trainiert Verhaltensweisen und verstärkt körperliche und kognitive Fähigkeiten. Und ganz nebenbei: es ist schön und gehört zum Leben dazu, liebe Wissenschaftler.
4. Einspruch
timi_moon 11.01.2015
Zitat von talktalkHabe selten so gelacht, wie beim Lesen dieses Artikels. Egal welche Tierart auch immer, Tiere spielen nicht aus Freude oder anderen menschlichen Beweggründen. Tiere handeln aus Instinkt oder.anerzogener, dressierter Handlungen. Der Mensch meint Freude zu erkennen, so zB bei einem schwanzwedeldem Hund. Solche Verhaltensweisen zeigen die Unterwerfung, auch in Freiheit, ich komme in Frieden, du kannst über mich bestimmen. Alles aus der Evolution entstandenen Verhaltensweisen. Der einzige Intelligenznachweis, sind die Fähigkeit zu denken und eigenständig Entscheidungen zu treffen und sich Mit Sprache zu unterhalten. Alles andere ist Wunschdenken realitätsverlustigter Tierquäler.
Wenn man gesehen hat, wie Raben eine verschneite Dachfläche runter rodeln, dann sieht man auch den Spaß, den sie daran haben. Ihr Schwanz wedelnder Hund ist ein Ergebnis menschlicher Zucht. Also hier erst mal ein schlechtes Beispiel. Seit wir mehr und mehr über tierisches Verhalten in Erfahrung bringen, kommen mehr und mehr Parallelen zu menschlicher Aktion und Interaktion zum Vorschein. Das ist auch nur logisch. Schließlich sind wir nur ein Evolutionsprodukt, auf der Basis von tierischen Vorgängern. Wer weiß denn, ob beim Spiel nicht Entspannungswellen durchs Gehirn laufen und dann doch evolutionäre Vorteile bringen. Oder ob mit spielerischer Erforschung der Umwelt, nicht auch Erkenntnisgewinn und Training der eigenen Fähigkeiten erreicht werden können. So tief sind wir noch nicht in der Erforschung von tierischem Verhalten, dass wir genau bestimmen könnten, wozu etwas gut sein soll. Wir haben eben eine anthropozentrische Sicht darauf. Schließlich ist auch menschliches Spielen nie zweck- oder sinnfrei. Ob sich zwei Jungs spielerisch kämpfend über den Fußboden rollen oder das Gleiche zwei Katzenkinder tun ... wo ist da der Unterschied? Ach ja Sprachen... dass Tiere nicht über Sprachen verfügen ist ein Statement der Ignoranz. Bei Orcas wurden schon Dialekte festgestellt, die innerhalb einer Sippe erlernt werden. Ob und was sie bedeuten ist allerdings noch nicht bekannt. Genauso fängt man gerade an, die unterschiedlichen Lautäußerungen von Vögeln zu erforschen. Kein Mensch kann im Moment behaupten sie enthalten, wie unsere Sprache Informationen. Allerdings kann auch keiner das Gegenteil beweisen. Wir wissen es einfach nicht. Lachen Sie ruhig weiter.
5. evolution ernst nehmen
henryboehm 11.01.2015
nimmt man evolution ernst dann ist es doch ganz einfach. wir sind alle tiere. und wenn wir meinen wir sind komplexe und die am weitesten entwickelten (evolutionierten) tiere dann sind primitivere lebensvarianten ja nur einfacher (primitiver). aber entwickelt haben sich unsere angeblich ach so komplexen gefuehle oder unser ach so hohe intelligenz aus den einfacheren (primitiveren) gefuehlen/intelligenz unserer vorfahren. woher den sonst? also koennen wir an unseren vorfahren (tierischer natur) unsere eigene natur (in primitiverer form) wiedererkennen. wo soll es sich den sonst entwickelt haben. und ggf koennen wir an unserer menschlichen arroganz (ueberlegenheitsgefuehle) arbeiten wenn wir uns der evoltion und unserer engen verwandtschaft zum tier bewusster werden. wer hats den "erfunden" wenn sich nicht alles was wir sind aus der evolution heraus entwickelt hat. eben!
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