Spitzbergen Norwegen baut Arche Noah für Pflanzen

Millionen Samenkörner sämtlicher Getreidesorten der Welt wollen Forscher im Permafrost auf der norwegischen Insel Spitzbergen einlagern. Im Falle einer globalen Katastrophe soll die Höhle als Pflanzen-Arche dienen und die Getreidesamen bewahren.


Den globalen Getreidespeicher wollen Wissenschaftler nahe der Stadt Longyearbyen auf Spitzbergen errichten. Ein Gewölbe in einer Eiswand soll rund drei Millionen Samenkörner von sämtlichen Getreidesorten auf der Welt aufnehmen. Der Grundstein für die Arche wurde heute gelegt.

Arche im Eis: Premierminister Finnlands, Norwegens, Schwedens, Islands und Dänemarks bei Grundsteinlegung
AFP

Arche im Eis: Premierminister Finnlands, Norwegens, Schwedens, Islands und Dänemarks bei Grundsteinlegung

Die gekühlten Getreidekörner könnten eines Tages vielleicht lebensrettend für die Weltbevölkerung sein, sagte der norwegische Landwirtschaftsminister Terje Riis-Johansen über die "Arche Noah auf dem Svalbard-Archipel", wie er das Projekt nannte. "Norwegen wird damit zu einem globalen System beitragen, das die Vielfalt von Pflanzen sichert."

Die zurzeit gängigen Getreidesorten könnten zum Beispiel von einem dramatischen Klimawandel oder einer anderen Naturkatastrophe zerstört werden - oder auch infolge eines Atomkrieges oder von Epidemien in der Pflanzenwelt. Dann könnte man auf das Lager bei Longyearbyen zurückgreifen und lebenswichtige Getreidesorten wieder erblühen lassen.

Eisbären als Aufpasser

Wissenschaftlern zufolge sollen die Getreidekörner bei minus 18 Grad aufbewahrt werden, so dass sie für Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre anbaufähig bleiben. Das Gewölbe wird deshalb gekühlt. Wegen der ganzjährig niedrigen Temperaturen auf Spitzbergen, im Sommer werden meist nur minus drei Grad erreicht, sollen die Samen auch einen Ausfall der Kühlanlage überstehen. Allerdings könnten die Temperaturen auf der Insel wegen des Klimawandels langfristig immer häufiger Werte oberhalb des Gefrierpunktes erreichen, wie neue Messungen ergaben.

Das Gelände der Getreide-Arche soll eingezäunt und bewacht werden. Eisbären, die auf Spitzbergen leben, könnten zusätzlich als natürliche Wächter fungieren, hieß es.

An dem Projekt ist der 2004 gegründete unabhängige Global Crop Diversity Trust beteiligt. Dieser will vor allem eine dauerhafte Artenvielfalt von Getreidesorten sicherstellen.

Ein Verlust der genetischen Vielfalt berge Risiken sagte Riis-Johansen. "Wir würden die Möglichkeiten für die Landwirtschaft einschränken, auf neue Herausforderungen wie Klimawandel und Bevölkerungswachstum zu reagieren."

Bedrohte Gendatenbanken

Weltweit gibt es bereits rund 1400 nationale Lagerstätten für Samenkörner. Sie gelten jedoch nicht in jedem Fall als ausreichend sicher. "Gendatenbanken können geschlossen werden, sie sind durch Naturkatastrophen oder Geldmangel bedroht", erklärte der Minister.

Das Gewölbe auf Spitzbergen wird laut Riis-Johansen für die gesamte Menschheit angelegt - die eingelagerten Getreidesamen bleiben allerdings im Besitz der Länder, die sie geliefert haben.

Das Projekt wird bereits seit längerem in Norwegen diskutiert. Vor 15 Jahren waren einige Arten in einem nicht mehr benutzten Stollen auf Spitzbergen eingelagert worden, um zu testen, ob die Samen nach 100 Jahren noch keimen.

hda/AP/Reuters



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