Spitzenforschung Klimawandel und eine mögliche Lösung

Die Klimaforschung erhärtete im Jahr 2005 Vermutungen und lieferte höchst beunruhigende Details. Der Wandel ist in vollem Gange: in den Weltmeeren, in der Atmosphäre und im Untergrund. Gleichzeitig wurde 2005 der Bau eines Kernfusionsreaktors beschlossen - eine mögliche Rettung fürs Weltklima?


Von einem "Crescendo der Beweise" für den menschengemachten Klimawandel auf der Erde sprechen die Redakteure des Wissenschaftsmagazins "Science". Obwohl die Erkenntnisse des Jahres 2005 eher Bekanntes bestätigten oder Details der Auswirkungen abbildeten, zählen sie die gesammelten Daten zum Klimawandel deshalb zu den wichigsten Forschungsergebnissen des Jahres.

Fusionsreaktor Iter: Lösung für Menschheitsprobleme?
ITER

Fusionsreaktor Iter: Lösung für Menschheitsprobleme?

Und tatsächlich hat sich einiges getan: Zusätzliche Belege für die Freisetzung von Kohlendioxid aus dem Boden wurden beispielsweise gefunden. In Großbritannien macht dieser Umbau von gebundenem Kohlenstoff in Treibhausgas eine so große Menge CO2 aus, dass die Resultate der Emissionseinsparungen vollständig ausgeglichen werden.

Meteorologen zeigten zudem, dass extreme Wetterereignisse wie Überflutungen und Wirbelstürme durch die Veränderung des Weltklimas tatsächlich häufiger werden - und wurden durch Hurrikane und Flutkatastrophen auf tragische Weise bestätigt. Die Klimaforscher und Meteorologen nutzen auch die Katastrophen, um ihre Modelle weiter zu verfeinern und zu verbessern - so lassen sich beispielsweise zumindest kurzfristige Ereignisse wie Hurrikane besser vorhersagen und die entsprechenden Maßnahmen zum Schutz der Menschen einleiten.

Beunruhigendes gab es auch immer wieder von den Eisflächen dieser Welt zu berichten: In der Arktis zum Beispiel ist das Eis dünner als je zuvor, allerorten schmelzen Gletscher schneller als je zuvor.

Das Süßwasser, das durch mehr Niederschläge und auch durch das schmelzende Eis ins Nordmeer gelangt, schwächt bereits den Golfstrom ab, wie eine Studie erst kürzlich nachwies: Die Warmwasserheizung Europas droht auszufallen - aufgrund des Wandels, den der Mensch selbst herbeigeführt hat.

Die Auswirkungen der Klimaveränderungen sind schon zu spüren und zu sehen, sei es bei den Wanderrouten australischer Zugvögel, in den Überlebenschancen von Bakterien im Schlamm am Meeresgrund oder in der Festigkeit der Schalen von Muscheln und Plankton.

Die meisten Regierungen, wenigstens der westlichen Industrienationen, haben das Problem erkannt und bekräftigten beim Klimagipfel in Montreal erneut, noch weiter gesteckte Klimaschutzziele erreichen zu wollen. Die US-Regierung aber bleibt weiterhin unbeeindruckt und weigert sich, den internationalen Abkommen beizutreten. Ja sie sorgte sogar dafür, dass Forschungsberichte abgeändert wurden, um die Deutlichkeit der Beziehung zwischen menschlichem Wirtschaften und Klimaveränderung zu verschleiern. Immerhin: Eine Reihe von US-Gouverneuren, darunter auch Arnold Schwarzenegger, wollen sich von der Bundesregierung nicht weiter gängeln lassen und verfügen eigene Klimaschutzziele für ihre Staaten.

Durchbruch 2005: Fusionsreaktor Iter

Das prinzipielle Problem aber, dass unsere Wirtschaften untrennbar verknüpft sind mit der Verbrennung fossiler Brennstoffe und damit mit der Freisetzung von CO2, können auch Abkommen und Anstrengungen nicht aus der Welt schaffen. Einen kleinen Hoffnungsschimmer bietet eine Möglichkeit der Energiegewinnung, die nun definitiv im französischen Cadarache untersucht werden soll. Der knapp 10 Milliarden Euro teure experimentelle Kernfusionsreaktor Iter wird dort gebaut. In ihm soll Energie auf die gleiche Weise erzeugt werden, wie auf der Sonne: durch Fusion von Wasserstoff- zu Heliumkernen.

Der Entscheidung waren jahrelange Streitereien um den Standort der Forschungseinrichtung vorangegangen. Am Ende bekam Frankreich den Zuschlag, vor dem japanischen Ort Rokkasho. Die USA zogen sich zwischendurch, im Jahr 1999, auch schon einmal von dem internationalen Projekt zurück, sind aber seit 2003 wieder dabei.

Gerüchten zufolge ging es bei dem Standortstreit nicht nur um die Wissenschaft: Manche vermuteten, die USA unterstützten Japan gegen Frankreich wegen der Positionen, die die beiden Länder hinsichtlich des Irakkrieges eingenommen hatten. Am Ende einigten sich Japan und Europa untereinander - und, wie es die Redakteure von "Science" formulieren: "Vielleicht bekommt die Welt ja endlich doch einen Fusionsreaktor." Die Einigung jedenfalls betrachtet das Magazin als einen der wissenschaftlichen Durchbrüche des Jahres 2005.

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