Spott im Namen Darwins: Fisch frisst Fisch

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An der Frage von Schöpfung und Evolution entzündet sich der Konflikt zwischen religiösen Fundamentalisten und wissenschaftsorientierten Menschen. Charles Darwin wird zur Identifikations- und Symbolfigur der Skeptiker und Religionsgegner - sie spotten und provozieren in seinem Namen.

Darwinisten gegen Kreationisten: Die Sache mit dem Fisch... Fotos
sethness

Am Sonntag jährt sich der Geburtstag von Charles Darwin zum 203. Mal; ein krummer Geburtstag, kein Jubiläum. Für immer mehr Menschen ist dieses Datum, der "Darwin Day", allerdings ein Tag, den sie alljährlich feiern - als "Hommage an Darwins Beitrag zur Wissenschaft" (Wikipedia).

Erstmals begangen wurde der weltweite, wenn auch informelle Gedenktag 1995 an der Stanford University. Seitdem würdigen vor allem Wissenschaftler Darwins Geburtstag und verstehen das als "Feier der Wissenschaften und der Menschheit", wie es auf der Koordinationsseite der International Darwin Day Foundation heißt - die Seite ist vor allem ein Verzeichnis der weltweiten Veranstaltungen.

Aber braucht man "wissenschaftliche Feiertage"? Ja, meinen die Organisatoren, weil wissenschaftlich fundiertes Denken verbreitet werden müsse. Die Atheisten unter ihnen sehen das sogar als zunehmend notwendiges Gegengewicht zum Übermaß religiösen Denkens im öffentlichen Leben.

Bisher hatten solche Versuche wenig Erfolg. Auch die Bemühungen der Giordano-Bruno-Stiftung scheiterten, Christi Himmelfahrt in Deutschland gesetzlich zum Evolutionstag umwidmen zu lassen. Trotzdem glauben auch immer mehr Nicht-Gläubige, dass es für solche betont säkulären Feiertage einen Bedarf gebe.

Der Humanistische Pressedienst argumentierte in dieser Woche so für den Darwin-Tag: "Feiern sind ein wichtiger Teil jeder Kultur. Sie stellen eine Tradition und eine gemeinsame Bindung (…). Unglücklicherweise basieren die meisten Feierlichkeiten auf antiken Traditionen, die lediglich für ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Kultur relevant sind, und sie (...) bilden weiterhin die Quelle ernster Konflikte."

Genau diesen Gedanken nimmt der Darwin-Tag auf. Die Organisatoren verstehen ihren Versuch, einen internationalen Feiertag zu etablieren, als Akt der Völkerverständigung - über die Grenzen von Ideologien und Religionen hinweg: In einer Welt heftiger Gegensätze sei die wissenschaftliche Erkenntnis etwas Einigendes.

Fundamentalismus: Vormarsch der Gegenaufklärung

Schön wär's: Es gibt immer mehr Menschen, die das völlig anders sehen, und auch für sie ist Darwin ein Symbol. Für religiöse Fundamentalisten ist das wissenschaftliche Weltbild und besonders die Evolutionstheorie mehr als ein Affront - sie ist Gotteslästerung, weil sie religiöse Schöpfungsmythen verneint. So seltsam das klingt, vier Jahrhunderte nach Descartes und 228 Jahre nach Kants Hoffnung, der Mensch werde sich "aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" befreien: Antiwissenschaftliche, fundamentalistisch-religiöse Weltbilder sind auf dem Vormarsch - im islamischen wie christlichen Kulturraum.

Dass bibeltreue Fromme Darwin so erbittert ablehnen, ist nachvollziehbar. Es war seine Evolutionstheorie, die die religiösen Lehren mehr als alles andere in Frage stellte. Dass der Kosmos anders strukturiert war als lange Zeit gepredigt, konnte den Schöpfungsmythos noch nicht grundsätzlich entkräften. Dass aber der Mensch auch nur ein Tier sein sollte, den Gesetzen der Natur unterworfen und alles Leben zudem Produkt evolutionärer Prozesse, das war ungeheuerlich: Es stellte die Notwendigkeit eines aktiv eingreifenden Schöpfers generell in Frage, vor allem aber die quasi-göttliche Sonderstellung des Menschen. Zelle wird Mehrzeller wird einfache Lebensform, wird komplexere Lebensform, entwickelt sich weiter und weiter und weiter? Ein Angriff auf das Fundament des Glaubens!

Dass Darwin seitdem vieltausendfach bestätigt wurde, hat die Fronten nur verhärtet. Der christliche Schöpfungsglaube verträgt sich nicht damit, dass die menschliche DNA mehr mit der eines Schimpansen gemein hat als mit der chemischen Zusammensetzung von Lehm - laut Bibel der Stoff, aus dem Gott einst Adam knetete, aus dem er später Eva klonte. Für Evangelikale ist die Alternative dazu Häresie: die Einordnung des Menschen in die Familie der Primaten. Die antiwissenschaftliche Stimmung schwappt längst auch über den Atlantik und hat Europa erreicht.

Glaubensfragen? Es geht längst um einen politischen Konflikt

In den USA läuft seit drei Jahrzehnten eine auch juristisch geführte Schlacht um die Köpfe der Jugend. Fundamentalisten wollen erreichen, dass denen die Prinzipien der Evolution in Schulen nicht mehr beigebracht werden - und wenn, dann nur als alternatives Modell zur biblischen Schöpfungsgeschichte: Soeben hat sich der republikanische Präsidentschaftskandidaturanwärter Rick Santorum öffentlich für diese "Lösung" ausgesprochen.

In Großbritannien errang dagegen die British Humanist Association einen Punktsieg gegen den Vormarsch der Kreationisten. Dort gelang es, mittels einer von Prominenten wie David Attenborough und Richard Dawkins unterstützten Petition zu erwirken, dass Privatschulen, die Kreationismus statt Evolution lehren, die staatliche Unterstützung entzogen wird.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 780 Beiträge
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1. Warum entweder-oder?
blowup 12.02.2012
Muß man gleich daran glauben, dass die Welt nur 5000 Jahre alt ist, wenn man Darwin kritisiert? Mein Glaube an die alles erklärende Evolutionstheorie a la Darwin hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Ich bin ein ausgesprochener Freund von Natur-Dokus und mit jeder Doku wachsen bei mir die Zweifel, ob Darwin dass alles erklären kann. Ich denke heute, Darwin hat grundsätzlich Recht, aber es gibt mindestens noch einen Faktor, den er nicht berücksichtigt hat und den wir auch heute noch nicht kennen. Für mich geht dieser in Richtung der morphogenetischen Felder nach Sheldrake als eine ordnenden, bzw. verstärkenden, Richtung weisenden Kraft.
2. Atheismus zwingend?
Mastermason 12.02.2012
Die Erkenntnisse der Evolutionstheorie derart aggressiv zu leugnen, wie religiöse Fundamentalisten das gemeinhin tun, ist eine Mischung aus Borniertheit und Angst. Letztere vor allem deshalb, weil die Nichtexistenz einer von Gott inspirierten Schöpfung auch die Nichtexistenz Gottes und damit auch der Erlösung, Wiederauferstehung etc. nach sich zieht. Trotzdem und auch auf die Gefahr, dass man mich in diesem Forum einen romantisierenden Spinner nennt, ist es für mich persönlich schwer, keine ordnende Intelligenz im Universum zu erkennen. Wie sagte (Zitat ohne Gewähr) Werner Heisenberg: „Der erste Schluck aus dem Becher der Erkenntnis führt zum Atheismus, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott“. Ich denke jedoch, dass diese Position nicht zur Leugnung der Evolutionstheorie führen darf, sondern geradewegs in den Agnostizismus. Naja, nach meinem Tod weiß ich mehr...
3. Die Schöpfungsgeschichte
Bundeskanzler Ackermann 12.02.2012
Die meisten Fundamentalisten scheinen gar nicht zu wissen, dass es in der Bibel zwei Schöpfungsgeschichten gibt, die sich teilweise gegenseitig widersprechen (übrigens auch zwei Weihnachtsgeschichten, aber das ist eine andere Baustelle). Den gläubigen Christen würde es gut tun, die Bibel als das zu begreifen was sie ist: eine Sammlung religiöser Texte, die von den verschiedensten Autoren zu den verschiedensten Zwecken über die Jahrhunderte verfasst wurden. Diese Schriften entsprechen natürlich dem Kenntnisstand bzw. der Vorstellungskraft der Menschen der jeweiligen Zeit. Behält man dies im Hinterkopf können die Texte durchaus lehrreich sein aber Wissen entwickelt sich eben auch weiter und obwohl wir heute längst nicht alles wissen, so doch wesentlich mehr als die Ziegenhirten aus biblischen Zeiten. Selbst wenn Moses wirklich mit Gott gesprochen haben sollte, hätte dieser ihm mangels Schulbildung sicher nicht die Welt in ihrer ganzen Komplexität erklären können. Es mag also durchaus Kritikpunkte an der Evolutionstheorie geben, die Bibel ist aber schlicht und einfach kein Ersatz als Welterklärung.
4. Guten Morgen...
mr_supersonic 12.02.2012
Zitat von sysopAn der Frage von Schöpfung und Evolution entzündet sich der Konflikt zwischen religiösen Fundamentalisten und wissenschaftsorientierten Menschen. Charles Darwin wird zur Identifikations- und Symbolfigur der Skeptiker und Religionsgegner - sie spotten und provozieren in seinem Namen. Spott im Namen Darwins: Fisch frisst Fisch - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,814314,00.html)
Ich finde das gut, dass es ein Gegengewicht zu den völlig verdrehten Vorstellungen und Aktionen der Kreationisten nicht nur in den USA gibt. Was ich jedoch grenzwertig finde, ist, dass Wissenschaft und Forschung als quasi "Ersatz" für Religion gesehen wird. Nicht nur dass in unserer Geschichte schon aus solch einer Stimmung Profit geschlagen wurde. Manch einer versucht derart verkrampft mit "Wissenschaftlichkeit" seine Meinung zu untermauern, was im Endeffekt nichts anderes ist als reine Glaubensfragen. Die Kreationisten selbst bestechen Wissenschaftler, um Ihre Thesen verbreiten und stützen zu lassen. Aufklärung und wissenschaftliche Nüchternheit brauchen alle, damit einerseits weniger "Aufgehetzt" werden kann und damit andererseits deutlich werden kann, dass sich Wissenschaft und Religion überhaupt nicht ausschliessen. Z.B. indem jeder durchaus damit leben könnte, dass der Mensch biologisch evolutionär natürlich vom Affen abstammt. Dennoch ist der Mensch als Spezies dem Affen soweit überlegen, dass man sagen kann, dass wir "gesegnet" sind und uns bewusst sind wegen unserer Ausnahmenstellung. Schönen Sonntag...
5. D e n k e n ?
veermaster 12.02.2012
Zitat von sysopAn der Frage von Schöpfung und Evolution entzündet sich der Konflikt zwischen religiösen Fundamentalisten und wissenschaftsorientierten Menschen. Charles Darwin wird zur Identifikations- und Symbolfigur der Skeptiker und Religionsgegner - sie spotten und provozieren in seinem Namen. Spott im Namen Darwins: Fisch frisst Fisch - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,814314,00.html)
"Die Atheisten unter ihnen sehen das sogar als zunehmend notwendiges Gegengewicht zum Übermaß religiösen Denkens im öffentlichen Leben." Es mag ja hochkarätige Denker unter Theologen geben - ganz bestimmt viele Jesuiten, aber auch deren Denken gereicht lediglich zu AMDG, zur höheren Ehre Gottes, fußt demnach auf Glauben! Es gibt kein religiöses "Denken" im öffentlichen Leben, das Kind heißt "Glauben".
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Das "ICHTHYS"-Symbol
Seit dem zweiten Jahrhundert, sagen Historiker, sei der Fisch als Geheimsymbol der Christen verbrieft. Religionshistoriker setzen noch früher an: Schon zu Zeiten des römischen Kaisers Nero (37 bis 68) hätten die frühen Christen das aus zwei Bögen bestehende Fisch-Symbol in den Sand gekratzt, um sich ihrem - im Idealfall dann auch christlichen - Gegenüber erkennen zu geben. Aus dieser Zeit stammen zumindest erste Graffitos mit dem stilisierten Wassertier, die man an den Wänden römischer Katakomben fand.

Seitdem gehörte der "ICHTHYS", wie er auf griechisch heißt, zum Katalog christlicher Ikonografie. Die Herkunft des Symbols ist nicht ganz unumstritten: Sie mag auf das "Menschen fischen" verweisen oder auf das Abendmahl, bei dem auch Fische verspeist wurden oder auf die wundersame Vermehrung von Fischen bei der Speisung der 5000.

Äußerst beliebt ist auch die Deutung, der Fisch stehe eben für das Wort ICHTHYS, dessen Anfangsbuchstaben wiederum für "Jesus Christus, Sohn Gottes, Retter" stünden. So oder so: Es ist ein seit den Siebzigern wieder zunehmend populäres Symbol, das sich bekennende Christen, vor allem aus dem evangelikalen und fundamentalistischen Lager mit Vorliebe als Aufkleber auf die Hecks ihrer Autos pappen - als weithin sichtbares Glaubensbekenntnis.